Vergessen, verdrängen – die Deutschen waren groß darin bis in die frühen 1960er Jahre hinein. Bis in die früher 60er? Wie sieht die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und ihren Verbrechen denn heute aus? Jorinde Dröges Inszenierung von „Deutsches Haus“ zur Spielzeiteröffnung am Hamburger Thalia Theater ist ein Statement zur aktuell um sich greifenden Geschichtsvergessenheit.

Die Kritik
Dezember 1963. Bei Familie Bruhns, Betreiber der Gastwirtschaft „Deutsches Haus“, herrscht Aufregung. Jürgen Schoormann aus einer wohlhabenden Kaufhausfamilie hat sich angekündigt und wird, so hofft man, offiziell um die Hand der ältesten Tochter Eva anhalten. Doch kaum ist er angekommen, wird Eva kurzfristig als Dolmetscherin zu einem Prozess gerufen. Sie, die eigentlich nur Wirtschaftsangelegenheiten übersetzt hat, soll plötzlich vertretungsweise die Zeugenaussagen im Auschwitz-Prozess vom Polnischen ins Deutsche übersetzen. Von Eltern und Gesellschaft allgemein ahnungslos gelassen, erfährt sie erst in dem Prozess von den Verbrechen der Nationalsozialisten und davon, wie die eigene Familie darin involviert gewesen ist.
Mit „Deutsches Haus“ hat die Drehbuchautorin Annette Hesse ihren ersten Roman vorgelegt. Sie bleibt in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihren Themen aus den Fernsehserien „Ku’damm“ und „Weissensee“ treu. Auch „Deutsches Haus“ ließe sich bestens als ARD- oder ZDF-Serie vorstellen, geht Hesse doch durch das Einfügen von Familienzwisten und Liebesbeziehungen massenkompatibel mit dem Thema um. Für die Uraufführung der Bühnenadaption hat Jorinde Dröse die Regie übernommen, vieles sinnvoll eingekürzt und mit der Einspielung von authentischem Tonbandmaterial aus dem Prozess den Fokus deutlich auf das Hinsehen, das Übernehmen von Verantwortung und das Lernen aus der Geschichte gelegt. Wichtig in einer Zeit, in der von rechten Parteien die NS-Verbrechen als „Vogelschiss der Geschichte“ banalisiert werden und die Auseinandersetzung mit der Geschichte als anstrengend empfunden wird.
„Das sind einfach Menschen, und das ist das Schlimme.“
„Lass mal die Vergangenheit Vergangenheit sein“, dröhnt Evas Vater Ludwig Bruns (Tim Porath). Er ist von penetrant guter Laune, nur interessiert an der kommenden Verlobung seiner Tochter und will nach wie vor nichts mehr wissen von damals. Unterstützt wird er von seiner Frau Edith (Julia Nachtmann), die sich in die pastellfarbene Welt der neuen Bundesrepublik (die Farben spiegeln sich auch in den Kostümen von Juliane Kalkowski wider) bequem eingerichtet hat. Die Rolle der vom Mann bestimmten Hausfrau akzeptiert sie bereitwillig. Völlig unpolitisch, ja erschreckend beschränkt ist auch Evas jüngere Schwester Annegret (Lisa-Maria Sommerfeld). Die Aufzeichnungen zu den Zeugenaussagen, die sie bei Eva findet, stuft sie als „unterhaltend“ ein, Gedanken macht sie sich ausschließlich um sich selbst. Auch Jürgen Schoormann (Dennis Grafe) versucht Eva von dem Prozess und der Wahrheitsfindung abzuziehen. Als zukünftiger Ehemann, meint er, könne er ihr das verbieten. Es ist der Kanadier David Miller (Jeremy Mockridge), der Eva zum Prozess abholt. „Ersticken Sie an Ihrer deutschen Gemütlichkeit“, schnauzt er sie an. Dass beide später ein Paar werden – okay, das ginge im Fernsehen jedenfalls prima durch. Klar und nüchtern ist Sandra Flubacher als Staatsanwalt. Sie fackelt nicht lange, bindet die anfangs noch unsichere Eva in den Prozess mit ein. Nellie Fischer-Benson, am Thalia Theater nach „Marschlande“, „Die Wut, die bleibt“ und „Der zerbrochene Krug“ prädestiniert für selbst erstarkende junge Frauen, spielt diese Eva nuancenreich von der anfänglichen fröhlich-unbedarften Tochter bis zu der Erwachsenen, die das Grauen verstanden hat. „Das sind einfach Menschen, und das ist das Schlimme“, schleudert sie den anderen entgegen. Ähnlich hat auch Margot Friedländer immer wieder betont, dass es sich bei den Verbrechern um Menschen gehandelt hat.
In nur zwei pausenlosen Stunden erzählt Dröse die Geschichte von „Deutsches Haus“. Geschickt lässt sie das Ensemble Erzählpassagen einfügen und die Handlung auf zwei parallelen Podesten spielen – eines mit Küche für die Wohnung der Bruhns, eines mit Aktenordnern und Mikros für das Gericht (Bühne: Barbara Steiner). Während sie die 1960er Jahre durch Tanzszenen zu flotter, nicht immer der Zeit angepasster Pop-Musik darstellen lässt, werden die Tonbandprotokolle auf der fast dunkeln Bühne mit irgendwo am Rand kauernden Schauspieler:innen eingespielt und führen das Geschehen wieder in die eigentliche Richtung. Vielleicht hätte Dröse ein paar Aspekte auslassen (z.B. das Münchhausen-Syndrom der Schwester), auf ein paar Tanzszenen verzichten und einen entschiedeneren Schluss finden können – egal: Ihr ist ein wichtiger Abend gelungen, den außer Oberstufenklassen gerade jetzt möglichst viele Leute sehen sollten.
Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/deutsches-haus/336
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Verschweigen und Vergessen-Wollen der NS-Vergangenheit
- Entschuldigen des Mitläufertums
- Erkennen der NS-Verbrechen und die Verstrickung der eigenen Familie darin
- Übernahme von Verantwortung
- Selbstbestimmung der Frau
Formale SchwerpunKtE
- Übernahme von Erzählsituationen durch unterschiedliche Spielende
- Einsatz von einfachen Bühnenmitteln u.a. zur Darstellung von Wetter, Orten u.ä.
- Verteilung des Spiels auf zwei parallele Podeste
- Einspielen von Tonbandaufzeichnungen (Dokumentarmaterial)
- Tanzszenen zur Charakterisierung der Zeit
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 15/16 Jahre, ab Klasse 11
- Empfohlen für den Geschichts-, Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Im Dezember 1963 wird die junge Eva Bruhns kurzfristig als Dolmetscherin für einen Prozess gerufen, bei dem es um die Verbrechen von Auschwitz geht. Auf der Anklagebank sitzen Männer aus der Mitte der Gesellschaft, die Unbegreifliches getan haben. Erst in diesem Prozess erfährt Eva, die sich eigentlich auf ihre Verlobung gefreut hat, wie viel über die letzten Jahre unter den Teppich gekehrt worden ist. Auch von ihrer Familie, die, wie so viele andere auch, damals den Mund gehalten oder sogar mit gemacht hat. Am Ende des Prozesses stellt sich Eva der Vergangenheit und übernimmt Verantwortung. Von ihrem potentiellen Verlobten, der sie wie ihre Familie am liebsten von dem Prozess ferngehalten hätte, trennt sie sich und geht ihren Weg als selbstbestimmte junge Frau.
Mögliche Vorbereitungen
Ausführliche Möglichkeiten zur Vorbereitung (u.a. mit Tonbandmitschnitten aus dem Auschwitz-Prozess) bietet das digitale Programmheft unter https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/deutsches-haus/336/programmheft
Speziell für den Theaterunterricht
Räume/Orte, Zeiten und Wetter können durch unterschiedliche Zeichen dargestellt werden (Kostüme, Musik, akustische Geräusche, Bewegungen/Gesten, Worte).
Erstellen einer Szene mit zwei unterschiedlichen Räumen/Orten und Wetterbedingungen
Die Spielleitung teilt den Kurs in Gruppen ein (5 Personen maximal, zwei Gruppen können auch die gleich Aufgabe bekommen).
Zur Verfügung stehen Papphocker, Tücher, Stöcke, Klanghölzer, Schellenkranz o.ä.
Aufgabe:
- Erstellt eine Szene, in der zwei unterschiedliche Orte und eine Wetterbedingung deutlich werden. Beide Szenen sollen unmittelbar miteinander verbunden werden.
- Entscheidet euch, welche Zeichen ihr dafür nutzen wollt.
- Verwendet nachfolgenden Text, den ihr kürzen und eigenständig verteilen dürft.
Text:
- Wir müssen reden.
- Ich hab keine Zeit.
- Was ist los?
- Keine Ahnung.
- Pass auf!
- Ich muss weg.
- Du spinnst doch.
- Mach, was du willst.
Gruppen
- Raum/Ort: auf dem Land und in der Großstadt, Wetter: Regen
- Raum/Ort: am Strand und in der Schule; Wetter: Sonne
- Raum/Ort: im Boot und im Wald, Wetter: Sturm
Präsentation und Feedback