Jungs vun de Waterkant – Die Gebrüder Wolf

Wie erzählt man eine Hamburgensie? Ein Allgemeingut der Stadt, das jede und jeder zu kennen glaubt, von allem aber nur ein bisschen weiß? Wie zum Beispiel bei den legendären Gebrüdern Wolf. Theatermacher Ingo Putz hat sich an ihre Geschichte herangewagt und sie unter dem Titel „Jungs vun de Waterkant“ als schwungvolle, gleichwohl nachdenklich stimmende Revue auf die Bühne des Ohnsorg Theaters gebracht. Mit Erfolg. 

Getuschel über die Brüder Wolf (v.li: Rabea Lübbe, Caroline Kiesewetter, Stephan Möller-Titel , Jannik Nowak) – Foto: Oliver Fantitsch

Die Kritik

Ausgerechnet der Nazi. Ausgerechnet dieser kalte, völlig unbeeindruckte Soldat mit der Nickelbrille (Rabea Lübbe) singt das Lied, auf das alle im Saal gewartet haben. Den unverwechselbaren, alle Generationen überdauernden Gassenhauer: „An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband“ – leise, beinahe beiläufig singt er die Titelzeile. Einfach so ist er in die Show der Gebrüder Wolf geplatzt, da konnte Ludwig (Stephan Möller-Titel) noch so sehr auf seine Berühmtheit, sein Hausrecht und was auch immer pochen. Der Nazi macht hier, was er will. Weil er es darf, weil er es kann. Ab sofort dürften das „Tüdelband“ und andere Hits wie „Snuten un Poten“ nur noch von Ariern gesungen werden, die Lieder seien nunmehr Reichskulturgut. Das war’s damit vorerst für die Karriere von Ludwig und James Iwan Wolf. 

Es ist eine beeindruckende Szene, mit der Ingo Putz die historischen Ereignisse in die Revue einflicht. Putz hat die spärliche Quellenlage über die Gebrüder Wolf genau gesichtet und erhebt gerade deshalb nicht den Anspruch auf eine exakte Wiedergabe.  Seine „Jungs von de Waterkant“ (ins Plattdeutsche übersetzt von Cornelia und Christiane Ehlers) erzählt er als Revue, ganz im Sinne der Shows der frühen Zwanziger Jahre. Rabea Lübbe und Caroline Kiesewetter (jeweils auch in weiteren Rollen) setzt er als zwei Moderatorinnen in Glitzerkostümen und Zylinder ein, nutzt den roten Theatervorhang wie damals zwischen den einzelnen Nummern, nur dass hier zeitliche Abschnitte aus dem Leben der Brüder dargestellt werden. Live begleitet von der vierköpfigen Band mahoin (musikalische Einrichtung und Arrangements: Henry Lambrecht), mit Schwung und gesanglich untadelig führen sie durch „eine Geschichte, die nur Deutschland möglich gemacht hat“. Denn es geht eben nicht nur um die atemberaubende Karriere der Hamburger Brüder, sondern auch um ihren jüdischen Hintergrund und darum, wie beide lange Zeit das Aufkommen der Nationalsozialisten heruntergespielt haben. 

Ein riesiger Grammophontrichter dominiert die Drehbühne.

Sicher, mit ersten antisemitischen Strömungen hatten sie bereits Mitte der Zwanziger Jahre, ihren jüdischen Namen Isaac abgelegt und den Künstlernamen Wolf angenommen. Aber sie waren zu Berühmtheiten herangewachsen. Hatten als Musiker und Entertainer auf den Tipp eines Kellners als Bühnen-Outfit Anzüge gegen Fischermontour eingetauscht und waren als Fietje und Tetje Identifikationsfiguren für die Hamburger geworden. Nachdem ihr Bruder James bereits 1906 ausgestiegen war, machten Leopold und Ludwig als Duo weiter. 

Ein riesiger Grammophontrichter (auch Projektionsfläche für die Schwarzweiß-Videos von Ingo Putz) dominiert die Drehbühne, die ihrerseits einen Plattenteller mit Schellackplatte darstellt (Bühne und Kostüme: Yvonne Marcour). Es ist die Welt der beiden Brüder, die mit atemberaubender Geschwindigkeit erst Hamburg an 364 Tagen im Jahr begeistern, später ganz Deutschland, Dänemark und Schweden. Mitreißende Couplets singen sie, Jannik Nowak als immer etwas besorgterer Bruder Ludwig  und Stephan Möller-Titel als bärbeißiger, äußerst selbstbewusster Leopold (später als sein Sohn James Iwan). Ihnen kann offenbar nichts und niemand etwas. Das Hochfahrende, Erfolgreiche zerfällt in dem Moment, als Leopold auf der Bühne zusammenbricht und stirbt. Putz setzt damit gegen den launigen, schmissigen Ton das Ernsthafte, Bedrohliche als ständigen, oft aber unbemerkten Begleiter. Still singt Möller-Titels Ludwig, nunmehr auch vom Kostüm her unverkennbarer Jude, am Bühnenrand „Im Himmel ist herrlich“, während der Rest der Trauergäste den Sarg des Bruders trägt. Aber schon ein weißer Lilienstrauß macht wieder Hoffnung, Leopolds Sohn James springt als neuer Partner ein. Die Erfolgsgeschichte wird fortgesetzt, ja sogar das Operettenhaus am Spielbudenplatz gekauft. Bis geflüstert wird, bis die Nazis kommen.

Mit wenigen Strichen zeichnet Putz’ gut zweistündige Revue (inkl. Pause), wie es nach dem Krieg mit der Karriere der Brüdern weitergeht. Und dazu gehört natürlich auch das „Tüdelband“. Animiert von Band und Ensemble singt es zuletzt das ganze Theater. Ein versöhnlicher Schluss für diese gelungene Revue.  

Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/jungs-vun-de-waterkant-die-gebrueder-wolf/

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Karriere der Gebrüder Wolf
  • Antisemitische Strömungen
  • Verharmlosung des aufkommendem Nationalsozialismus und deren Folgen
Formale SchwerpunKte
  • Erzählen ausgewählter zeitlicher Abschnitte als Revue
  • Darstellen von zeitlichen Übergängen durch Moderation
  • Couplets, Kabarettnummern, Sketche 
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16 Jahre, ab Klasse 10
  • Empfohlen für Musik-, Geschichts- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Die jüdischen Schlachterssöhne Isaac  aus der Hamburger Neustadt entdecken schon am Ende des 19. Jahrhunderts ihr Talent für Musik und Unterhaltung. Zunächst zu dritt, später als Duo machen die Brüder Ludwig und Leopold  unter dem Künstlernamen „Wolf“ als Fischerjungs Fietje und Tetje Karriere. Von 1895 bis 1938 gehören sie mit mehr als 60 Tonträgern und Shows in Deutschland, Dänemark und Schweden zu den erfolgreichsten Unterhaltungskünstlern ihrer Zeit. Ihren Durchbruch erlangen sie 1911 mit der Ausstattungsrevue „Rund um die Alster“, in der sie Couplets und Sketche aufführen und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen. 1926 stirbt Bruder Leopold, wird aber ersetzt durch seinen Sohn James Iwan, so dass der Erfolg der Brüder Wolf weitergehen kann. Obwohl in Hamburg geboren und aufgewachsen, ist ihr jüdischer Name Isaac für sie ein Makel, so dass sie noch vor dem Ersten Weltkrieg ihren Künstlernamen als Familiennamen annehmen. Erfolgsverwöhnt ignorieren sie zunächst die Gefahr, die von den Nazis ausgeht. Als jedoch ihre Lieder zum Reichskulturgut erklärt werden, das nur noch von Arieren gesungen werden darf, ist ihre Karriere beendet. James Iwan wird zunächst im KZ Sachsenhausen interniert, flieht aber von dort über Shanghai nach New York. Ludwig und seine Familie kommen in einem der sogenannten „Judenhäuser“ in Eimsbüttel unter. Er überlebt den Krieg und tritt noch einige Male auf. Er stirbt 87jährig in Hamburg.  

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu

  • Gebrüder Wolf: Leben und Karriere
  • Was ist eine Revue?
  • Umgang der Nationalsozialisten mit Kunst

 

Im Unterrichtsgespräch:

Kultur und Politik: Darf sich Politik in Kultur einmischen? (Vgl u.a. Berlinale 2026, Streichung dreier linker Buchhandlungen von der Liste zum Preis des Buchhandels) 

Speziell für den Theaterunterricht

Erstellen einer kurzen Revue zu seinen selbstgewählten Thema

Vorarbeit
  • Kriterien für eine Revue sichtbar machen, evtl. vorher sammeln lassen: Persiflage zeitgenössischer Persönlichkeiten, Nachrichten oder Literatur durch Sketche, Musik, Tanz
  • Aufteilung des Kurses in Gruppen (5 – 6 Personen)
Aufgabe:
  • Entscheidet euch in eurer Gruppe für ein aktuelles Thema. 
  • Überlegt euch ganz genau: Was wollt ihr erzählen? Welches Ziel verfolgt ihr?
  • Sucht entsprechende Songs und Texte, die sich kritisch/lustig/bestätigend o.ä. mit dem Thema auseinandersetzen.
  • Probiert Bewegungen, Choreografien zu einigen Szenen/Aspekten aus und prüft, wie ihr sie einfügt.
  • Gestaltet einen Aufbau für Texte und Songs
  • Überlegt euch Übergänge zwischen den einzelnen Teilen.
  • Skizziert Kostüme und ein Bühnenbild (kann ganz einfach sein) bzw. gestaltet es nach euren Möglichkeiten.
  • Probt die Revue und präsentiert sie.

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