Fremde Sonne V: Medea in Korinth

Medea hat ihre Kinder getötet. Mit dieser unfassbaren Tat ist sie seit der Antike zu einer der verstörendsten und faszinierendsten Frauenfiguren der Literatur geworden. In „Medea in Korinth“, dem fünften Teil des Antiken-Zyklus „Fremde Sonne“ am Deutschen Schauspielhaus, steht mit Lina Beckmann eine vielschichtige, Herz und Verstand berührende Frau auf der Bühne, die alles ist, nur kein Monstrum.

Furie Medea (Lina Beckmann) – Foto: Moniak Rittershaus

Die Kritik

Alles aus. Als habe man ihr Sprache und jede Energie genommen, kauert Lina Beckmanns Medea stumm auf dem Boden. Die kniehohe Mauer aus Ziegelsteinen (Bühne: Johannes Schütz) dient ihr als Stütze in dieser Welt, die nur noch schwarz ist  wie der Himmel, schwarz wie ihr Kleid (Kostüme: Wicke Naujoks), schwarz wie ihr Inneres. Betrogen und verraten wurde sie, aller Illusionen beraubt. Dabei war sie Iason mit so viel Freude und Enthusiasmus gefolgt, nachdem sie mit ihm zusammen das Goldene Vlies von Kolchis nach Griechenland gebracht hatte, raus aus der von Inzest und Brutalität geprägten Enge im Herrscherhaus ihres Vaters. „Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben glücklich“, hatte sie gestrahlt und sich von Iason geliebt gefühlt. Nach wechselnden Wohnorten in Griechenland waren beide mit ihren gemeinsamen Kindern in Korinth gelandet. Medea hatte sich bemüht, als Fremde nicht anzuecken und ein glückliches Familienleben aufzubauen. Und nun das! Sie soll Korinth verlassen, Iason verstößt sie, weil sie seiner Karriere hinderlich ist. Mit Kreusa, der Tochter von König Kreon, winkt ihm eine mögliche Thronfolge.

Die fürchterliche Tat bekommt eine andere Note.

Roland Schimmelpfennig hat für seine Überschreibung „Medea in Korinth“ die antike Vorlage von Euripides wie auch die psychologischere von Franz Grillparzer verwendet. „Die verlorenen Kinder“ heißt es Untertitel, womit die fürchterliche Tat eine andere Note bekommt. Sie wird nicht als  kaltblütig berechnender Rachemord, sondern eher als schmerzhaften Verlust gesehen, der vor allem Medea selbst betrifft. Karin Beiers Inszenierung stellt sich ganz auf die Seite dieser Frau, ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Sie führt ein mit Medeas Schmerz, ihrer Leere und ihrer Hilflosigkeit, ausgelöst durch Iasons Verrat und die damit verbundene Demütigung. Mitgefühl von Seiten des Publikums ist dieser Frau schon einmal sicher. Dann erscheint Iason. Devid Striesow mit sauber zurückgegeltem Langhaar und Anzug wirkt ganz wie ein Regionalpolitiker mit Ambitionen nach ganz oben. Entsprechend schneidig und selbstbewusst tritt er auf, weiß er doch die Mehrheit der Korinther hinter sich, die Fremde nicht allzu gerne in ihrer Mitte sehen. Außerdem will ihn Machthaber Kreon (in dieser Vorstellung war Samuel Weiss für den erkrankten Michael Wittenborn eingesprungen) zu einem Karriereschub verhelfen. Iason sieht also vor allem seine persönlichen Vorteile, Gefühle stören da nur. Deshalb erklärt er Medea nüchtern, dass sie das Land verlassen muss, und zwar alleine. Die Kinder sollen in Korinth bleiben, wo ihnen eine sichere Zukunft blüht. 

Medea wird in diesem Moment zur glühenden Feministin.

Doch in dem Moment ist es mit Medeas Lethargie vorbei. Sie steht auf und skizziert zornig das Frauenbild, das Iason und die Korinther von ihr erwartet haben und in dem sie auf gar keinen Fall entsprechen will: Ein Kind nach dem anderen gebären, stillen, bis die Brüste leer sind, und ansonsten kuschen und den Mund halten. Medea wird in diesem Moment zur glühenden Feministin, die sich haushoch über die staubtrockene Nüchternheit Iasons stellt. Sie ist die Starke, was sich auch in der Begegnung mit Aigeus (Wolfram Koch) zeigt. Der ist zwar König von Athen,  ein ganz lieber vielleicht, aber eine ziemliche Pfeife. Mit dem Lastenrad  kommt er aus Delphi, wo er vom Orakel Tipps für die Erfüllung seines Kinderwunsches bekommen wollte. Aber Medea und die Kinder jetzt mal ganz schnell nach Athen mitnehmen, will er dann doch nicht. Könnte ja das Verhältnis Korinth-Athen empfindlich stören. 

Beckmanns Medea entwickelt sich zur Furie: „Aiiiiiiiiiooooo“, schreit sie, stampft rhythmisch mit dem Fuß auf und ein im Publikum verteilter Chor antwortet ihr auf jeden Schrei und klopft mit Schlägeln gegen Hartholzkörper. Dazu verstärken Tänzerinnen auf der Bühne synchron Beckmanns Bewegungen. Eine Macht, der sich auch im Zuschauerraum niemand entziehen kann und die auch Kreon fürchtet. Sein Zugeständnis ist, dass Medea vor ihrer Abschiebung die Kinder noch einmal sehen darf. Es rührt einem das Herz, wie sie fröhlich mit ihnen Fangen und Ball spielt, sie an sich drückt und ihnen ihre Liebe beweist. Wenn sie mit ihnen abgeht, ist klar, was passieren wird. Mit ihrer Tat rächt sie sich an Iason, aber am meisten hat sie sich selbst verletzt. Kühl und innerlich leer verabschiedet sie sich von dem Mann, der sie verraten und gedemütigt hat. „Von nun an wirst du, jede Nacht, nur noch von mir träumen“, sagt sie, „und dann wirst du schreiend aufwachen, jede Nacht.“

Es braucht einen kurzen Moment, bis nach diesen intensiven 95 Minuten der Beifall losbricht für eine überragende Lina Beckmann, ein überzeugendes Ensemble und eine Inszenierung, die in all ihren fünf Teilen schon jetzt zum Besten der Saison gehört. Warten wir auf den Februar, um zu erfahren, wie es Medea in Athen ergeht.

Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/medea-korinth

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte

  • Fremdsein in einem anderen Kulturkreis
  • Demütigung, Verrat, Ausgrenzung
  • Stärke der Frau

 

Formale SchwerpunKte

Verstärkung des Spiels durch

  • Chor im Zuschauerraum
  • Tänzerinnen auf der Bühne
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16 Jahre, ab Klasse 11
  • Möglich für den Deutsch-, Geschichts- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Medea hat Jason zum Goldenen Vlies verholfen und dabei ihren Bruder und ihren Vater geopfert. Sie ist mit Jason nach Korinth geflohen in der Annahme, dass sie dort mit ihm und den beiden Kindern ein glückliches Familienleben führen könnte. Dennoch bleibt sie in Griechenland die Fremde und Iason hält sich nicht an sein Versprechen. Im Streben nach weiterer Macht beschließt er auf Geheiß des Königs Kreon, dessen Tochter Kreusa zu heiraten, um später den Thron zu erben. Medea soll abgeschoben werden und die Kinder ihm überlassen, allerdings verlangt er vorher noch von ihr, das Goldene Vlies herzugeben. Gedemütigt und verzweifelt greift Medea zu einem furchtbaren und sie selbst am meisten verletzenden Mittel: Um Jason zu schaden, tötet sie ihre eigenen Kinder. 

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

  • Euripides: Medea (genaue Inhaltsangabe oder Lektüre)
  • Franz Grillparzer: Medea (genaue Inhaltsangabe oder Lektüre)
  • Medea-Mythos
  • Situation von Immigrant:innen z.B. in Deutschland
Speziell für den Theaterunterricht
Bodypercussion:

Die Gruppe steht im Kreis. Die Spielleitung gibt folgende Anweisungen (die Bewegungen sollen hintereinander ausgeführt werden): 

  • zweimal in die Hände klatschen
  • recht Hand auf linke Schulter, linke Hand auf rechte Schulter (zweimal), r
  • rechte Hand auf rechte Hüfte, linke Hand auf linke Hüfte (zweimal), 
  • rechte Hand auf rechte Pobacke, linke Hand auf linke Pobacke 
  • rechte Hand auf rechten Oberschenkel, linke Hand auf linken Oberschenkel (zweimal)

> mehrfach üben, Rhythmus steigern.

Bodypercussion-Konzert

Aufteilen des Kurses in fünf Gruppen. Jede Gruppe bekommt folgende Anweisung nach dem Prinzip der Bodypercussion-Übung:

1: nur klatschen, 

2: klatschen und Schulter, 

3: klatschen, Schultern, Hüften, 

4: klatschen, Schultern, Hüfte, Po

5. klatschen, Schulter, Hüften, Po, Oberschenkel

Die Spielleitung oder ein:e Schüler:in gibt die Einsätze für die Gruppen (alle zusammen, nacheinander, nur 2 und 5 o.ä.)

Sound mit Worten
Gemeinsam

Die Gruppe geht mit gleicher Taktfolge bei den Schritten im Kreis.

Die Spielleitung gibt folgende Verse in unterschiedlicher Stimmlage vor, die die Gruppe entsprechend chorisch nachspricht:

  • Hitze ist spitze tak, tak, tak  
  • im Sand am Strand 
  • Cola Cola an der Copa Cabana  
  • Sonnenbrand, extrem unangenehm 
Als Chor mit unterschiedlichen Sätzen

Bildung von 5er Gruppen. Die Gruppe  stehen in einem großen Kreis, bilden selbst eine Zweierreihe, jede Gruppe bekommt einen der oben eingeübten Sätze zugeteilt, den sie auf einen Impuls in der Lautstärke spricht, die der/die Dirigent:in in der Mitte vorgibt.

Ein:e Schüler:in stellt sich in die Mitte und gibt vor, welche Gruppe beginnt, wann die nächste dazu kommt usw. Über Handzeichen wird die jeweilige Lautstärke geregelt.

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