ALPHA

Wann ist ein Mann ein Mann? Gute Frage. Herbert Grönemeyer stellte sie bereits vor Jahren in einem Song. Durch die sozialen Medien ist das Thema heute aktueller und eine Orientierung schwieriger denn je. Wie kompliziert das Ganze für einen Fünfzehnjährigen sein kann, zeigt „ALPHA“, das Postgraduierten Projekt von Lili Roesing und Margit Pötzsch, mit einem überzeugenden Ensemble im Jungen Schauspielhaus.

Was für ein Mann will ich sein? (Silvio T. Kretschmer) – Foto: Sinje Hasheider

Die Kritik

„War hier schon mal einer im Gerichtssaal?“ Die Frage stellt Schauspieler Silvio T. Kretschmer dem Publikum. Nicht von der Bühne aus, sondern von der Treppe im Zuschauerraum. Tatsächlich melden sich einige, jemand erläutert auf Nachfrage, dass es dort eher nüchtern ausgesehen habe. Zu langweilig offenbar, denn Kretschmer springt jetzt auf die Bühne und zieht eine Gerichtsshow wie in einem Actionfilm ab. Er spielt den fünfzehnjährigen Leo, Angeklagter ist sein Vater. Aber Hermann Book scheint sich in diesem Spiel völlig falsch besetzt zu sehen, lässt sich hin- und herschieben und geht einfach ab. Denn, so Leo, vor Gericht wurde die Scheidung der Eltern verhandelt, und die verlief vollkommen unspektakulär. Leo wird nun alle zwei Wochen bei seinem Vater wohnen. Ein Zimmer mit hohen Fenstern ohne Vorhang, einer an die Wand gelehnte Matratze und jede Menge Umzugskartons  (Bühne: Janik Müller) stellt er ihm zur Verfügung, aber was er mit dem Sohn anfangen soll, weiß er nicht. Leo hat Heimweh, fühlt sich „lost“.

Furios beginnt Margit Pötzschs Inszenierung von „ALPHA“, dem Postgraduierten Projekt, das die Regisseurin zusammen mit Lili Roesing realisiert hat. Das Junge Schauspielhaus gibt bei dieser Art von Projekten – „ALPHA“ ist bereits das sechste – Absolvent:innen der Theaterakadamie Hamburg die Möglichkeit, eine eigene Inszenierung für ein junges Publikum zu gestalten. Eine Win-Win-Situation, denn frische Ideen bei Regie und Themen kommen sozusagen frei Haus. 

Zu den Werten der  Manosphere gehören Selbstoptimierung und Frauenfeindlichkeit.

Roesing und Proetzsch haben sich mit dem Thema Männlichkeit beschäftigt. Ins Zentrum setzen sie mit dem fünfzehnjährigen Leo einen Jungen mitten in der Pubertät. Leo sucht nach einer Orientierung, will wissen, was für ein Mann er sein kann. Aber er hat keine Vorbilder, zumindest in der Wirklichkeit nicht. Kretschmer spielt diesen Jungen mit blanken, nach Anerkennung oder Hilfe suchenden Augen ganz zart und zerbrechlich. Gerade in einer Zeit, in der das Elternhaus geteilt ist und Vater und Mutter eventuell zu unterschiedlichen Erziehungsstilen neigen, braucht er einen festen Halt. Hermann Book zeigt das Bemühen des Vaters, der sich an die eigenen Ideale seiner Kindheit und Jugend zu erinnern versucht („Fußball!“), aber dennoch scheitert und ratlos bleibt. Leo sucht im Internet und findet beim Scrollen auf TikTok zweifelhafte Vorbilder aus der Manosphere. Zu deren Werten gehören Selbstoptimierung und Frauenfeindlichkeit, und Leo, von niemandem beraten, eifert ihnen nach. Toni, seine Freundin aus Kindertagen, wendet sich von ihm ab. Anastasia Lara Heller spielt sie als Kaugummi kauendes, energisches  und selbstbewusststes Mädchen. Sie weiß sich gegen die Anmache eines Macho-Jungen aus der Oberstufe zu wehren, wird deshalb von ihm und seiner Gruppe bedroht , und Leo schaut zu, ohne ihr zu helfen. Als Leo sich nach einem Berufsbildungstag an der Schule auch noch für die Bundeswehr begeistert („Disziplin“, „Struktur“, „Sicherheit“), versteht Toni ihn gar nicht mehr. (Dass sich Leo mit Fünfzehn die Unterlagen zur Musterung bekommt, ist tatsächlich allerdings nicht möglich). Erst als sie zur Beerdigung von Leos Großvater erscheint und Leos Verletzlichkeit erkennt, gehen beide wieder aufeinander zu.

Frauenfeindlichkeit, Bundeswehr, Perspektivlosigkeit junger Menschen nach dem Abitur, Rollenklischees, Einfluss der Sozialen Medien, Bilder von Männlichkeit, Suche nach Orientierung – Roesing und Pötzsch haben in „ALPHA“ vielleicht ein wenig zu viele Themen mit gleicher Gewichtung angerissen. Und dennoch ist ihnen mit dem 90minütigen „ALPHA“ ein Projekt gelungen, in dem sich viele junge Menschen wiedererkennen dürften und das reichlich Stoff für Diskussionen bietet.    

Weitere Informationen unter: https://junges.schauspielhaus.de/stuecke/alpha

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Suche nach Orientierung
  • Einfluss von sozialen Medien auf die Entstehung eines Geschlechterbildes
  • Was bedeutet Männlichkeit?

 

Formale SchwerpunKtE
  • Ins Spiel eingeflochtene Erzählpassagen
  • Durchbrechen der vierten Wand
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 13 Jahre/ ab Klasse 7
  • Geeignet für den Biologie-, Philosophie-, Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Leo ist 15 Jahre alt, seine Eltern haben sich scheiden lassen. Jetzt lebt er alle zwei Wochen bei seinem Vater, der erst einmal wieder lernen muss, mit seinem Sohn umzugehen. Leo fühlt sich unwohl, nicht nur in seinem Zimmer beim Vater, sondern überhaupt. Er weiß nicht, wer er ist und wie er sein will. Ein Vorbild oder besser: eine Orientierung fehlt ihm. Im Internet meint er eine Richtung zu finden und fühlt sich tatsächlich bestätigt, als in der Schule beim Tag der Berufsbildung Soldaten auftauchen und für die Bundeswehr werben. Leo ändert sein Verhalten, treibt Kraftsport, schließt sich einer Jungsgruppe um einen echten Macho an und will sich später bei der Bundeswehr mustern lassen. Dabei entfremdet er sich von Toni, seine beste Freundin seit Kindertagen. Erst bei der Beerdigung seines Großvaters und der Trauer seines Vaters erkennt er, was ihm wichtig ist und wer er sein möchte.

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu

  • Bildern von Männlichkeit in den sozialen Medien (u.a. Looksmaxxing)
  • Manischere
  • Jungen in der Bundeswehr: Welche Werte werden vermittelt? Was treibt Jungen an, sich mustern zu lassen?
Im Unterrichtsgespräch
  • Warum erscheinen diese Bilder von Männlichkeit als Vorbilder?
  • Warum suchen Jungen nach diesen Vorbildern?
  • Was bedeutet das für den Umgang mit Mädchen/Frauen?
Speziell für den Theaterunterricht
Körperhaltung (A-Staus, B-Status)

Die Gruppe steht im Kreis. Die Spielleitung gibt folgende Anweisungen:

Stellt euch breitbeinig hin, gerade Schultern, Kopf gerade, Arme in die Hüften gestemmt.

Stellt ein Bein über das andere, senkt den Kopf und den blick, zieht an eurem T-Shirt.

Raumlauf zu Stereotypen

Die Gruppe geht in neutralem Gang durch den Raum und nimmt auf Impuls der Spielleitung eine andere Gangart ein. Dabei sollen bewusst Klischees dargestellt werden:

  • Geht wie ein erfolgreicher Manager.
  • Geht wie ein verschüchtertes Mädchen.
  • Geht wie ein Bodybuilder.
  • Geht wie eine Tänzerin.
Klischees im Standbild

Die Spielleitung teilt Kleingruppen ein. 

Aufgabe

Baut ein Standbild zu 

  • „Hilflosigkeit“ (Gruppe A),  
  • „Macht“ (Gruppe B)
  • „Schönheit“ (Gruppe C)
  • „Fürsorglichkeit“ (Gruppe D)
  • „Geborgenheit“ (Gruppe E)
  • Präsentation der Standbilder und Besprechung: 

Habt ihr typisch männliche/ typisch weibliche Figuren gesehen? Woran liegt das? 

Entwickeln einer Szene zur Statuswippe (Hochstatus wechselt in Tiefstaus und umgekehrt)

Die Spielleitung stellt Paare zusammen und gibt ihnen je eine  der nachstehenden Aufgaben (mehrere Paare können die gleich Aufgabe bekommen): 

Aufgabe:

Tut euch paarweise zusammen und probt eine Szene, in der der ursprüngliche Status kippt/ wechselt. Schafft dafür zunächst eine Situation, in der der Status deutlich wird (Achtet auf Körperhaltung; vgl. Handout) und vollzieht dann einen klar erkennbaren, sinnvollen Statuswechsel. Dabei dürft ihr eigenen Text verwenden.

Situation: Du stehst im Supermarkt an der Kasse, hinter dir ist eine lange Schlange. Als du bezahlen willst, merkst du, dass du zu wenig Geld und keine EC-Karte hast.

Aufgabe:

Tut euch paarweise zusammen und probt eine Szene, in der der ursprüngliche Status kippt/ wechselt. Schafft dafür zunächst eine Situation, in der der Status deutlich wird (Achtet auf Körperhaltung; vgl. Handout) und vollzieht dann einen klar erkennbaren, sinnvollen Statuswechsel. Dabei dürft ihr eigenen Text verwenden.

Situation: Du bist zum ersten Mal mit deinem Traummann/deiner Traumfrau verabredet – und kommst 15 Minuten zu spät

Aufgabe:

Tut euch paarweise zusammen und probt eine Szene, in der der ursprüngliche Status kippt/ wechselt. Schafft dafür zunächst eine Situation, in der der Status deutlich wird (Achtet auf Körperhaltung; vgl. Handout) und vollzieht dann einen klar erkennbaren, sinnvollen Statuswechsel. Dabei dürft ihr eigenen Text verwenden.

Situation: Du hast ein Vorstellungsgespräch für einen Traumjob. Beim Eintreten ins Zimmer des Personalchefs merkst du, dass du einen Kaffeefleck auf dem Hemd/der Bluse hast.

Aufgabe:

Tut euch paarweise zusammen und probt eine Szene, in der der ursprüngliche Status kippt/ wechselt. Schafft dafür zunächst eine Situation, in der der Status deutlich wird (Achtet auf Körperhaltung; vgl. Handout) und vollzieht dann einen klar erkennbaren, sinnvollen Statuswechsel. Dabei dürft ihr eigenen Text verwenden

Situation: Der Türsteher eines angesagten Clubs lässt dich nicht rein.

Aufgabe:

Tut euch paarweise zusammen und probt eine Szene, in der der ursprüngliche Status kippt/ wechselt. Schafft dafür zunächst eine Situation, in der der Status deutlich wird (Achtet auf Körperhaltung; vgl. Handout) und vollzieht dann einen klar erkennbaren, sinnvollen Statuswechsel. Dabei dürft ihr eigenen Text verwenden

Situation: Du hast Karten für ein Konzert im Vorverkauf gekauft. Als du sie am Eingang vorzeigen willst, stellst du fest, dass du sie zu Hause vergessen hast.

Aufgabe:

Tut euch paarweise zusammen und probt eine Szene, in der der ursprüngliche Status kippt/ wechselt. Schafft dafür zunächst eine Situation, in der der Status deutlich wird (Achtet auf Körperhaltung; vgl. Handout) und vollzieht dann einen klar erkennbaren, sinnvollen Statuswechsel. Dabei dürft ihr eigenen Text verwenden

Situation: Du bittest deinen Trainer, dich beim Spiel um die Meisterschaft mit in die Mannschaftsaufstellung zu nehmen.

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