Die Vegetarierin

„Die Vegetarierin“ – der Titel klingt harmlos. Er lässt nichts von der schwer aushaltbaren Radikalität vermuten, die von der Verwandlung einer Frau erzählt. Im Thalia in der Gaußstraße hat Lilja Rupprecht den Roman der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang auf die Bühne gebracht und dabei dessen ganze Schönheit und Poesie herausgearbeitet.

Yeong-Hye (li: Patrick Bimazubute) bei ihrem Schwager (Jannik Hinsch) – Foto: Katrin Ribbe

Die Kritik

Drei Phasen. Drei Phasen braucht es, in denen sich Yeong-Hye von einer unauffälligen jungen Frau zu einem Wesen verändert, das jegliche Nahrung verweigert. Denn am Ende begreift sie sich als Pflanze, die ausschließlich von Wasser und Licht leben kann. Yeong-Hye, die Protagonistin in Han Kangs 2007 erschienenem Roman „Die Vegetarierin“, ist eine stille Rebellin. Eine Frau, die mit ihrer Verweigerung zu essen ausbricht aus dem vorgeschriebenen Rollenmuster und der Gewalt gegenüber Frauen in Familie und Gesellschaft. Lilja Rupprecht folgt in ihrer konzentrierten Inszenierung diesen drei Phasen. Deren Überschriften werden jeweils auf den Bühnenhintergrund projiziert, Ehemann (Teil I „Die Vegetarierin“), Schwager (Teil II „Der Sakralfleck“) und ältere Schwester (Teil III „Bäume in Flammen“ ) berichten aus ihrer Perspektive von der fortschreitenden Veränderung Yeong-Hyes. Dabei bleiben sie die Erzählenden und treten nur selten in kurze Dialoge mit anderen Figuren. Yeong-Hye selbst spricht kaum. Mit einem überdimensionalen Pappmasché-Kopf versehen, den sich im Wechsel die vier Mitglieder des Ensembles überstülpen, bleibt sie starr, puppenhaft und ohne erkennbare Aktivität. Sie lässt sich schieben oder ziehen oder liegt wie tot über einem Felsstein. Manchmal ist sie auch gar nicht zusehen und wird nur über einen leeren Stuhl dargestellt. Ihre radikale Rebellion ist still. Sie wird von denen erzählt, die sie beobachten.

Der Bühnenboden bläht sich zu gewaltigen Blasen.

Da ist zunächst ihr Ehemann (Patrick Bimazubute). Er spricht direkt zum Publikum, erklärt,  dass er Yeong-Hye eigentlich nur geheiratet hat, weil er keine andere kriegen konnte und außerdem eine Frau brauchte, die für ihn sorgte und ihm in jeder Hinsicht zu Willen war. Erst als sie ablehnt Fleisch zu essen, vermutet er, dass etwas nicht stimmt. „Ich hatte einen Traum“, ruft eine Yeong-Hye-Figur (hier: Bernd Grawert) von der durch einen durchsichtigen Vorhang abgetrennten Bühne. Und vielleicht ist alles, was dann geschieht, tatsächlich nur ein Traum, weil in der Wirklichkeit so nicht auszuhalten. Es ist einerseits die Brutalität, die Yeong-Hye erfährt, als ihr die Familie gewaltsam Fleisch (hier in Form eines roten Tuches) in den Mund stopft. Es ist aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Schwager (Jannik Hinsch), angeregt durch ein Muttermal, dem Sakralfleck, für seine Kunst und zu seiner körperlichen Befriedigung benutzt. In diesem Teil bläht sich der Bühnenboden zu gewaltigen Blasen, die über bunte Videoprojektionen (Rebecca Riedel) mit verfremdeten nackten Körpern und einem pulsierenden Rhythmus (Musik: Romain Frequency) einer alptraumhaften, psychedelischen Vision gleichen. Die Spielenden haben die grauen uniformähnlichen Kostüme abgelegt, darunter tragen sie transparente, mit Ranken versehene Ganzkörper-Bodies (Bühne und Kostüme: Korbinian Schmidt). Der Schwager beschreibt lustvoll, wie er seine erotischen Phantasien an Yeong-Hye auslebt. Die  ist aber mit der Bemalung ihres Körpers einverstanden, denn dadurch nähert sie sich mehr und mehr ihrem Ideal, eine Pflanze zu werden. Diesen Punkt erreicht sie im letzten Teil. Caroline Junghanns erzählt als Schwester, wie die als magersüchtig eingestufte Yeong-Hye in der Klinik weiter jede Nahrung verweigert. Was mit ihrem Körper geschieht und wie er auch hier von anderen durch Infusionen und Sonden bestimmt wird, berichtet Junghanns beinahe beiläufig, womit die Brutalität des Geschehens noch schlimmer wird. Aber sie erkennt in Yeong-Hyes Verhalten eine Befreiung und ist bereit, ihrer Schwester zu folgen.

Rupprecht und ihrem Ensemble ist ein verstörender, poetischer und absolut sehenswerter Abend gelungen. Wer allerdings im näheren Umfeld Menschen kennt, die Essen verweigern oder dem lebensgefährlichen Esoterik-Konzept der Lichtnahrung anhängen, sollte gewarnt sein.  Einige Zuschauer:innen verließen tatsächlich im dritten Teil die ausverkaufte Vorstellung.  

Weiter Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/die-vegetarierin/352

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte

Radikaler Verzicht auf tierische Produkte bis hin zur Totalverweigerung von Nahrung als Ausdruck von

  • Ausbruch aus festen Rollenbildern und Konventionen
  • Auflehnung gegen Gewalt
  • Selbstbestimmung

 

Formale SchwerpunKte

Rollenwechsel

Erzählen aus der Perspektive einer Figur

Wenige eingeflochtene Dialog

Psychedelisch wirkende Videoprojektionen

Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12
  • möglich für den Deutsch-, Biologie-, Philosophie-, Ethik- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Als verheiratete Frau mit einem Mann, der sie nicht wirklich liebt, wohl aber ihre Dienste in jeglicher Hinsicht zum Teil mit Gewalt einfordert, beginnt Yeong-Hye zunächst, kein Fleisch mehr zu essen. Die Familie reagiert mit Unverständnis und brutalen Zwängen, was jedoch Yeong-Hye in ihrer Entscheidung nur noch bestärkt. Ihr Schwager, ein Künstler, bemalt, angeregt durch ein Muttermal auf ihren Schenkeln, ihren nackten Körper mit Blumen und benutzt sie nicht nur als Kunstobjekt, sondern auch zur Befriedigung der eigenen erotischen Phantasien. Yeong-Hye verweigert immer konsequenter jede Nahrungsaufnahme. Sie will nicht mehr ein Mensch aus Fleisch und Blut sein, sondern eine Pflanze, die zum Leben nur Sonne und Wasser braucht. Sie wird in eine Klinik eingeliefert und stirbt dort. 

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

  • Han Kang (Leben, Werk)
  • Han Kang: Die Vegetarierin (Lektüre oder Genaue Inhaltsangabe, Rezensionen)
  • Situation der Frauen in Südkorea 

Zusätzliche Texte und Interviews finden sich im digitalen Programmheft des Thalia Theaters unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/die-vegetarierin/352/programmheft 

Speziell für den Theaterunterricht
Vorübung zu Synchronizität 
La Ola

Die Gruppe steht im Halbkreis. Wer links außen steht, beginnt mit einer Bewegung, der Spieler/ die Spielerin daneben übernimmt die Bewegung bis sie die ganze Kette erfasst. Die Bewegung wird jeweils solange ausgeführt, bis ein neuer Impuls kommt: Der erste Spieler / die erste Spielerin verlässt nach gefühlten zwanzig Sekunden seine /ihre Position und stellt sich ans Ende der Kette. Das ist das Signal für den zweiten Spieler/ die zweite Spielerin einen neuen Impuls zu geben, der wiederum durch die Reihe läuft. Peripherer Blick!!

Synchrone Bewegungen

Stühle stehen in zwei einander gegenüberstehenden Reihen; Körper vorbeugen, über Impuls langsam aufrichten, aufstehen, drei Schritte aufeinander zugehen, mit einem Sprung und dem Ausruf „Ha!“stehenbleiben, halbe Drehung zurück, dann wieder vor: Sprung „ Ha!“, langsam, rückwärts wieder zurück, hinsetzen und synchron zurückkehren in Ausgangsposition. 

Wichtig; Langsame, synchrone Bewegungen bei beiden Reihen. Achten auf peripheren Blick! 2 – 3mal wiederholen.

Erstellen einer synchronen Choreografie

Einteilung in 5er oder 4er Gruppen 

Aufgabe: Ein Chor erzählt eine Geschichte
  • Erarbeitet eine synchrone Choreografie.
  • Verwendet dabei die verschiedenen Ebenen (Stühle können benutzt werden) und wählt klare Positionen im Bühnenraum.
  • Ausgangspunkt: Blick nach vorne, neutrale Haltung (sitzend oder stehend).
  • Jede:r S überlegt sich Bewegungen (ca 3), die die Gruppe synchron (!) ausführt. Insgesamt kommt ihr als 5er Gruppe also auf 15 Bewegungen; die 4er Gruppe überlegt sich je 4 Bewegungen, kommt also auf 16 Bewegungen.
  • Überlegt euch eine Reihenfolge und probt einen genauen Ablauf 

Eure Aufgabe ist gelungen, wenn

  • die verschiedenen Ebenen verwendet werden
  • der Bühnenraum klar genutzt wird
  • die Bewegungen klar und synchron ausgeführt werden
  • niemand durch private Gesten oder Ungenauigkeiten aus der Gruppe herausfällt

Präsentation und Feedback

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