Fremde Sonne I-III: Prolog, Zwischenspiel, Die Argonauten

Am Deutschen Schauspielhaus ist zur Spielzeiteröffnung wieder eine neue Serie am Start. Basierend auf dem Argonauten-Mythos hat Roland Schimmelpfennig die Ursprünge von imperialer Kolonialisation und deren Folgen untersucht. Unter dem Obertitel „Fremde Sonne“ erzählt er in sechs Teilen von Gier, Unterdrückung, Demütigung und Rache, eine zentrale Rolle spielt dabei die Figur der Medea. In der dichten, pointierten Inszenierung von Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier sind jetzt die ersten fünf Teile an der Kirchenallee zu sehen, Teil sechs folgt im Februar 2027.

Motor allen Handelns ist zunächst die Jagd nach dem sagenumwobenen Goldenen Vlies.  Der Abend „Prolog. Zwischenspiel. Die Argonauten“ liefert damit die Vorgeschichte zum Medea-Mythos.

Bei der Fischverarbeitung (v.li: Lina Beckmann, Jan-Peter Kampwirth, Bjarne Mädel) – Foto: Monika Rittershaus

Die Kritik

Prolog: Der goldene Widder

Es beginnt ähnlich wie der„Anthropolis“-Zyklus. Auch hier steht im Prolog ein Erzähler im Kegel eines Scheinwerfers (bei der Premiere Roland Schimmelpfennig für den erkrankten Michael Wittenborn) und führt ein in Ort und Stimmung der Handlung, begleitet von kaum wahrnehmbaren verwehten Tönen (Jörg Gollasch, für Komposition und Musik in allen Teilen zuständig). Von einer jungen Frau ist die Rede, die Bilder ins Weltall zeichnen kann und in die sich ein Gott verliebt. Und schon ist man gefangen von der Situation, die gar nicht so fern erscheint. Denn durch minimale Schlenker – die junge Frau knutscht mit Freunden und trinkt Tequila – macht Schimmelpfennigs Text wie auch bei „Anthropolis“ die Geschichte greifbar, ohne dafür Poesie und Tiefe zu opfern. Die junge Frau, heißt es, hat den Gott gar nicht gesehen, aber der fühlt sich gedemütigt und verwandelt sie in einen Stier – es ist das letzte Sternzeichen, das ihr noch fehlt. Sie bekommt ein Kind, das gleichzeitig Gott, Mensch und Tier ist. „Der goldene Widder“, so der Untertitel des Prologs, ist geboren, ein Wesen mit einem goldenen Fell. Es „strahlt so hell wie die Sonne“, wird als das Goldene Vlies zum Objekt der Begierde, denn es bedeutet Licht, Wahrheit und Reichtum. Niemand scheint das dringender zu brauchen als die Stadt Iolkos. Die ist zu einem kalten, trostlosen Ort verkommen, als ein Kind von Göttin Nephele und König Athamas vom Rücken des goldenen Widders ins Meer gestürzt ist. 

Von der Arbeit entfremdete Menschen

Auf der Bühne (Johannes Schütz) sind vor nachtschwarzem Hintergrund Metalltische aufgebaut, dahinter Männer und Frauen mit Gummischürzen, Plastikeimern, Styroporkästen und Messern. Das neunköpfige Schauspielensemble wird durch einen schwarzgewandeten Chor durch synchrone Bewegungen unterstützt. Was wir sehen, sind von ihrer Arbeit entfremdete Menschen, die mechanisch und freudlos ihren Job in einer Fischverarbeitungshalle irgendwo in einer modernen Industriestadt verrichten. Da platzt plötzlich mit fröhlichem Winken und einem „Hallo!“ zur Begrüßung ein Mann herein. Mit seinem roten Kinderkleid (Kostüme: Wicke Naujoks) ist er ein echter Farbtupfer. Ein merkwürdiger zwar, aber einer, der Hoffnung verkörpert. Es ist Iason (David Stresow), der als rechtmäßiger Thronfolger und zukünftiger Herrscher der Stadt gilt, das Kleid trägt er zur Tarnung. Von diesem unbedarften, irgendwie naiven Menschen erhofft sich die Stadt Errettung: Er soll das Licht, das Goldene Vlies, und damit den Reichtum zurückholen – Gier ist dafür der eigentliche Motor. 

Zwischenspiel: Zentaur, Höhle, Baum und Balken

Cheiron, der Zentaur (Mirco Kreibich) – Foto: Monika Rittersberg

Damit endet nach knapp 50 Minuten der Prolog. Nach einem kurzen, sehr unterhaltsamen Intermezzo, bei dem die Fabrikarbeiter:innen Eiskonfekt im Publikum verteilen, beginnt das Zwischenspiel, das im Rückblick von Iasons Herkunft und Erziehung erzählt. Der Untertitel „Zentaur, Höhle, Baum und Balken“ umreißt sowohl die zentrale Figur, den Zentauren Cheiron, als auch die Umgebung:  Ein gefällter Baum und ein Tierkadaver vor dem dunklen Bühnenhintergrund kennzeichnen die Höhle des Pferdemenschen. Mirco Kreibich auf verdreht erscheinenden Kothurnen tänzelt, turnt und stolpert sich mit der  ihm eigenen Eleganz und Akrobatik durch seinen halbstündigen Monolog. Rülpsend, röchelnd, schimpfend und saufend nutzt er die gesamte Palette des Widerlichen, kann aber auch wie der Leibhaftige verführerisch umgarnen. Er genießt es den hier wieder im roten Kleid, aber als Kind dargestellten Iason (Felix Heßler/Jannis Kölbl) mit seiner schwarzen Pädagogik zu quälen „Iason, du bist nichts“, impft er dem Jungen immer wieder ein. Und dennoch setzt er ihm den Floh vom Goldenen Vlies ins Ohr, das er unbedingt holen soll, denn „genug ist nie genug“. Als Gegensatz zu Cheiron erscheinen Der Junge mit den Flügeln (zauberhaft: Kristof Van Boven) und der als Hausmeister arbeitende Herakles, dem Markus John Stärke und Verlässlichkeit gibt. Zu Dritt befreien sie sich aus der Höhle und landen in Iolkos.

Die Argonauten: Auftrag, Aufbruch und Irrfahrt

Die Argonauten auf dem Weg nach Kolchis (v.li: Bjarne Mädel, Michael Wittenborn, Devis Striesow) – Foto: Monika Rittersberg

Nach einer Pause beginnt der letzte Teil dieses insgesamt fast vierstündigen Abends. „Die Argonauten, Auftrag, Aufbruch und Irrfahrt“ zeigt Iason mit seiner Mannschaft auf dem Weg nach Kolchis. Dunkel ist es weiterhin auf der mit Wasser gefluteten Bühne, rechts und links stehen Halbrohre, vorne eine Stange mit einem Winkel, die als Steuer oder als Ausguck dient. Ein Knarzen ist zu hören, ab und zu auch der Ton eines Echolots. Kalt und einsam ist diese Welt. Dass man hier irgendwann verrückt werden kann, ist nachvollziehbar. Ab und zu ruft Der Junge mit den Flügeln die Anzahl der Tage in den Raum, die sie bereits unterwegs sind. Das Ziel ist nicht in Sicht. Iason treibt seine Argonauten an. Zur Verstärkung hat Beier erneut einen Chor auf die Bühne gestellt, der mit Stangen und Bewegungen die Ruderer unterstützt. Immer wieder  herrscht Stille, ab und zu gibt es ein paar – wirklich! – lustige Sprüche, aber nichts kann von dem angestrengten Blick in die Ferne ablenken oder die Stimmung aufheitern. Eine bleierne Schwere und Melancholie hat sich über die Argonautenfahrer gelegt. Der Koch (Bjarne Mädel) schlägt die Zeit tot mit – leider etwas zu ausführlichen, ansonsten aber sehr komischen – Quizfragen zu seinen Ravioli-Dosen. Aber vielleicht ist auch das schon ein Zeichen für den allmählich um sich greifenden Wahnsinn.  „Wir holen uns zurück, was uns gehört!“, rufen Iason und seine Argonauten, und dennoch spüren sie, dass die ganze Fahrt zu einem „Ritt in den Untergang“ gerät. Wie eine Prophezeiung wirkt da das zarte, a capella gesungene „Death of A Clown“ (von Wittenborn im Krankenhaus aufgenommen und eingespielt). Ist Iason tatsächlich der Erlöser? Derjenige, der die Stadt mit dem Goldenen Vlies wieder zum Erblühen bringt?) Oder ist er nichts Anderes als ein Clown, dessen Ende absehbar ist?  Von der Seite tritt in weißem Kleid Medea (Lina Beckmann) auf. Sie streckt den Arm nach Iason aus –  ein Cliffhanger, wie es sich für eine anständige Serie gehört. Gespannt wartet man nach diesem ergreifenden ersten Abend auf das Folgende.

Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/prolog-zwischenspiel-die-argonauten

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte

  • Ausbruch aus einer stagnierenden Welt
  • Hoffnung auf Verbesserung
  • Glaube an eine glänzende Zukunft durch Eroberung

 

Formale SchwerpunKte
  • Wechsel von Erzähl- und Spielpassagen
  • Synchrone Bewegungen 
  • Chor als Verstärkung
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16 Jahre, ab Klasse 11
  • Möglich für den Geschichts-, Deutsch- , PW- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Der dreiteilige Abend erzählt die Vorgeschichte zum Medea-Mythos. Zunächst geht es um das Goldene Vlies, das Licht, Wärme und Reichtum symbolisiert. Angeblich ist es das Fell des goldenen Widders, einem Wesen aus Gott, Mensch und Tier. Der goldene Widder wird von der Wolkenfrau Nephele, die von ihrem Mann betrogen worden ist, gerufen, um ihre beiden Kinder zu retten. Dabei stürzt die Tochter ins Meer, und an dieser Stelle entsteht eine kalte, stagnierende Stadt, die dringend Wärme und Licht benötigt, auch um wieder wirtschaftlich voran zu kommen. Als Retter bietet sich Iason an. Als Kind ist er bei Chiron, einem Zentauren, untergebracht worden, nachdem sein Vater ermordet worden ist. Chiron traktiert den Jungen mit seiner schwarzen Pädagogik, hält ihn für unfähig, impft ihm aber ein, dass er das Goldene Vlies holen soll. Mit dieser Idee sticht der nunmehr erwachsene Iason zusammen mit einer Truppe Männer auf der Argo in See. Nach einer endlos erscheinenden Fahrt entdeckt er an einem fernen Ufer Medea.

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

  • Goldenes Vlies
  • Argonatenfahrt
  • Platon: Höhlengleichnis
  • Roland Schimmelpfennig (Anthropolis, Fremde Sonne)
Speziell für den Theaterunterricht
Stopp and Go

Alle verteilen sich im Raum,  gehen neutral, wechseln die Richtung, achten auf gleichmäßiges Ausfüllen des Raumes (keine Lücken, keine Ballungen). Wenn eine:r stehen bleibt, bleibt Gruppe stehen, geht eine:r weiter gehen alle weiter.

Variante 1: neutrales Gehen, langsam steigern (Impuls kommt aus Gruppe) bis Tempo 10, dann wieder verlangsamen. ZEIT LASSEN!

Variante 2: Alle verteilen sich im Raum, nur eine:r geht, wenn er /sie freezt, geht ein anderer/eine andere. Wenn zwei gleichzeitig gehen,  noch mal von vorne

Horizontblicke 

Alle Tn stehen im Kreis. Vor jedem/jeder liegt ein Stock. Alle blicken neutral, neutrale Haltung. Auf Impuls aus der Gruppe heben alle gleichzeitig den Stock auf. (evtl. mehrfach wdh.)

Stockkreis

SL (=Spielleitung) zählt 1-2-3 vor: 1: Stock vor sich, 2: in die Knie, Stock auf Boden schlagen, 3: Stock gerade nach rechts weiterwerfen, gleichzeitig den Stock von links auffangen. Wichtig: Blick nach vorn, periphärer . 

Stöcke, die fallen, werden liegen gelassen!!!!!!!!!! Einfach weitermachen ohne Stock.

Spiegel

Zwei Reihen gegenüber, jede:r hat einen Partner/eine Partnerin: Choreografieren: Hände auf Knie, Kopf heben, aufstehen, rechtes Bein vor, linkes Bein vor, gemeinsam einatmen, vorspringen, laut: Ha!“ mit linkem Bein vor und rechter Hand erhoben – Pause – zurückziehen, bis wieder Ausgangssituation erreicht ist. Spannung halten bis zum Schluss. Immer einige Paare gucken lassen

Immer Zuschauer:innen gucken lassen, um Wirkung zu besprechen.

Erarbeitung einer Szene

Aufteilung des Kurses in Sechsergruppen-Gruppen

Aufgabe

Sechs Spieler:innen sitzen auf Stühlen/ Würfeln/ liegen/ stehen frontal zum Publikum, Blick nach vorne. 

  • Überlegt euch eine Bewegungsabfolge (ca. 10 Bewegungen), die synchron oder parallel ausgeführt werden muss.  Achtet auf Impulse, variiert das Tempo, variiert eure Stellung im Raum!  
  • Sucht euch einen Text  aus für eure „Szene“. Er kann chorisch oder auch nacheinander gesprochen werden. 
  • Kürzt massiv, nehmt nur das, was für euch von Interesse ist. Kein eigener Text!!!

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