Nur ein Tag

Das Leben ist endlich. Schade eigentlich. Aber gerade deshalb sollte man es feiern. Wie Wildschwein, Maifliege und Fuchs in Martin Baltscheits lebenskluger Geschichte „Nur ein Tag – Blots een Dag“. Marc Becker hat sie im Ohnsorg Studio mit einem hinreißenden Ensemble inszeniert. Der plattdeutsche Anteil ist gering und gut zu verstehen 

Wildschwein (v.li: Christopher Weiß), Maifliege (Antje Otterson) und Fuchs (Holger Dexne) feiern das Leben. – Foto: Sinje Hasheider

Die Kritik

Kunterbunte Kissen in Form von Kugeln, Rechtecken, Quadraten oder Kegeln liegen auf Matratzen und einem langgezogenen blauen Tuch, dahinter spannen sich vollgehängte Wäscheleinen. Ein Holzhäuschen mit Herz, eindeutige als Plumpsklo definiert, steht mitten in dieser wilden Landschaft. Yvonne Marcour (auch verantwortlich für die Kostüme) hat die langgestreckte Bühne des Ohnsorg Studios mit jeder Menge Schaumstoffelementen ausgestattet. Jedes einzelne ist vielfältig einsetzbar (als Baum, Stein, Schultüte, Blumenstrauß oder Geburtstagstorte), man kann mit ihnen werfen oder auf sie drauf fallen, ohne sich weh zu tun. 

Das Bühnenbild passt sich wunderbar Marc Beckers Inszenierung von „Nur ein Tag – Blots een Dag“ an, beide bauen auf die kindliche Fantasie, die gar keine Mühe hat, bloße Behauptungen mit Bildern oder Leben zu füllen. Und es klappt, wie bei dem Besuch einer Schulvorstellung deutlich wurde. Die Schüler:innen ließen sich von der knapp einstündigen Vorstellung mitreißen, wussten aber immer, dass es sich um eine Spiel handelt.  „Wir tun jetzt einfach so, als ob ich satt bin“, so ein Satz kann auch im Spiel von Kindern fallen. Das Ensemble sucht den Kontakt mit dem Publikum und macht es zum Komplizen. 

„Hi“ grüßt der Schauspieler Holger Dexne und wirft sich auf eine der Matratzen, sein Kollege Christopher Weiß inspiziert das Klohäuschen und versprüht etwas „Waldspaziergangs“-Spray. Noch sind beide ganz die Schauspieler, die mit dem Publikum scherzen, die aber allmählich mit Geräuschen den Ort als Wald etablieren. Eine Lederweste und eine rotblonde Perücke genügen, um in ihnen das Wildschwein (Weiß) und den Fuchs (Dexne) zu sehen. Ihre Neckereien und das rasante Toben (gut, dass sie weich fallen) endet in dem Moment, als sich aus einer Art grünem Schlafsack langsam ein Wesen herausschält. Es zieht sich ein grünglitzerndes Kleidchen über, setzt eine runde Brille auf, flattert mit einem „Sssssss“  herum und nennt sich selbst eine Maifliege (Antje Otterson). Fuchs und Wildschwein wissen beide, dass diese Fliegen nur einen Tag lang leben, was furchtbar traurig ist. Zumal gerade diese Fliege quicklebendig und lebenslustig erscheint. Also beschließen sie, die Sache einfach umzudrehen und so zu tun, als würde der Fuchs nur diesen einen Tag leben.

„Wer weint denn um eine Eintagsfliege?“

Baltscheits Geschichte behandelt das ernste Thema mit Humor und Lebensklugheit. Das Beste aus der begrenzten Zeit herauszuholen, möglichst alles mitzunehmen – darum geht es hier. Die Maifliege organisiert für den Fuchs zusammen mit dem Wildschwein ein ganzes Leben im Zeitraffer: zur Schule gehen, heiraten, Kinder kriegen, alt werden und am Schluss Geburtstag feiern, denn der Tag der Geburt ist auch der des Sterbens. Beckers Inszenierung hat Tempo, macht Spaß, lässt aber auch stille Momente zu und blickt zärtlich auf die Figuren. Am Ende nämlich verschwindet die Maifliege, weil der Fuchs sich verraten und sie eine Eintagsfliege genannt hat. Wildschwein und Fuchs suchen nach ihr. Eine deprimierte Eintagsfliege (ebenfalls von Dexne und Weiß gespielt), die ihr Leben nur mit dem Herunterzählen der Zeit verbringt, kann nicht helfen, bietet aber einen eindrucksvollen Gegenentwurf zu ihrer temperamentvollen Maifliege. Schließlich  finden sie sie zusammengekauert am Flussufer. Bald wird sie sterben, hat aber ihre Eier im Fluss abgelegt, so dass am nächsten Morgen neue Maifliegen schlüpfen werden. Ganz einfach ist damit der ewige Kreislauf von Leben und Sterben beschrieben. 

„Wer weint denn um eine Eintagsfliege?“, fragen Fuchs und Wildschwein wie zum Trost. Eine Reihe erwachsener Zuschauer:innen, vielleicht auch ein paar Kinder, würden jetzt die Hände heben am Ende dieser zärtlichen, humorvollen und klugen Vorstellung.

Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/nur-ein-tag-blots-een-dag/

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Endlichkeit des Lebens
  • Feier des Leben
Formale SchwerpunKte
  • Spiel mit Behauptungen
  • Einsatz von multifunktionale Requisiten
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 5/6 Jahre, ab Vorschulalter
Zum Inhalt

Fuchs und Wildschwein sehen beide, wie eine Eintags- oder auch Maifliege schlüpft. Weil sie so niedlich ist, möchten sie ihr nicht erzählen, dass sie nur einen einzigen Tag leben wird und beschließen, ihr eine ausgedachte Geschichte zu erzählen. Demnach ist nämlich der Fuchs derjenige, der nur einen Tag lebt. Die Maifliege – emphatisch und tatkräftig –  hat Mitleid und beschließt, dem Fuchs gemeinsam mit dem Wildschein einen großartigen Tag zu bereiten. Einen Tag, an dem sich das ganze Leben abspielt. Tatsächlich gelingt es den beiden bis zu dem Moment, an dem der Fuchs in seiner Geburtstagsrede die Maifliege gedankenlos als Eintagsfliege bezeichnet. Enttäuscht und verletzt verschwindet die Maifliege, wird aber später von Fuchs und Wildschwein am Flussufer gefunden. Dort hat sie ihre Eier abgelegt und weiß, dass nach ihrem Tod neue Maifliegen kommen werden. Ein kleiner Trost für Fuchs und Wildschwein.

Mögliche Vorbereitungen
Was aus einem Gegenstand werden kann 

Die Klasse setzt sich im Kreis um ein großes Tuch. Die Lehrkraft fragt, in was dieses Tuch sich alles verwandeln kann und gibt eventuell ein Beispiel, indem sie das Tuch zusammenknüllt und wie ein Baby in den Armen wiegt. Danach legt sie das Tuch wieder in die Mitte und fordert die Schülerinnen auf, in die Mitte zu gehen und selbst eine Idee zu zeigen, die die anderen dann erkennen müssen.

Variation: Statt des Tuchs Gymnastikstäbe aus Holz

Entwicklung einer Geschichte

Die Lehrkraft fragt: „Welche Geschichte könnte man erzählen, in der das Tuch (der Stab) immer wieder eine neue Funktion annimmt?“. Verschiedene Ideen aus der Klasse werden angeschrieben, danach darf sich jede:r einem Thema zuordnen. Jede der so entstandenen Gruppen entwickelt ihre Geschichte, wobei sie das Tuch (den Stab) in der jeweils neuen Funktion präsentiert.   

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