To My Little Boy

Klimawandel, Ausbeutung von Ressourcen, Plastikmüll ohne Ende – und das ist ja längst noch nicht alles, was einen Menschen heute überfordern kann. Vielleicht hilft da tatsächlich nur ein Schwein aus Polyester, sozusagen als bester Freund. Caren Jeß probiert diese Möglichkeit in ihrem intelligenten wie skurrilen Stück „To my little boy“. Dessen unterhaltsame Uraufführung ist jetzt im Thalia in der Gaussstraße zu sehen. 

Tupper, das Polyester-Schwein (Cino Djavid) ist Gesprächspartner und Tröster für Aaron (Torben Kessler). Foto: Katrin Ribbe

Die Kritik

Aaron hat ja Recht. Die Probleme dieser Welt gehen einem über die Hutschnur und überfordern. Aaron, um die vierzig und Geologe, sorgt sich hauptsächlich um umweltpolitische Themen wie vertrocknete Landschaften, überhitzte Meere oder die Ausbeutung von Bodenschätzen. Doch dabei kommt er vom Hundertsten ins Tausendste: die menschliche Gier, die Vergänglichkeit, die Frage, ob man noch Kinder in die Welt setzen darf und überhaupt. Aufgewachsen in einem streng christlichen Pastorenhaushalt auf dem Land musste er erleben, wie sein Lieblingsschwein Colgate starb, also den Weg alles Irdischen ging. Als Ersatz bekam er, damals noch ein Kind, ein Schwein aus unverwüstlichem Polyester. Tupper – wie die gleichnamige Ware – bekam von Stund an den Status des besten Freundes und wichtigsten Gesprächspartners. Ohne Tupper geht für den nunmehr erwachsenen Aaron gar nichts mehr. Das Schwein begleitet ihn auf Forschungsreisen, bei Vorträgen und bei sozialen Kontakten.

Caren Jeß, Jahrgang 1985, beweist mit ihrem jüngsten Theaterstück „To my little boy“ einmal mehr ihren Sinn für Komik und ungewöhnliche Perspektiven auf gesellschaftliche Situationen und Probleme. Durch die teilweise Verwendung von Jugendsprache oder das unerwartete, lockere Einflechten literarischer Zitate oder Songzeilen (hier spielt vor allem Shania Twains „That don’t impress me much“ eine tragende Rolle) bekommt der Text trotz seines gewichtigen Inhalts eine Leichtigkeit. Mit Marie Bues haben sie am Thalia Theater für die Uraufführung eine Regisseurin gefunden, die sich auf die Inszenierung neuer Texte in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Autor*innen konzentriert. Insofern wird Jeß damit einverstanden sein, dass der 100minütige Abend zu Beginn stark monologisierend wirkt und eher an einen Vortrag erinnert. Hier fehlen ein bisschen Schwung und Dynamik. Beides stellt sich jedoch bald darauf ein, wenn nämlich Aaron Gesprächspartner zulässt, also Dialoge und Handlungen entstehen.

Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern weitermachen. 

Torben Kessler als Aaron macht seine Sache bestens. Souverän stemmt er die Textmassen, findet einen sinnvollen Rhythmus zwischen Wortkaskaden, Stille und ganz normalem Alltags-Talk und bleibt selbstironisch und distanziert bei seiner Selbstbeschreibung als Außenseiter, der er mit seiner unhippen Kleidung zweifellos schon als Teenager war. Mit zwei Handpuppen ahmt er ein Gespräch zwischen seinen Eltern nach oder tanzt begeistert die Namen von Geologen. Seine Homosexualität ist für ihn weniger ein Problem als „das Zeitalter der globalen Übersteuerung“. Seine nicht enden wollenden Ausführungen dazu kommentiert sein Schwein Tupper mit Achselzucken oder trockenen Bemerkungen. In rosafarbenem Pelzkostüm mit Maske und einem Stoffschwein auf dem Kopf (Kostüme: Amit Epstein) ist Cino Djavid Aarons unvermeidliches Kuscheltier, später wechselt er (nunmehr nur in rosafarbenem Bodysuite) mit breitem Hamburgisch in die Rolle des ehemaligen Nachbarjungen Ulf oder heiser und gebückt in die von Aarons Mutter. Cennet Voss, wie Kessler und Djavid neu im Thalia-Ensemble, spielt die bodenständigen Freundinnen Aarons, vor allem die der Anouk. Sie überrascht ihn mit der Information, dass sie schwanger ist und überhaupt kein Problem damit hat, in diese Welt noch ein Kind zu setzen. 

Also nicht den Kopf in den Sand stecken angesichts der überfordernden Gegenwart, sondern weitermachen. Das ist doch mal eine positiver Schub am Ende dieses intelligenten und kurzweiligen Abends.

Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/to-my-little-boy/174

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Klimawandel
  • Ausbeutung von Rohstoffen
  • Gefahren durch Plastikmüll
  • Homosexualität
  • Schwangerschaft
Formale SchwerpunKte
  • Übernahme von unterschiedlichen Rollen über Sprechweise, Gestik und Körperhaltung
  • Darstellung von Figuren über Handpuppen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12
  • Geeignet für den Geografie-, Biologie-, Ethik-, Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Ist alles ein bisschen viel für Aaron. Er ist Geologe, um die vierzig, schwul (aber das ist nicht sein Hauptproblem) und sieht die Welt den Bach runtergehen. Überall Plastikmüll, die Erde erwärmt sich kontinuierlich, Landstriche verdorren, Meere erhitzen sich – Wie soll da der Mensch weiterleben? Sterben muss jedes Lebewesen sowieso, das hat Aaron mit dem Tod seiner Lieblingssau Colgate als Kind bitter erfahren müssen. Aber lohnt sich eine Zukunft auf diesem Planeten? Aaron hat sich mit Tupper ein Kuscheltierschwein aus Polyester zum Freund genommen. Ihm vertraut er seine Sorgen an, Tupper begleitet ihn auf Forschungsreisen, bei Vorträgen und bei sozialen Kontakten. Und dann ist da noch seine Freundin Anouk. Sie ist schwanger und glaubt fest daran, dass es sich lohnt, in diese Welt noch ein zu setzen.

Mögliche Vorbereitungen

Das digitale Programmheft bietet Interviews und Themen zur Vorbereitung an unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/to-my-little-boy/174/programmheft?tab=114

 

Speziell für den Theaterunterricht
„Zeitungstheater“ nach Augusto Boals „Theater der Unterdrückten“

Die Spielleitung teilt die S (=Schülerinnen und Schüler) in Kleingruppen.

Aufgabe:
  • Einigt euch auf drei gesellschaftliche, politische (evtl. auch persönliche) Themen, die euch derzeit beschäftigen und notiert sie.
  • Recherchiert im Internet zu diesen Themen und druckt entsprechende Texte aus.
  • Wählt aus diesen Texten Zeilen und Passagen, die euch wichtig erscheinen.
  • Gestaltet diese Zeilen/Passagen auf unterschiedliche Weise: (pantomimisch; flüsternd, rhythmisch, monoton, schreiend o.ä. vorlesend, chorisch, im Dialog ).
  • Entwerft daraus eine kurze Szene mit dem Titel „Überforderung“. Ihr dürft dabei die ausgewählten Textstellen durch Handlungen oder eigene Kommentare ergänzen)

Präsentation der einzelnen Gruppen und Feedback

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