Das Adressbuch

Die Person hat sie selbst nie getroffen. Das Porträt, das sie dennoch von ihr entworfen und veröffentlicht hat, basiert auf den Äußerungen anderer. Damit sind die Grenzen zwischen Wahrheit und Kunst aufgelöst. Was bedeutet das für die betroffene Person? Kommt man ihr zu nahe? Oder schafft die künstlerische Bearbeitung Distanz?  Diese Fragen wirft „Das Adressbuch“ der Künstlerin Sophie Calle auf. In seiner klugen Inszenierung im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses geht Ruben Müller ihnen nach und schafft selbst ein eigenes vielschichtiges Kunstwerk.

Im Interview mit Sophie Calle (Daniel Hoevels, Alberta von Poelnitz) – Foto: Julia Sang Nguyen

Die Kritik

1983 veröffentlicht die Künstlerin Sophie Calle in der französischen Tageszeitung „Libération“ über vier Wochen eine kleine Serie unter dem Titel „L’homme au carnet“. Der Mann aus dem Heft, um den es geht, ist für sie ein Fremder. Zufällig hat sie sein Adressbuch gefunden, es kopiert, an ihn zurückgeschickt, ihn aber nie getroffen. Sie hat die Leute, deren Anschriften sie in dem Heft vorfindet, nach ihm befragt und auf diese Weise ein Porträt des Mannes erstellt. Sie umkreist die Person, versucht sie zu fassen, bleibt aber dennoch diejenige, die die Informationen der anderen verarbeitet, auswertet, zusammensetzt. „Das Adressbuch“ kann deshalb keine Dokumentation sein, sondern ist Kunst. Ihr„Pierre D.“ existiert zwar als reale Person, wird aber aber durch Sophie Calle zu einer Kunstfigur. 

Wie bringt man einen solchen Text auf die Bühne? Regisseur Ruben Müller, Bühnen- und Videodesignerin Chloe Kelly und Kostümbildnerin Jacqueline Elaine Koch haben sich als Team mit dem „Adressbuch“ beschäftigt und im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses einen 80minütigen ästhetischen und gleichzeitig fesselnden Abend gestaltet. Alberta von Poelnitz übernimmt die Rolle der Sophie Calle. Wenn sie von ihrem Vorgehen und von den Treffen mit den Menschen aus „Pierre D.’s“ Umfeld berichtet, zeigt sie eine beinahe naive Neugier und das völlige Aufgehen in der Recherche. Teilweise gibt sie auch die Antworten der Personen wieder und verändert dabei nur geringfügig ihre Sprechhaltung. Es scheint, als geisterten diese Stimmen in ihrem Kopf herum. Direkter, manchmal expressiver zeigt Daniel Hoevels die unterschiedlichen Befragten. Er geht und verschwindet wieder, manchmal verfolgt von einer Live-Kamera, die auf einem teilbaren Bildschirm oft nur seine Füße oder Teile seines Gesichts zeigt. Kein realistisches, die Wahrheit einfangendes Foto also, sondern Bruchstücke, aus denen sich etwas Eigenes ergibt. Meist ist es von Poelnitz, die die Kamera hinter einem durchsichtigen Vorhang führt, und so Sophie Calles Arbeit und deren Ergebnis verbildlicht. 

Die Figuren entziehen sich immer mehr dem Zugriff, werden mal mehr, mal weniger real.

Aus dem Zusammenwirken von Live- und Topkamera, die von oben die Figuren betrachtet, den verschiedenen Vorhängen, die immer wieder labyrinthähnliche Räume und Distanzen schaffen, den in Rot- und Rosétönen gehaltene Kostüme mit Stickereien aus Calles Arbeiten und den Video-Projektionen entsteht an diesem Abend eine besondere Ästhetik, ein eigenes Kunstwerk. Die Figuren darin entziehen sich immer mehr dem Zugriff, werden mal mehr, mal weniger real. Sasha Rau tritt auf als „Maria T.“ Der amerikanische Schriftsteller Paul Auster hatte diese Figur in seinem Roman „Leviathan“ Sophie Calle nachempfunden. In der Konfrontation mit von Poelnitz’ Sophie Calle verschwinden erneut die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion. „Maria T.“ Ist Fiktion, basierend auf einer realen Figur, in der sich Calle allerdings wiedererkennen kann. Genauso wie „Pierre D.“. In einem am Ende eingeblendeten Statement erklärt der Besitzer des Adressbuchs, dass vieles auf ihn zutrifft, er aber nicht „Pierre D.“ sei.  

Bleibt zu hoffen, dass dieser beeindruckende, wunderbare Abend noch häufiger gespielt wird.

Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/das-adressbuch

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Kennenlernen eines Menschen ausschließlich durch die Perspektive anderer
  • Suche und Sehnsucht nach dem anderen Menschen
  • Verschwimmen der Grenzen zwischen Wahrheit und Kunst

 

 

Formale SchwerpunKtE
  • Einsatz von Live- und Topkameras
  • Sichtbares Filmen und Projizieren der Ergebnisse auf Bildschirme
  • Teilbare Bildschirme, z.T. mit geteilten und dadurch verfremdete Großaufnahmen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12
  • Möglich für den Philosophie- und Kunstunterricht
Zum Inhalt

Die Künstlerin Sophie Calle findet zufällig ein Adressbuch, kopiert es und schickt es dem Besitzer zurück. Sie besucht und befragt die Personen aus dem Adressbuch, die ihr ganz unterschiedliche, teilweise sogar einander widersprechende Antworten geben. Aus diesem Material entwickelt sie das  Porträt des Adressbuch-Besitzers, dem sie den Namen „Pierre D.“ gibt. Der reale Mensch dahinter erkennt sich zwar in vielem wieder, behauptet aber in einem Statement, nicht „Pierre D.“ , der letztlich eine Kunstfigur ist,  zu sein.

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

Sophie Calle: Leben und Werk

Im Unterrichtsgespräch

Einen Menschen ausschließlich durch die Perspektive anderer kennenlernen – Was bedeutet das für diesen Menschen? Für denjenigen, der die Recherche anstellt? 

Inwieweit ist so ein Vorgehen Dokumentation? Kunst?

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