Der Wij

Gogols Erzählung dient Bohdan Pankrukhin und Kirill Serebrennikov als Blaupause für die Darstellung des Kriegs in der Ukraine.

Lichtstrahlen wie Geschosse – Foto: Krafft/Angerer

DIE KRITIK

Es ist stockdunkel. Von irgendwoher kommt ein Ächzen, ein schrilles Kreischen. Von einem Menschen? Oder doch von einer Sirene? Genau lässt sich das nicht sagen. Dann nähern sich drei Taschenlampen aus der hinteren Ecke der Bühne. Vage lassen sich drei Gestalten erkennen. Ihre Uniformen sind abgerissen, die Gesichter schmutzig. Sie schubsen und prügeln einen Mann. Mehr wimmerndes Bündel als Mensch, eingeschnürt in seine Klamotten. Was sie mit ihm tun sollen, fragen sich die Drei. „Abschlachten“, schlägt einer vor.

Ein düsteres Szenario schildert Kirill Serebrennikov (verantwortlich für Buch, Regie, Bühne und Kostüme) in der Uraufführung von „Der Wij“ im Thalia in der Gaußstrasse. Der Krieg in der Ukraine und das, was er aus den Menschen macht, brennt dem russischen Theatermann auf der Seele. Um davon zu erzählen, haben er und der junge ukrainische Dramatiker Bohdan Pankrukhin die Erzählung „Der Wij“ von Nicolaj Gogol als Grundlage für ihr Stück genommen. Der Wij ist eine mythische Gestalt aus der Unterwelt. Charakteristisch sind seine schweren, bis zur Erde herabhängenden Augenlider. Sehen kann er nur, wenn andere ihm helfen, die Lider zu heben. Doch dann ist sein Blick tödlich. Für Menschen, für Dörfer, für ganze Städte.

„Ein seelenloses Monster mit geschlossenen Augen.“

Serebrennikov entpersonalisiert den Wij. In seinem Stück setzt er ihn mit dem Krieg gleich. Der ist für ihn„ein seelenloses Monster mit geschlossenen Augen“, wie er im Programmheft erklärt. Der Krieg, hier der in der Ukraine, unterscheidet nicht mehr zwischen den Menschen. Egal ob Russen oder Ukrainer, die Soldaten werden im Krieg zu Tieren, verlieren jede Art von Humanität.  

Die Bühne oder das, was davon zu sehen ist, zeigt einen Keller. Die Sprossenwände und das Seil lassen vermuten, dass hier mal eine Turnhalle war. Taschenlampen und ein kaputtes Fahrrad als Generator für eine Arbeitslampe geben spärliches Licht. Der Raum ist dunkel und kalt. Drei Brüder (Johannes Hegemann, Pascal Houdus, Oleksandr Yatsenko) haben einen Gefangenen (Filipe Avdeev)  in der Mangel. Sie sind nicht zimperlich, denken sich die brutalsten Torturen aus. Sind das jetzt Russen? Oder Ukrainer? „Wozu brauchst du fünf Handys?“, fragt der Großvater (Falk Rockstroh) – und da wird klar, dass sich hier Ukrainer an einem russischen Plünderer und Vergewaltiger rächen. Zwei feindliche Lager, beide gleich grausam, beide gleich verletzt. Nur sind eben die Russen die Aggressoren. Sie haben die Spirale in Gang gesetzt.

Montagues und Capulets, Ukraine und Russland

In Anlehnung an Gogols Erzählung wird der Russe gezwungen, zur Strafe der toten schönen Tochter (Rosa Thormeyer), die er vergewaltigt hat, vorzulesen. (Im Original hat die Hauptfigur, ein Student, Schuld auf sich geladen, als er eine schöne Frau unwissentlich erschlagen hat. Als Buße muss er an ihrem Sarg Totengebete lesen). Es sind Szenen aus „Romeo und Julia“. Der Russe ist nicht imstande sie vorzulesen, das übernehmen die anderen. Überdeutlich wird Serebrennikovs Botschaft: Zwei Liebende werden durch ihren Namen zu Feinden erklärt, Montagues und Capulets, Ukraine und Russland.

Am Ende erscheint auch in diesem Stück der titelgebende Wij. Bernd Grawert zeigt ihn als zynischen, aufdringlich-grausamen Show-Mann. Das entmenschlichte Szenario nutzt er als seine Bühne, zwingt das Publikum zu lachen, wenn er es gebietet. Er ist der Marionettenspieler, er zwingt den russischen Gefangenen in die Knie und will ihn töten. Doch da erscheint die Schöne und flüstert allen Beteiligten etwas ins Ohr. Der Gefangene wird losgelassen, die anderen verschwinden. Allein spricht der bis dahin Stumme  in einem –  etwas zu lang geratenen –  Monolog  abwechselnd auf russisch und deutsch von seiner Schuld und seiner Schuldlosigkeit, seiner Verzweiflung und seiner Angst. Dass er sein Vaterland lieben muss, weiß er. Aber töten wollte er nicht. Damit verurteilt Serebrennikov nicht den Einzelnen. Schuld allein ist der Krieg, das „seelenlose Monster“. Lichtstrahlen durchsieben den Verzweifelten am Ende, mit seinem Handy erreicht er niemanden mehr. Ein furchtbarer, ein eindrucksvoller Schluss.

Und gerade möchte man schlucken und zum Applaus ansetzen, da bittet eine Stimme aus dem Off nicht zu klatschen. Aus Respekt vor den Opfern des Krieges. Stille also. Regisseur, Co-Autor und Ensemble treten hinter dem Dargestellten zurück – und das verdient keinen Beifall. 

https://www.thalia-theater.de/stueck/der-wij-2022

Weiterlesen: Der Wij

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • der Krieg als seelenloses Monster
  • die Entmenschlichung der Soldaten durch den Krieg
  • die Unsinnigkeit von verordneten Feindschaften 
  • die Frage nach der Schuld

 

Formale Schwerpunkte
  • Mischung von Fantastischem (Auftritt des Wij) mit Realem
  • Ausleuchtung des Raumes über Taschenlampen
  • Verwendung von Instrumenten wie Akkordeon, Gitarre u.ä. als Geräuschkulisse
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufen
  • ab 16 Jahre; Jahrgangsstufe 10
  • geeignet für Deutsch-, Ethik-, Geschichts- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

In Gogols Erzählung verirrt sich ein Student auf seiner Wanderschaft. Er findet Unterschlupf in einem Stall bei einer alten Frau, die er als Hexe bezeichnet. Nachts erscheint ihm diese Frau, setzt sich auf ihn und zwingt ihn, mit ihm als Pferd über das Land zu reiten. Der Student wehrt sich irgendwann erfolgreich, überwältigt die Hexe und erschlägt sie. Als er genauer hinsieht, erkennt er in ihr eine junge Schönheit. Wenig später wird er von dem Hundertschaftsführer eines Kosakenheeres gebeten, drei Nächte lang am Sarg von dessen Tochter die Totenmesse zu lesen. Der Student willigt nach anfänglichem Zögern ein und erkennt in der Tochter die schöne Hexe. In der ersten und zweiten Nacht steht die Schönheit von den Toten auf und nähert sich ihm in Racheabsicht. In der dritten Nacht holt sie den Wij zur Hilfe. Der Student bekommt solche Angst vor dem Ungeheuer, dass er stirbt.

Bei Pankrukhin und Serebrennikov sind nur noch Motive der Erzählung zu erkennen. Hier geht es im Wesentlichen darum, was der Krieg – hier gleichgesetzt mit dem Wij – mit ukrainischen und russischen Soldaten macht. Der Schwerpunkt liegt auf der Angst, der Verzweiflung, gleichzeitig aber auch auf der Brutalität und der Skrupellosigkeit, die in beiden Lagern gleich ist. 

Mögliche VorbereitungeN
  • Referat zu Kirill Serebrennikov (Leben/Werk)
  • Diskussion: Unter welchen Umständen kann der Mensch seine Werte/ seine Ideale noch bewahren? Welche Auswirkungen haben Kriege auf die Soldaten?
  • Lektüre von Nikolaj Gogol: „Der Wij“.

Speziell für den Theaterunterricht

Gliederung; Bühnenbild
  • Vorlesen/Lesen der Inhaltsangabe zu Gogols Erzählung
  • Gliederung der Erzählung in einzelne Szenen/Bilder
  • Erstellen eines multifunktionalen Bühnenbildes für alle Bilder
Übung mit Taschenlampen

Jede:r Spieler:in erhält eine Taschenlampe (oder bringt eine mit).

Den Raum verdunkeln, die Hälfte der Gruppe wird als Publikum an den Rand gesetzt, die andere probiert:

  • Verteilt euch im Raum, 
  • jede:r hält sich die Taschenlampe direkt unter das Gesicht
  • jede:r zielt mit seiner Taschenlampe auf ein Gegenüber
  • jede:r zielt mit der Taschenlampe an die Decke
  • u.ä.

Wirkung besprechen, Wechsel