Ein Sommer in Niendorf

Sommer, Ostsee, Niendorf – Beim Klang der drei Worte setzt doch schon die Erholung ein. Was daraus tatsächlich wird und welche Bedeutung der kleine Badeort für jemanden wie Roth bekommt, erzählt Heinz Strunk in seinem Roman „Ein Sommer in Niendorf“. Jetzt hat ihn Studio Braun im Deutschen Schauspielhaus auf die Bühne gebracht. Weniger bitter, weniger verzweifelt, aber dafür mit mit viel Musik. 

Von Möwen belästigt: Anwalt und Schriftsteller Roth (Charly Hübner) – Foto: Thomas Aurin

Die Kritik

Roth (Charly Hübner) ist maximal genervt. Er schwitzt, schleppt einen schweren Koffer und muss sich zu seinem Apartment durch Touristenmassen kämpfen. „Alte, Uralte, super Alte“, schnauzt er. Das geriert schon die ersten Lacher im Publikum, will doch die Regie, dass sich Hübner durch die vorderen Reihen des vollbesetzten Schauspielhauses zwängt und über den „Vollkontakt mit Pauschaltouristen“ schimpft. Heinz Strunk mit seinen unbarmherzigen Texten und Studio Braun, zu dem außer ihm Jacques Palminger und Rocko Schamoni zählen, haben jede Menge Fans. Gespannte Vorfreude also bei Studio Brauns Umsetzung von Strunks 2022 erschienenem Roman „Ein Sommer in Niendorf“. Dem Hamburger Trio, das durch seine Telefonstreiche bekannt wurde und seit knapp zwanzig Jahren auch als Band auftritt und Theaterregie führt, scheint nichts heilig, auch die eigene Romanvorlage nicht. Wenn sich daraus eine Revue machen lässt, warum denn bitte schön nicht? In Ostseebädern gibt es schließlich Kurkonzerte, also wirbt hier Studio Braun höchst selbst in Glitzerjackets und Langhaar-Perücken als die Band „Boarding Time“ mit dem Schlager „Willkommen in Niendorf“ für den Ort. Auch Josefine Israel hat als Kellnerin Savina einen Auftritt mit ihrer Band „Flash Mob“. Die spielt allerdings unten im Orchestergraben: sechs Musiker unter der Leitung von Sebastian Hoffmann, der auch die Musik für diesen Abend geschrieben hat. Die hat nicht nur rein unterhaltenden, sondern auch karikierenden Charakter, etwa wenn Roth sich eine Beziehung zu Savina ausmalt und ihre Unterhaltung als Duett abläuft. 

Kurkonzert mit „Boarding Time“ (v.li: Rocko Schamoni, Jacques Palminger, Heinz Strunk)

Strunks Protagonist Roth, ein Anwalt, hat sich vorgenommen, für ein Vierteljahr in Niendorf zu bleiben, um dort ein Buch über seine Familie und deren Verstrickung in den Nationalsozialismus zu schreiben. Er kommt aber nicht recht voran, ist einsam, mit sich selbst unzufrieden und verfolgt von Ängsten. Zu dem alkoholaffinen Apartmentvermieter und Likördepot-Betreiber Breda und dessen Freundin Simone entwickelt er nach anfänglicher Abneigung ein immer enger werdendes Verhältnis. So weit folgt die Inszenierung dem Roman. Dass Breda nach einem Schlaganfall ins Heim kommt, Roth zu Simone zieht, den Schnapsladen übernimmt und Breda immer ähnlicher wird, lässt sie dagegen aus. Anderes wie eine Begutachtung von Roths Roman durch die Mitglieder der Gruppe 47 (Studio Braun) wird durchaus gewinnbringend hinzu erfunden. Immerhin loben die Schriftsteller-Granden hier nicht Roths Ideen, sondern die grauenhaft unterkomplexen Verbesserungen von Breda. Yorck Dippe in Pulli mit Segelboot-Motiv und ständig rutschender Sporthose (Kostüme: Dorle Bahlburg) zeigt Breda als Vollproll, der sich ausgiebig am Hintern kratzt, die Füße auf das frisch bezogene Bett legt und Roths Angst vor dem Alter mit Weisheiten begegnet wie „Jugend geht, Durst bleibt.“ Charly Hübners Roth ist dagegen durch das Äußere (wallendes Haar, helles Jacket, Sommerhose, Strohhut) und seine offizielle, höfliche, manchmal manieriert erscheinende Ausdrucksweise wie ein Wiedergänger von Thomas Manns Gustav von Aschenbach  angelegt und bietet damit den genauen Gegenpol zu Breda. 

Neben der Wirklichkeit gibt es die Welt der Erinnerungen, der Visionen und Träume.

Roths reale Welt ist die seines Aufenthalts in Niendorf. Dort trifft er neben Bredas Freundin Simone (Bettina Stucky) und der Kellnerin Savina auch auf deren Freund. Der auch in weiteren Rollen unglaublich wandlungsfähige Jan-Peter Kampwirth spielt diesen besoffenen, gewaltbereiten Kerl mit bewundernswürdiger Akrobatik und Komik. Aber neben der Wirklichkeit gibt es noch die Welt der Erinnerungen, der Visionen und Träume. Acht Tänzer:innen in schwarzen Ganzkörperanzügen und schwarzen Gesichtsmasken stellen mal vor dem Hintergrund eines Festsaals (Video: Meike Dresenkamp) eine Gesellschaft im Elternhaus von Roth dar, mal mit hellblonden Perücken den gefürchteten Besuch einer One-Night-Stand-Bekanntschaft (Choreografie: Rica Blunck). Ein halbrundes Prospekt umspannt die überwiegend leere Bühne (Stephane Laimé) und zeigt den um Worte ringenden Roth an der Schreibmaschine, auf der Bühne selbst seinen sich den Nazis andienenden Vater (Josef Ostendorf, auch als Wirt und Literaturkritiker Reich-Ranicki). Irgendwann zeigt Roth seine Angst vor – ja, eigentlich allem. Bredas Alkohol – riesige Flaschen fahren auf die Bühne – hilft auch nicht mehr, da kommt ihm die angekündigte schwere Sturmflut gerade recht. Ein überdimensionaler Strandkorb frisst ihn zusammen mit Breda und Simone und zieht ihn unter Wasser. „Lass es fallen/ lass es gehen“, singt dazu die schöne Savina. Vielleicht hat Roth ja auch das nur geträumt.

Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/ein-sommer-niendorf

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Identitätssuche
  • Suche nach Wegen aus der Einsamkeit
Formale SchwerpunKte
  • Tänzer:innen zur Darstellung von Gefühlen, Visionen, Träumen
  • Musik als karikierendes und charakterisierendes Element
  • Überdimensionierte Requisiten als karikierendes Element
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe

Ab 16 Jahre, ab Klasse 10

Empfohlen für den Deutsch- und Theaterunterricht

Zum Inhalt

Der Inhalt der Bühnenfassung weicht in Teilen von dem des Romans ab.

Der Hamburger Anwalt Roth hat sich für ein Vierteljahr in Niendorf an der Ostsee ein Apartment gemietet, um dort ein Buch über die Verstrickung seiner Familie in den Nationalsozialismus zu schreiben. Roth, einsam, menschenscheu oder besser: menschenverachtend  und voller Ängste, lernt dort Breda kennen. Der vermietet die Apartments, dreht die Strandkörbe in die richtige Richtung und betreibt auch noch ein Likördepot. Alkohol trinkt Breda in jeder Lebenslage. Anfangs ist der gebildete Roth von dem prolligen Mann angewidert, freundet sich aber nach und nach mit ihm und dessen Freundin Simone an. Das bedeutet aber auch, dass er sich zunehmend dem Alkohol widmet, was auch mit den für ihn schwer aufzuschreibenden Erinnerungen an seine Familie sowie seinen Träumen zu tun hat. Bei einer Sturmflut wird er zusammen mit Breda und Simone ins Meer gerissen.

Mögliche Vorbereitungen
  • Lektüre von Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf (oder Inhaltsangabe dazu)
  • Recherche zu Studio Braun
  • Recherche zu Heinz Strunk

 

Speziell für den Theaterunterricht

Definieren von Rollen durch schwarzes Grundkostüm plus Accessoire

Die Spielleitung bittet die Gruppe, in schwarzem  neutralen Grundkostüm (langartiges Shirt, lange Hose, möglichst ohne Aufdrucke) zu erscheinen.

Die Spielleitung legt verschiedene Accessoires oder Kostümteile (Federboa, Gummistiefel, lange Kette, Highheels, Schürze o.ä.) versteckt bereit und bittet sieben Freiwillige, sich je ein Accessoire auszuwählen und anzuziehen. Nacheinander führen die Spieler:innen möglichst zu einer Musik einen Catwalk vor; d.h. sie gehen über die Bühne (oder diagonal durch die Zuschauenden), bleiben kurz stehen und gehen wieder zurück. Die Zuschauenden sagen nach jedem Auftritt, was für eine Rolle/Figur dargestellt worden ist. 

Anschließend wird im Kreis das Fazit gezogen, wie mit wenigen Accessoires ein Kostüm und damit eine Rolle definiert werden kann. 

Aufteilung in Dreier-Gruppen

Aufgabe 
  • Entwerft zu dem nachfolgenden Text  eine kurze Szene  mit Anfang, Höhepunkt und Ende. 
  • Überlegt euch, wo die Szene spielt und wer die Figuren sind.  
  • Die Figuren sollen durch ein Grundkostüm plus Zusatz definiert werden
  • In der Szene sollen Auftritt, Position auf der Bühne, Körperhaltung und Gänge und der Figuren berücksichtigt werden.
Text:

N’Abend.

N’Abend.

Und?

Was?

Nichts Neues?

Nichts Neues.

Na dann

N’Abend.

N’Abend.

Der Text darf gekürzt oder verdoppelt und auf verschiedene Personen aufgeteilt werden. Die Satzzeichen haben keine Bedeutung; d.h. eine Frage kann auch wie ein Ausruf oder eine Aussage behandelt werden. 

Die Aufgabe ist gelungen, wenn

  • das jeweilige Kostüm die Figur eindeutig definiert und/oder 
  • die Szene klar aufgebaut ist
  • die Bühne sinnvoll genutzt ist
  • die Figuren in Körperhaltung, Mimik und Gestik klar sind
  • der Regel „Zug um Zug“ folgen

Präsentation mit Feedback

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