Fremde Sonne IV: Medea in Kolchis

Wie erfolgreich war Iasons Argonautenfahrt? Gab es einen Deal? Was geschah tatsächlich in Kolchis? In „Medea in Kolchis“, dem vierten Teil des Antiken-Zyklus „Fremde Sonne“,  lässt Autor Roland Schimmelpfennig Medea, ihre Familie und Iason unterschiedlich auf die Ereignisse von damals zurückblicken. Karin Beier inszeniert mit einem fantastischen Ensemble ein intensives Kammerspiel.  

Rekonstruieren die Zeit in Kolchis (v.li: Devid Stresow, Lina Beckmann, Kristof Van Boven, Sebastian Blomberg) – Foto: Monika Rittershaus

Die Kritik

Was ist das hier: Eine Krankenhaus? Eine Psychiatrie oder ein Therapiezentrum? Auf  Plastikstühlen sitzen vier Personen in einer Reihe. Der eine hat ein zugeklebtes Auge, einen Kopfverband, seine umwickelten Beine halten ihn nur mit Hilfe von Krücken. Ab und zu bleckt der die Zähne zu einer Art Grinsen, wobei er den Kopf in unbestimmte Richtungen dreht. Der ältere Mann trägt einen weißen Bademantel und blickt stumpf vor sich hin, ebenso die junge Frau in der Adidas-Trainingshose. Aufrecht und direkt nach vorne blickt nur der weißgekleidete Mann mit dem langen zurückgekämmten Haar und strahlt Selbstbewusstsein aus (Kostüme: Wicke Naujoks). Ausgerecht er! Ausgerechnet Iason (Devid Striesow)! Er war es doch, der die ganze Katastrophe um Medea (Lina Beckmann), ihren Vater Aietes (Sebastian Blomberg) und ihren Bruder Absyrtos (Kristof Van Boven) verschuldet hat. Das so entstandene Trauma wird in dieser Sitzung mühselig zurückverfolgt. 

„Im Reich der Sonne ist es immer dunkel.“

„Eine Rekonstruktion“ lautet denn auch der Untertitel zu „Medea in Kolchis“, dem vierten Teil des Antiken-Zyklus „Fremde Sonne“ am Hamburger Schauspielhaus. Aus der Erinnerung lässt Roland Schimmelpfennig die Figuren erzählen, was sich auf Kolchis zugetragen hat, nachdem Iason mit seinen Argonauten an dessen Küste angelandet ist. Karin Beier inszeniert diesen knapp zweistündigen Teil als dichtes Kammerspiel, in dem die Figuren – ausnahmslos eindrucksvoll in ihrer jeweiligen Darstellung – zu schwer traumatisierte Menschen geworden sind. Es ist Lina Beckmanns Medea, die fast tonlos den ersten Satz in die Stille wirft: „Im Reich der Sonne ist es immer dunkel.“ Das Goldene Vlies, Synonym für Licht, Wärme und Reichtum, sollte Iason nach Korinth bringen. Er vermutete es in Kolchis, der Heimat von Medea und ihrer Familie, dorthin war er aufgebrochen mit seinen Argonauten, die eher an eine Gurkentruppe als an tatkräftige Kämpfer denken ließen (siehe dazu Fremde Sonne I-III: Die Argonauten). Doch schon auf der Fahrt erwies sich Iason nicht als der strahlende und mutige Held, der er gerne gewesen wäre. Hatte er anfangs noch getönt, dass es auf keinen Fall um einen Raubzug gehe und schon gar nicht darum Mädchen zu verschleppen, packte ihn letztlich doch die Gier nach dem Goldenen Vlies. Für ihn zählt Moral jetzt weniger als das Recht des Stärkeren. 

Unstrittig ist, dass Iason und Medea voneinander fasziniert waren.

Aber was geschah denn nun tatsächlich in Kolchis? Offenbar gibt es von den vier Anwesenden unterschiedliche Wahrnehmungen und Wahrheiten. Iason sieht Kolchis als Barbarenland. Seine Beschreibung von der Ankunft könnte direkt dem Film „Apokalypse New“ entnommen sein: ein sich durch eine dschungelartige Landschaft tastendes Boot, von den Bäumen herabhängende Tote. Ob das wirklich stimmt? Unstrittig ist, dass Iason und Medea voneinander fasziniert waren. „War das so?“, fragt Medea, und beide treten noch einmal zurück in die Zeit der ersten Begegnungen. Unbeholfen und schüchtern kichernd sitzen sie nebeneinander, fragen nach dem ersten Kuss („Hast du schon mal…“?) und den Gepflogenheiten in dem Land des Anderen. Während Iason unsicher wirkt und daher umso fester behauptet: „Das zwischen uns, das ist ja echt“, ist Medea eindeutig die Stärkere. Und sie hat Gründe: Sie will fort aus ihrer Familie, in der inzestuöses Verhalten und Brutalität an der Tagesordnung sind – ihr Vater ballert ein paar Mal besinnungslos mit Schusswaffen nach ihr -, und sie will „glücklich sein, nur mit ihm“, gemeint ist Iason. Dafür hilft sie ihm, das Goldene Vlies zu rauben, tötet den Vater und verstümmelt ihren kleinen Bruder Absyrtos. „Die Wahrheit ist, es war ein Handel!“, kräht Absyrtos hellsichtig und prophezeit Iason: „Du wirst verrecken an dem Reichtum, den du an dich reißt.“ Der Mythos will, dass Medea mit Iason nach Korinth geht, in eine ihr fremde Zivilisation. „Ich bin das erste Mal in meinem Leben glücklich“, strahlt sie. 

Ein intensives, fantastisch gespieltes Kammerspiel geht zu Ende. Dringend erwartet man den nächsten Teil. 

Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/medea-kolchis

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte

  • Problematisieren von Ehrlichkeit, Wahrheit
  • Persönliche Wahrnehmung vs objektive Tatschen
  • Wirtschaftliche Interessen vs persönliche Gefühle

 

Formale SchwerpunKte
  • Nachspielen von Szenen aus einer festgelegten Situation heraus
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16 Jahre, ab Klasse 11
  • Möglich für den Deutsch-, Geschichts,- Philosophie- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

ason ist mit seinen Argonauten in Kolchis gelandet. Das Land empfindet er als barbarisch, dennoch verliebt er sich (oder gibt es zumindest vor) in Medea, die Tochter des Herrschers Aietes. Der besitzt das Goldene Vlies, das Iason nach Korinth bringen soll. Da Iason selbst aber keine Möglichkeit sieht, an das Goldene Vlies zu kommen, benötigt er Medeas Zauberkräfte. Dafür verspricht er ihr, sie mit zu sich nach Griechenland zu nehmen und sie aus der ihr verhassten Familie zu befreien. Medea muss ihren Vater umbringen und ihren Bruder verstümmeln, um an das Vlies zu gelangen und mit Iason zu fliehen. Trotz dieser Tragödie behauptet sie, endlich ihr Glück gefunden zu haben.

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

  • Medea-Mythos (Euripides, Franz Grillparzer, Hans Henny Jahnn) 
  • Vergleich der jeweiligen Inhaltsangaben
  • Begriff der Wahrheit (Definition)
Im Unterrichtsgespräch
  • Gibt es eine Wahrheit?
  • Wie geht man mit unterschiedlichen Sichtweisen um? Sind sie unwahr?
  • Verändert sich im Rückblick eine Wirklichkeit?
Speziell für den Theaterunterricht

Die Spielleitung teilt zwei große Gruppen ein.

Aufgabe zum Thema: Die Argonauten landen an am Ufer von Kolchis. Sie begegnen dem dort lebenden Volk.

Entwickelt eine Szene (ohne Text) und überlegt: 

  • Welche  Formationen (Reihe, Pulk o.ä.) sind dafür geeignet oder kann auf Formationen verzichtet werden?
  • Wie wird der Unterschied von Argonauten und Kolchern in Körperhaltung, Gang deutlich?
  • Wie reagieren die jeweiligen Gruppen aufeinander?

Präsentation und Feedback

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