Zwischen Betonmauern erscheint ein Wesen und verwandelt den tristen Hof in eine verwunschene Welt. Jedenfalls sieht das Lilly so, die Protagonistin in Stefanie Taschinskis Kinderbuch „Die kleine Dame“. Im Ohnsorg-Studio ist jetzt Julia Bardoschs zauberhafte Uraufführung mit einem überzeugenden Ensemble zu sehen.

Die Kritik
Ein Wesen im Johannisbeerbusch oder eines auf dem Dachboden. Himmelhohe Türme aus Lego, gebaut von der gesamten Kita-Gruppe – Kinder entwickeln Fantasien, die sich so sehr in ihre Wirklichkeit mischen, dass sie fest an sie glauben. Nur die Erwachsenen mit ihrer langweiligen Vernunft haben Zweifel an deren Existenz. So geht es auch Lilly. Auf dem Schulfest hat sie eine Kamera gewonnen, die sie stolz ihrem Vater zeigt. Er soll ihr helfen, den Chip einzulegen, mit dem sie fotografieren kann. Aber der Vater hat keine Zeit und vertröstet die Tochter auf später. Lilly geht maulig in den Hinterhof – und dort öffnet sich plötzlich eine Mauer, und sie macht Bekanntschaft mit der kleinen Damen. Die hat nicht nur ein tausendjähriges Chamäleon in ihrer Handtasche, sie kann auch noch zaubern. Lillys Vater hält das Ganze für ein Hirngespinst, aber seine Tochter bleibt dabei und erlebt mit der kleinen Damen Abenteuer in dem verwunschenen Hinterhof.
„Die kleine Dame“, das Kinderbuch der Hamburger Autorin Stefanie Taschinski, ist jetzt mit dem plattdeutschen Zusatz – „de lütte Daam“ auf der Bühne des Ohnsorg-Studios zu sehen. Cornelia Ehlers hat Teile des Textes, genauer die Passagen der kleinen Dame, ins Plattdeutsche übersetzt. Da auch Lilly Plattdeutsch genauso wenig wie „Rückwärtsig“ versteht, werden Begriffe von der kleinen Dame erklärt, so dass alle Zuschauer:innen mühelos folgen können.
Mit Jara Bihler ist eine Lilly besetzt, die keinen Tag älter als sieben Jahre zu sein scheint.
Julia Bardosch hat den Text für die Bühne adaptiert und die Uraufführung so inszeniert, dass niemand an Lillys Vorstellungen von der kleinen Dame im verwunschenen Hinterhof zweifeln kann: Denn es gibt ihn ja ganz offensichtlich, diesen wundersamen Garten, den Ausstatterin Yvonne Marcour mit Ranken und Gartenstühlen bis in den Zuschauerraum ausgelegt hat. Auf der Rückseite und in den Klappen der rechteckigen Elemente auf der Bühne sind ebenfalls üppige Pflanzen angebracht, dreht man sie um, stellen sie wieder nur die nüchterne Welt der Erwachsenen dar. Mit der 29jährigen Jara Bihler, bis 2024 Ensemblemitglied am Jungen Schauspielhaus, ist eine Lilly besetzt, die keinen Tag älter als sieben Jahre zu sein scheint. Bihler spielt dieses Kind mit seinen Enttäuschungen, seiner Begeisterung und seinem Staunen ohne Übertreibungen und ist dabei so glaubhaft, dass die jungen Zuschauer:innen sie mühelos als eine von ihnen annehmen. Nicht minder überzeugend ist Jochen Klüßendorf in seiner Doppelrolle als fürsorglicher, aber von Arbeit getriebener Vater und als Hausmeister Leberwurst. Im Marsch-Rhythmus „Eins – Zwei – Eins – Zwei“ fegt er den Hinterhof und stellt militärisch sein „Kinder Verboten“- Schild auf. Ein Befehlsempfänger, der nach oben buckelt und nach unten – hier in Richtung Kinder – tritt. Weil er den Hinterhof absperren lässt, wehren sich Lilly und die kleine Dame gegen ihn. Die verkörpert Vivien Mahler mit mütterlichem Charme, zeigt aber auch jede Menge Abenteuerlust, wenn sie Lilly auf ihre „Salafari“ durch den verwunschenen Hinterhof einlädt.
In gerade mal sechzig Minuten gelingt es dieser Inszenierung das junge Publikum zu fesseln und ihm von der Kraft und der Wehrhaftigkeit der Fantasie zu erzählen. Himmelhohe Türme oder Wesen im Johannisbeerstrauch – an die können nur Erwachsene nicht glauben. Die Armen!
Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/die-kleine-dame-de-luette-daam/
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Kraft der Fantasie
- Widerstand gegen unsinnige Autoritäten
- Entdeckung der Natur
Formale SchwerpunKtE
- Einbeziehung des Publikumsbereichs durch Dekoration und Spiel
- Gestaltung zweier Welten durch Bühnenelemente mit zwei unterschiedlichen Fronten
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 6 Jahre, ab Klasse 1
- Empfohlen für den Deutschunterricht
Zum Inhalt
Lilly hat beim Schulfest eine Kamera gewonnen, die sie stolz ihrem Vater präsentiert. Aber der hat gerade anderes zu tun, und so geht sie in den Hinterhof, wo sich plötzlich ein seltsamer Spalt auftut.zwängt sie sich durch einen sich plötzlich öffnet und sie in eine ganz neue Welt eintaucht. Dort begegnet sie der kleinen Dame, einer rosa kostümierten Frau, die in ihrer Handtasche ein tausend Jahre altes Chamäleon herumträgt und die auch noch zaubern kann. Ihr Vater glaubt ihr diese Begegnung nicht, aber Lilly bleibt dabei. Sie freundet sich mit der kleinenDame freunden sich und gemeinsam gehen sie auf Safari durch den verwunschenen Hinterhof, bei der Lilly alle Besonderheiten – Tiere, Blumen und schließlich ein uraltes Backbuch – fotografiert. Dabei müssen die beiden auch noch gegen den strengen Hausmeister Leberwurst kämpfen, der im Hinterhof weder Kinder noch Pflanzen haben will. Aber Lilly und die kleine Dame wissen sich zu helfen, und mit ein paar Tricks schaffen sie es, dass Herr Leberwurst den Hinterhof nie wieder betritt und auch Lillys Vater schließlich an die Existenz der kleinen Dame glaubt.
Mögliche Vorbereitungen
- Stefanie Taschinski: Die kleine Dame (vorlesen oder den Inhalt erzählen)
- Welche Momente fandet ihr am spannendsten?
- Wie stellt ihr euch die kleine Dame/ Lilly/ Herrn Leberwurst/ Lillys Vater vor? Sucht euch eine Figur aus und malt ein Bild.
- Wie stellt ihr euch den Hinterhof vor? Malt auch dazu ein Bild.