Clockwork Orange

Es geht um Gewalt. Ausgeübt von Einzelnen, von Gruppen oder vom Staat. Anthony Burgess hat die Gewalt 1962 in seinem dystopischen Roman „A Clockwork Orange“ ins Zentrum gerückt, knapp zehn Jahre später sorgte Stanley Kubricks Verfilmung für Furore und Hauptfigur Alex wurde so etwas wie eine Pop-Ikone. Jetzt hat Franziska Autzen „Clockwork Orange“ am Ernst Deutsch Theater inszeniert – und ein überragender Sven Schelker spielt sich als Alex die Seele aus dem Leib.

Hauptsache, es tut weh. Alex und seine Gang (vorne: Sven Schelcker und Ensemble) – Foto: Sinje Hasheider

Die Kritik

Kurzer Blick zurück: zu Burgess’ Roman und Kubricks Verfilmung. Beide zeigen eine Jugendgang unter der autoritären Führung von Alex. Mitleidlos prügelt, raubt oder vergewaltigt die Gruppe, und  wenn dabei jemand dabei zu Tode kommt – Pech. Motive für ihr Verhalten gibt es nicht, Alex erzählt aus der Rückschau nur, was sie getan und wie sie sich abgegrenzt haben durch ihre eigenwillige Schminke, Kostüme und eine eigene Sprache, genannt „Nadsat“. Deren Wörter setzen sich aus Englisch und Russisch zusammen, was in den 1960er und frühen 70er Jahren durchaus eine Provokation bedeutete. Heute allerdings ist diese Sprache eine gerade für junge Menschen kaum nachvollziehbare Kunstsprache. Franziska Autzen hat sie dennoch für ihre Inszenierung am Ernst Deutsch Theater verwendet und im Programmheft die wichtigsten Vokabeln übersetzen lassen. Inwieweit das dem Publikum hilft, darf bezweifelt werden, denn ehe der Begriff gefunden ist, haben sich die Ereignisse auf der Bühne schon wieder überschlagen. Deutlich wird allerdings, dass dieser Alex mit seinen „Droogs“, wie die Freunde im „Nadsat“ heißen, über die Kunstsprache eine Einheit bildet, die andere ausschließt. Auch die Kostüme (Benjamin Burgunder) mit den engen glitzernden Hosen, den Bolerojäckchen und den dunkel geschminkten Augen heben sie von anderen Jugendlichen ab. Pete (José Barros Moncada), Georgie (Aaron Brömmelhaup) und Dim (Anatol Käbisch) – die drei Schauspieler sind wie auch Nina Carolin in weiteren Rollen zu sehen – diese „Droogs“haben allerdings zu parieren. Eine eigene  Meinung gestattet ihnen Anführer Alex nicht. Sven Schelker, von 2012 an acht Jahre Ensemblemitglied des Thalia Theaters, seit 2020/21 am Theater Basel, ist ein Ereignis. Er füllt die Rolle mit präzisem Körpereinsatz aus und führt damit die in Alex lodernde Aggressivität in die gewünschten Bahnen. Alles an ihm ist Pose, Verzerrung, Maske und giert nach Aufmerksamkeit. Schelkers Darstellung ist ein Schrei nach Liebe und liefert ein mögliches Motiv für Alex‘ Verhalten. 

Autzen lässt Gewalttaten fast tänzerisch choreografieren.

Alex und seine „Droogs“ treten Bettler zusammen und singen dazu „Ich liebe das Leben“. Sie vergewaltigen die Frau des Schriftstellers F. Alexander (Sheila Bluhm) und auf dem Bühnenhintergrund erscheinen rote Spritzer, die die zarte Projektion eines Konzertsaales verschandeln. Der Gegensatz zwischen roher Brutalität und Alex’ Liebe zu Musik, besonders zur Klassik wird in diesen Bildern aufgefangen. Gerade in ihrem ersten Teil fesselt die Inszenierung. Autzen lässt Gewalttaten fast tänzerisch choreografieren und gibt sie wie ein Kunstwerk zur distanzierten Betrachtung frei. 

Mit dem Herunterfahren des Eisernen Vorhangs beginnt eine Zwischenzeit in Alex’ Leben. Er sitzt seit zwei Jahren in Haft und schafft es jetzt in ein von der Regierung gesteuertes Resozialisierungsprogramm. Spannend gerät der Dialog mit dem Pfarrer (Aaron Brömmelhaup) und dessen Auffassung zur Gewalt, bei dem besonders ein Song im Brechjt/Weill-Stil (Musik: Chris Lüders. Linus Kleinlose) einen starken Eindruck hinterlässt. Alex wird für das Programm an Händen und Füßen fixiert und muss sich so lange brutale Videos ansehen, bis ihm bei bei dem bloßen Gedanken an Gewalt schlecht wird. Autzen löst das Problem, indem sie auf den Bühnenvorhang NS-Aufmärsche projizieren und dazu Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ einspielen lässt. Dass Alex ein Verehrer Beethovens und vor allem von dessen Neunter Sinfonie ist, macht der Abend aber vorher zu wenig deutlich. Die Tortur, die er beim Einspielen der Sinfonie erlebt, bleibt eher Behauptung.

Eine Verbindung zur aktuellen Gesellschaft wird zu zaghaft angedeutet.

Die Inszenierung hält sich weitgehend an die Romanvorlage, schafft es aber nicht, klare Akzente zu setzen. Statt vor allem nach der Pause deutlicher die Eingriffe des Staates  zu betonen, reißt sie Handlungsstränge an, ohne dass sie den Zuschauer:innen nützen, die weder Roman noch Film kennen. Dadurch gerät dieser Teil  zu lang und unklar. Denn Alex wird als geheilt in eine unwirtliche Welt entlassen. Die Bühne (Ute Radler) besteht jetzt nur aus Metallstäben, bleibt sonst dunkel und leer. Alex’ freier Wille ist gebrochen, durch den Eingriff ist er konditioniert. (Der Titel „Clockwork Orange“ wird gedeutet als zur Maschine – Clockwork – umfunktionierte  Natur – Orange -). Eine Verbindung zur aktuellen Gesellschaft wird hier zu zaghaft angedeutet („Opfer der neuen Technik“), die im Programmheft gestellte Frage, warum Täter heute einfach weitermachen und sich rehabilitieren können, bleibt unbeantwortet. Der knapp dreistündige Abend (inkl. Pause) lässt offen, was genau er erzählen will. Und dennoch lohnt sich unbedingt ein Besuch – allein schon wegen des Spiels von Sven Schelker.

Weitere Informationen inklusive Audioguide unter: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/clockwork-orange-493

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte

  • Gewaltausübung (durch Einzelne, Gruppen, staatlichen Institutionen) und ihre Konsequenzen 
  • Brechen des freien Willens
  • Konditionierung des Menschen durch staatliche Eingriffe

 

Formale SchwerpunKte
  • Choreografierter Bühnenkampf
  • Kontrastierung von Handlung und Musik
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12
  • Möglich für den Englisch,- Ethik- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Alex ist der Anführer einer Jugendgang, die sich durch extravagante Kostüme, Schminke und eine eigene Sprache, dem sogenannten „Nadsat“, von anderen abgrenzt und brutale Gewalttaten ausübt. Sie prügeln, rauben, vergewaltigen und nehmen sogar Morde in Kauf, ohne einen Hauch von Empathie zu empfinden. Alex, ein leidenschaftlicher Verehrer von klassischer Musik, besonders der von Beethoven, gibt sich autoritär, wodurch es teilweise zu Unruhe in der Gang kommt. Als Alex jedoch wegen Mordes verhaftet wird, sind die Zeiten der Gruppe vorbei. Nach zwei Jahren Haft lässt sich Alex auf ein zweifelhaftes Umerziehungsprogramm ein, das von staatlicher Seite erst ausprobiert wird, das ihm aber bei Gelingen die sofortige Freiheit garantiert. Während dieses Programms wird er gefesselt und gezwungen, brutale Videos anzuschauen so lange, bis ihm nur bei dem Gedanken an Gewalt schlecht wird. Die Konditionierung gelingt, Alex wird entlassen, aber sein freier Wille ist gebrochen. Als Menschmaschine oder besser „Clockwork Orange“ begegnet er Menschen aus seiner Vergangenheit wieder, die sich nun an ihm rächen. Durch die Umerziehung hat er keine Möglichkeit der Selbstverteidigung. 

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

  • Anthony Burgess: A Clockwork Orange (genaue Inhaltsangabe, Rezeption, Verfilmung, Theaterdaptionen)
  • In welchen popkulturellen Zusammenhängen wird der Stoff aufgegriffen? 
  • Warum wird Alex zur Pop-Ikone?
  • Worin besteht die Freiheit des Menschen? Wo liegen ihre Grenzen?
Im Unterrichtsgespräch
  • Warum faszinieren Gangs?
  • Warum fasziniert Gewalt?
  • Wodurch bzw durch wen wird Gewalt ausgeübt? Mit welchen Konsequenzen?
Speziell für den Theaterunterricht
Bewegungen zur Musik (Warm Up)

Die Spielleitung lässt die Gruppe neutral durch den Raum gehen und spielt dann in Abständen unterschiedliche Musikbeispiele ein. Jede:r darf sich entsprechend der eigenen Empfindungen danach bewegen und geht dann in den neutralen Gang zurück, bis eine andere Musik eingespielt wird.

Musik als Verstärkung- Musik als Kontrast

Die Spielleitung teilt den Kurs in vier Gruppen ein, jede erhält einen Begriff.

Aufgabe:
  • Erstellt drei Standbilder zu dem Begriff.
  • Wechselt in Zeitlupe von einem zum nächsten Standbild und haltet jedes ca 10 Sekunden.
  1. Kampf/Streit 
  2. Liebe/freundschaftliche Beziehung
  3. Abschied/Trauer 
  4. Freude/Geburtstag/Party

Die Gruppen präsentieren nacheinander ihre Ergebnisse. 

Erster Durchgang: Musik als Verstärkung.

Die Spielleitung spielt folgende Titel (Beispiele) zu den jeweiligen Szenen ein:

  • A: „Der Krieger“ ( Die Fantastischen Vier)
  • B: „God Only Knows“ (Beach Boys)
  • C: „„Time to Say Goodbye“ (Andrea Bocelli und Sarah Brightman)
  • D: „Happy“ (Pharrell Williams)

Feedback und Besprechung der Wirkung

Zweiter Durchgang: Musik als Kontrast.

Die Spielleitung spielt folgende Titel ein:

  • A: „God Only Knows“
  • B: „Der Krieger“
  • C: „Happy“
  • D: „Time To Say Goodbye“

Präsentation und Besprechung der Wirkung

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