Jane bleibt sie selbst. Sagt höflich, was sie denkt und verbiegt sich nicht, egal ob Konventionen und gesellschaftliche Grenzen Zurückhaltung verlangen. Eine selbstbewusste junge Frau im viktorianischen Zeitalter – das war im 19. Jahrhundert schon eine Sensation. „Jane Eyre“, Titelfigur von Charlotte Brontës Roman, wurde weltberühmt. Hat sie heute Staub angesetzt? Auf keinen Fall, wie Jona Manows konzentrierte Inszenierung im Theater Das Zimmer beweist.

Die Kritik
Wer „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë gelesen oder nur eine der zahlreichen Verfilmungen gesehen hat – Wikipedia gibt eine Auswahl (!) von 24 Filmen an -, denkt an hügelige Landschaften in sattem Grün, ein herrschaftliches Schloss mit prunkvollen Räumen und Menschen mit oder ohne Pferd in aufwändigen Kostümen. In Hamburgs kleinstem Theater an der Washingtonallee ist nur ein schmaler, mit Teppich ausgelegter Steg zwischen den zwei einander gegenüberliegenden Sitzreihen zu sehen. Er endet auf der rechten und linken Seite auf je einem schmucklosen Podest – und das war’s auch schon in puncto Bühnenbild. Um welche Räume es in den folgenden zwei Stunden (inkl. Pause) gehen wird, wer sich wann wo befindet, überlässt Regisseur Jona Moanow ganz dem Spiel der beiden Schauspielerinnen Anke Bautzmann und Lena Anne Schäfer. Gemeinsam mit ihnen hat er die Bühnenfassung des je nach Ausgabe ca 700-seitigen Romans entwickelt. Herausgekommen ist eine konzentrierte Inszenierung, die das Selbstbewusstsein und die Stärke von Jane Eyre in den Mittelpunkt stellt.
Bautzmann und Schäfer bilden einander ein Spiegelbild, jede kann Jane, aber auch eine ganz andere Figur darstellen.
Beides zeichnet sich bereits in den kurz angedeuteten Szenen zu ihrer Kindheit und Zeit im Internat an. Sie duckt sich weder vor der strengen Tante noch vor dem Schulleiter, findet aber Unterstützung in ihrer jung an Tuberkulose sterbenden Mitschülerin Helen. Die Bedeutung dieser Freundschaft unterstreicht Manow, indem er Helens Tod und ihrem Vermächtnis noch einmal eine ausführliche Szene am Ende des knapp zweistündigen Abends (inkl. Pause) widmet. Nach der Schulzeit nimmt Jane eine Stellung als Gouvernante in einem Schloss an, Hausherr ist der allseits wegen seiner Unberechenbarkeit und seiner Strenge respektierte oder besser: gefürchtete Edward Rochester. Die Beziehung dieser beiden von Benehmen und gesellschaftlicher Klasse so unterschiedlichen Menschen nimmt einen breiten Raum ein. Und das funktioniert, ohne dass ein männlicher Schauspieler auftreten muss. In schlichten blauen T-Shirt-Kleidern und Sneakersöckchen, die Haare zu Zöpfen geflochten bilden Bautzmann und Schäfer einander ein Spiegelbild. Jede kann Jane sein, jede kann aber auch eine andere Figur darstellen. Dabei hilft ein „..sagte er“ oder „…sagte sie“, angeschlossen an eine Erzählpassage und den ersten Satz einer wörtlichen Rede. Beide Schauspielerinnen bewältigen mit Bravour die enormen Textanteile und schaffen es, über unterschiedliche Körperhaltungen, Gestik und Mimik eine Reihe von Personen zu etablieren, die für die Geschichte von Interesse sind. Das Imitieren des Wimmerns und Schnaufens von Rochesters eingesperrter Frau sorgt allerdings leider für Lacher, wodurch Janes Angst nicht ganz ernst genommen wird. Eindrucksvoll zeigen Bautzmann und Schäfer die Beziehung und darauffolgende Liebe zwischen Rochester und Jane, bleiben aber auch hier dicht an der starken Frau und vermeiden jedes Pathos. „Ich habe ihn geheiratet, lieber Leser“, heißt es am Ende. Kein Kitsch, keine tränenreiche Versöhnung, einfach nur diese Feststellung. Dafür erfährt die Freundschaft zu Hellen im Rückblick nochmal eine Würdigung. Wer mit dem Titel „Jane Eyre“ bislang Nostalgie und Romantik verbunden hat, kann im Theater Das Zimmer eine frische, zeitgenössische und gleichsam berührende Version erleben.
Weitere Informationen unter: https://www.theater-das-zimmer.de
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Selbstbestimmtes Handeln
- Ermutigung durch tiefe Freundschaft (Jane – Helen)
- Überwindung von Konventionen und gesellschaftlichen Grenzen
Formale SchwerpunKte
- Aufteilung der Rollen auf zwei Schauspielerinnen
- Annehmen der Rollen über Erzählpassagen
- Bühne als Steg zwischen zwei Zuschauerreihen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12
- geeignet für den Englisch-, Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Jane Eyre wächst als Waisenkind bei ihrer strengen Tante auf. Die kommt mit dem Widerspruchsgeist des Mädchens nicht zurecht und gibt es in ein Internat. Dort lässt sich Jane trotz rigoroser Regeln den Mund nicht verbieten und nimmt Strafen in Kauf. Rückhalt findet sie bei ihrer Mitschülerin Helen, die allerdings noch während der Schulzeit an Tuberkulose stirbt. Jane bewirbt sich auf eine Stelle als Gouvernante und wird tatsächlich im Schloss des impulsiven und oft abwesenden Edward Rochester eingestellt, wo sie dessen Mündel unterrichtet. Rochester verliebt sich in die unkonventionelle und mutig ihre Meinung vertretende Jane und beide beschließen zu heiraten. Am Tag der Hochzeit erfährt Jane jedoch, dass Rochester bereits verheiratet ist mit einer Frau, die wegen ihrer psychischen Krankheit oben im Schloss eingesperrt ist und deren unheimliche Geräusche Jane immer wieder erschreckt hatten. Jane verlässt das Schloss und nimmt eine Stelle bei einem Missionar an, der sie mit nach Indien nehmen will. Als sie jedoch erfährt, dass Rochesters Frau das Schloss in Brand gesetzt hat und selbst zu Toden gekommen ist, reist sie zurück zu Rochester, der durch den Brand sein Augenlicht verloren hat, und heiratet ihn.
Mögliche Vorbereitungen
Recherche zu
- Charlotte Brontë (Leben und Werk)
- Inhaltsangabe zu „Jane Eyre“
- Stellung und rolle der Frau im viktorianischen Zeitalter
Speziell für den Theaterunterricht
Erstellen einer Szene aus einem Romanabschnitt
Die Spielleitung teilt Dreiergruppen ein und verteilt nachfolgenden Text mit der Aufgabe:
Erstellt eine Szene zu diesem Text. Deutlich werden sollten:
- Ort und Figuren sowie die Gedanken Janes.
Präsentation und Feedback
Text
Mit Bewick* auf meinen Knieen war ich damals glücklich: glücklich wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Unterbrechung, eine Störung – und diese kam nur zu bald. Die Thür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.
»Bah, Frau Träumerin!« ertönte John Reeds Stimme; dann hielt er inne; augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu finden.
»Wo zum Teufel ist sie denn?« fuhr er fort, »Lizzy! Georgy!« rief er seinen Schwestern zu, »Joan ist nicht hier. Sagt doch Mama, daß sie in den Regen hinaus gelaufen ist – das böse Tier!«
»Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,« dachte ich; und dann wünschte ich inbrünstig, daß er mein Versteck nicht entdecken möge; John Reed selbst würde es auch niemals entdeckt haben; er war langsam, sowohl von Begriffen wie in seinem Wahrnehmungsvermögen; aber Eliza steckte den Kopf zur Thür hinein und sagte sofort:
»Sie ist gewiß wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh nur nach, Jack,«
Ich trat sofort heraus, denn ich zitterte bei dem Gedanken, daß der erwähnte Jack mich hervorzerren würde.
»Da bin ich, was wünscht Ihr?« fragte ich mit schlecht erheuchelter Gleichgültigkeit.
»Sag: was wünschen Sie, Mr. Reed,« lautete seine Antwort. »Ich will, daß du hierher kommst,« und indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er mir durch eine Geste zu verstehen, daß ich näher kommen und vor ihn treten solle.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn Jahr alt; groß und stark für sein Alter, mit einer unreinen, ungesunden Hautfarbe; große Züge in einem breiten Gesicht, schwerfällige Gliedmaßen und große Hände und Füße. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so vollzupfropfen, daß er gallig wurde; das machte seine Augen trübe und seine Wangen schlaff. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach Hause geholt »seiner zarten Gesundheit wegen«. Mr. Miles, der Direktor der Schule versicherte, daß es ihm außerordentlich gut gehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen von Hause schicken wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich bei einer so roh ausgesprochenen Meinung und neigte mehr zu der feineren und zarteren Ansicht, daß Johns blaßgelbe Farbe von Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh herrühre. –