Was passiert hier gerade? Ein deutlich verjüngtes Publikum, vielfach mit migrantischen Wurzeln, bevölkert das Hamburger Thalia Theater und bläst frischen Wind ins Haus am Alstertor. Anlass dafür ist die Premiere von „Dschinns“ nach dem Erfolgsroman von Fatma Aydemir. Im Zentrum steht eine türkische Familie mit ihren alltäglichen Problemen in Deutschland. Hakan Savaș Mican hat die Bühnenfassung mit Live-Musik und einem durchweg überzeugenden Ensemble inszeniert.

Die Kritik
Hüseyin Yilmaz hat es geschafft. Nach dreißig Jahren Fabrikarbeit in Deutschland ist er im Ruhestand und hat mit dem Ersparten für die Familie eine Wohnung in Istanbul gekauft. Zurück in die Türkei will er, zurück dahin, wo die Familie herkommt, und hier noch einmal von vorne beginnen. Tilo Werner in hellem Sakko, heller Hose und braunem Hemd (Kostüme: Miriam Marto) nimmt man von der ersten Minute diesen zurückhaltenden Hüseyin ab. Mit leisem Stolz präsentiert er die Einrichtung der neuen Wohnung. Tatsächlich ist nur ein Ledersessel vor einer grauen Wand zu sehen (Bühne: Alissa Kolbusch), alles andere bleibt Behauptung. Und trotzdem taucht man ein in eine türkische Stadt, dank der vierköpfigen Live-Band (Leitung: Nils Ostendorf) mit Sängerin Ceren Bozkurt, deren Musik gleichzeitig Sehnsucht, Schmerz und Freude überträgt. Diese Gefühle bilden die Grundpfeiler des Romans „Dschinns“ von Fatma Aydemir. Der Titel verweist auf unsichtbare, auf der Erde lebende Wesen, die weder gut noch böse sind. In Aydemirs Roman stehen sie für das Unausgesprochene in der Familie Yilmaz.
Seit seinem Erscheinen vor vier Jahren ist „Dschinns“ buchstäblich durch die Decke gegangen, mehrfach ausgezeichnet und mittlerweile Abiturthema in Hamburg. Aydemir, türkischstämmige Autorin und taz-Redakteurin in Berlin, erzählt darin von einer kurdischen Familie und dem Zusammenprall von türkischer Tradition und deutscher Lebensweise. Nachdem Vater Hüseyin 1971 eine Arbeit in Deutschland angenommen und seine Familie nachkommen lassen hat, kommt es im Laufe der Jahre und dem Erwachsenwerden der Kinder zu Spannungen und offenem Streit, vor allem aber lastet das Unausgesprochene, die Dschinns, auf ihnen. Während die Generation der Kinder sich den Verhältnissen in Deutschland anpassen möchte, schalten die Eltern auf stur.
Mit ihren Vorstellungen von Rollenbildern beißt sie sich bei der Mutter die Zähne aus.
Für seine Inszenierung am Thalia Theater hat Hakan Savaș Mican die Bühnenfassung zum Roman erstellt und sich dabei an dessen Unterteilung in sechs Abschnitte gehalten. Jeder einzelne ist einem Familienmitglied gewidmet, das aus seiner Sicht auf die Vergangenheit und die aktuelle Situation blickt. Hüseyin beginnt mit der Beschreibung der neuen Wohnung und der Vorfreude auf das, was schon bald kommen mag. Aber noch am Tag des Einzugs stirbt er an einem Herzinfarkt. Die Reise der Familie nach Istanbul gilt nun nicht mehr einem neuen Leben, sondern der Beerdigung des Vaters.
Mican lässt nacheinander Hüseyins Kinder und seine Frau Emine erzählen. Dabei beobachtet er sie in der Gegenwart, zeigt aber ihre Vergangenheit und das, was ihre Schmerzen und Sehnsüchte ausmacht, über nahtlos eingefügte Spielszenen. Stimmig sind dabei Mehrfachbesetzungen, etwa die von Tilo Werner und Oda Thormeyer sowohl als Eltern Hüseyin und Emine, als auch als die beiden Kinder der ältesten Tochter Sevda (Gina Haller). Haller spielt eine enttäuschte junge Frau, die von Eltern und ihrem ersten Ehemann Ihsan an einer Schulbildung gehindert worden ist („Warum hast du geheiratet, wenn du zur Schule gehen wolltest?“), die es aber dennoch mit Zähigkeit und Willenskraft zu einer selbstständigen Restaurantbesitzerin gebracht hat. Sinan Güleç spielt ihren nichtsnutzigen Ehemann, der nach türkischer Tradition das Sagen für sich beansprucht. Güleç ist aber auch der älteste Sohn Hakan, ein junger Mann voll ungebremster und schlecht kanalisierter Energie, der, so sein Vater, endlich „ein Mann“ werden soll. Wie er mit dem Auto durch die Nacht nach Istanbul brettert und dazu seine Geschichte vom mehrfachen Scheitern mehr rappt als erzählt, zeigt eine beeindruckende Szene, untermalt von einem Video (Sebastian Lempe) voll blinkender Lichter auf nasser dunkler Straße. Anders als ihr Bruder hat sich Perihan (Moné Sharif) zu einer eigenständig denkenden Frau entwickelt. Sie studiert in Frankfurt, wo sie den rätselhaften Ciwan (Oskar Melina Borcherding) trifft. Mit ihren Vorstellungen von Rollenbildern beißt sie sich bei der Mutter (stoisch und uneinsichtig: Oda Thormeyer) die Zähne aus. Verständnis hat sie für ihren jüngsten Bruder Ümit, der erste homosexuelle Neigungen zu einem Schulfreund verspürt. Diesen Konflikt zeigt Cino Djavid unaufdringlich, seine lakonischen Kommentare sind dabei nicht ohne Komik. Respekt verdient seine unpathetische, großartige Version von Jeff Buckleys „Dream Brother“, mit der Ümits tiefe Gefühle deutlich werden.
Man muss sich bei dieser knapp dreistündigen Vorstellung (inkl.Pause) keinen Knoten ins Gehirn drehen, um irgendwelche komplexen Regieeinfälle oder Handlungsführungen zu deuten. Man kann Micans stimmiger, linear angelegter Inszenierung mühelos folgen. Sie zeigt – endlich, muss man sagen – Probleme und Themen im Thalia Theater, die einen großen Teil unserer diversen Gesellschaft betreffen. Es wird Zeit, dass sich dieser Teil auf der Bühne gesehen fühlt.
Weitere Informationen unter:https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/dschinns/340
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Türkische Familie in Deutschland:
- Traditionelle türkische Strukturen (u.a. Rolle von Männern und Frauen, Bildung, Familie) vs Lebensweise in Deutschland
- Gegenseitige Vorurteile, Klischee-Vorstellungen
- Komplexität von Familie
Formale SchwerpunKtE
- Live-Musik, Songs aus der Türkei zur Verortung der Handlung
- Live gesungene Songs zur Darstellung der inneren Situation einer Figur
- Behauptung von Dekor (leere Bühne, Dekor wird nur beschrieben)
- Verflechtung von Gegenwart und Vergangenheit durch Erzählung und Spiel
- Mehrfachrollen einzelner Spieler:innen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 15/16 Jahre, ab Klasse 10/11
- Empfohlen für den Deutsch-, PWG- , Ethik- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Nachdem Hüseyin dreißig Jahre lang als Fabrikarbeiter in Deutschland geschuftet und jeden Pfennig beiseite gelegt hat, hat er sich endlich seinen Traum verwirklicht und für sich und seine Familie eine Wohnung in Istanbul gekauft. Hier soll für sie alle ein neues Leben beginnen. Doch kaum dass Hüseyin die Wohnung eingerichtet hat, stirbt er an einem Herzinfarkt. Die Familie fährt nun aus Deutschland zu seiner Beerdigung in die Türkei, aber zwei der erwachsenen Kinder schaffen es nicht rechtzeitig. Während des Wartens bzw. der Reise werden die Probleme deutlich, die jede und jeder mit der Familie in der Vergangenheit hatte oder noch immer hat. Am wichtigsten scheint dabei die fehlende Anerkennung der jeweiligen Persönlichkeit in ihrer Individualität und die Sehnsucht nach Liebe.
Mögliche Vorbereitungen
Unbedingt zu empfehlen ist das ausführliche digitale Programmheft. Es enthält Erklärungen zu wichtigen türkischen Begriffen, die in der Handlung verwendet werden, und es beinhaltet Texte und Informationen u.a. zur Autorin Fatma Aydemir, zu türkisch-deutschem Leben 1990, zur Vielfalt der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland, zu Sprache (türkisch) und Sein-Dürfen (kurdisch), zum Anwerben türkischer Arbeiter:innen und zur Abschiebung, zur Bedeutung von Dschinns, zu türkischen Begriffen, zur Playlist der türkischen Songs.
unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/dschinns/340/programmheft
Speziell für den Theaterunterricht
Gestaltung eines leeren Ortes/eines Raums über akustische Mittel
Die Spielleitung stellt Material wie Papier, einfache Instrumente (Schellenkranz, Handtrommel, Klanghölzer o.ä.), Alltagsgegenstände (Töpfe, Kannen, Besteck) o.ä. zur Verfügung und teilt den Kurs in drei gleich große Gruppen (A, B, C).
Jede Gruppe soll über akustische Mittel einen Ort darstellen(A: Dschungel, B: belebte Straße, C: Wüste). Bei der Präsentation dreht sich das Publikum mit dem Rücken zu den Ausführenden und versucht zu erraten, welcher Ort präsentiert worden ist.