Wenn ein autoritärer Staat über soziale Netzwerke und Medien die Wahrheit für sich gepachtet hat, dann müssen alle Alarmglocken läuten. Denn dann hat gerade die Jugend kaum noch eine Chance zum kritischen Denken, dann regieren Menschenverachtung, Diskriminierung und Kriegstreiberei. Wie aktuell Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ heute ist, beweist Klaus Schumachers anspruchsvolle Inszenierung im Jungen Schauspielhaus.

„Was fällt denen ein?! Schämen die sich denn gar nicht, Herrgottnochmal! Wo führt das hin?“. Der untersetzte Herr in Hut und Mantel, die Aktentasche unterm Arm, ist entrüstet. Seine Klasse hat im Aufsatz mit dem Thema „Warum müssen wir Kolonien haben?“ eindeutig menschenverachtende Positionen bezogen und findet auch offensichtlich nichts dabei, wenn fünf Jungs auf einen einzigen einprügeln. Immer wieder ungläubig den Kopf schüttelnd betritt der Schauspieler Hermann Book von der Seite die Studiobühne im Jungen Schauspielhaus. Er spielt den Lehrer aus Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“. Book hat zusammen mit der Dramaturgin Sonja Szillinsky eine Bühnenfassung erarbeitet, Klaus Schumacher, Leiter des Jungen Schauspielhauses, hat die Inszenierung übernommen.
Horváth erzählt aus der Perspektive eines Lehrers. Fassungslos sieht dieser, wie die von ihm in Geschichte und Geographie unterrichteten Jungs von der Ideologie eines autoritären Staates infiltriert werden. Wie sie kritiklos dem propagierten Rassismus und der Diskriminierung Schwächerer folgen, Kriegsbegeisterung entwickeln und Lüge nicht mehr von Wahrheit unterscheiden können. Wahrheit, heißt es später, ist gleichzusetzen mit Gott, und die Jugend hat ganz offensichtlich diesen Gott verloren.
Dass das Junge Schauspielhaus dieses Thema aufgreift, ist so konsequent wie mutig.
Obwohl Horváth in dem 1937 erschienenen Roman die Nationalsozialisten nicht explizit nannte, war mehr als deutlich, welcher Staat gemeint war. Klar, dass „Jugend ohne Gott“ umgehend verboten wurde. Fast neunzig Jahre später muss wieder mit einer solchen Jugend gerechnet werden, die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sowie die Popularität der in Teilen als rechtsradikal eingestuften AfD geben ausreichend Grund zur Sorge. Dass das Junge Schauspielhaus dieses Thema aufgreift, ist daher so konsequent wie mutig. Mutig insofern, als die 80minütige pausenlose Inszenierung ausschließlich von Book bestritten wird und von jungen Menschen – deren Aufmerksamkeitsspanne bekanntlich überschaubar ist – ein hohes Maß an Konzentration erfordert. Das allerdings lohnt sich unbedingt, denn die Inszenierung fesselt und Book ist fantastisch. Aus der Perspektive des Lehrers spielt er Dialoge nach, in die er involviert ist. Zeigt den heulenden kleinen Mitschüler genauso wie die den bräsigen Schuldirektor, den schneidigen Feldwebel oder den mitfühlenden Tormann beim Besuch eines todkranken Jungen. Er baut Spannung auf, indem er sekundenlang Stille aushält und zieht dann das Tempo wieder an. Fast schüchtern erzählt er als Schüler von seiner heimlich gegründeten Widerstandsgruppe, hektisch und schwitzend öffnet er unerlaubt als Lehrer das Kästchen mit dem Tagebuch eines seiner Schützlinge.
„Die Geschichte ist viereckig geworden.“
Bühnenbildnerin Katrin Plötzky hat ihm nur einen langen Holztisch und einen Drehstuhl zur Verfügung gestellt, beides nutzt Book wie auch den gesamten Raum in unterschiedlichen Funktionen. Der in drei Abschnitte geteilte Abend zeigt zunächst den Schulalltag, nachdem der Lehrer die Aufsätze zurückgegeben und gezeigt hat, dass er der Propaganda nicht glaubt und gleiches Recht für alle Menschen fordert. Es folgt die Zeit im Zeltlager, wo die Klasse exerzieren und schießen lernt. Gleichzeitig geht es hier um das verschlossene Tagebuch und den Mord an einem Mitschüler. Book bittet drei Reihen aus dem Publikum, sich mit Sitzkissen im Kreis auf die Bühne zu setzen. So entsteht nicht nur eine Zeltlager-Atmosphäre, so werden geschickt Zuschauer:innen noch direkter mit dem Geschehen konfrontiert. Erst im dritten Teil, wenn es um die Gerichtsverhandlung geht, können die Zuschauer:innen wieder zurück auf ihre Plätze gehen, der Holztisch wird zum Richtertisch. Erst vor Gericht übernimmt der Lehrer Verantwortung und gibt zu, das Kästchen geöffnet zu haben. Er weiß, dass er dafür seine Stellung verlieren wird, aber er ist erleichtert. „Die Erde ist immer noch rund, und die Geschichte ist viereckig geworden“, stellt er mit einem leisen Lächeln fest. „Du kannst hier nicht bleiben“, sagt er zu sich und geht.
Ein komplexes, hochaktuelles Thema und eine eindringliche, fesselnde Darstellung und Inszenierung. Gut vorbereitete junge Menschen sollten sie sich unbedingt ansehen und Erwachsene sowieso.
Weitere Informationen unter: https://junges.schauspielhaus.de/stuecke/jugend-ohne-gott
Die Kritik
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Mitläufertum und Gehorsam in einem autoritären Staat
- Rolle und Einfluss von Propaganda
- Lüge als Wahrheit
- Übernahme von Verantwortung
Formale SchwerpunKte
- Monolog
- Darstellung verschiedener Figuren aus einer Perspektive über einen Schauspieler
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12
- geeignet für den Deutsch-, Geschichte- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
In einem autoritären Staat unterrichtet ein Lehrer Geschichte und Geografie. Anlässlich eines Aufsatzes zum Thema „Warum brauchen wir Kolonien?“ muss er erkennen, wie sehr seine Schüler bereits von der Ideologie des Staates (Horváth meint die NS-Regierung, ohne sie direkt zu nennen) infiltriert sind. Seine eigene liberale Meinung versteckt der Lehrer mehr und mehr, nachdem ihm von Elternseite offenkundiger Hass entgegengeschlagen ist. Bei einem Aufenthalt im Zeltlager, bei dem die Jugendlichen exerzieren und schießen lernen, bricht er heimlich das Kästchen eines Schülers auf, um dessen Tagebucheintragungen zu lesen. Er ist jedoch zu feige, seine Tat zu gestehen, und es kommt zu folgenschweren Konsequenzen. Erst im Gerichtssaal bekennt sich der Lehrer und übernimmt Verantwortung.
Mögliche Vorbereitungen
- Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott (Lektüre und Interpretation oder genaue Inhaltsangabe und Interpretation ausgewählter Kapitel)
- Deutschland im Nationalsozialismus (Bildung-, Kulturpolitik, Rolle der Propaganda)
- Parteiprogramm der AfD (Auszüge zu Bildung, Kultur, Einwanderung)
Speziell für den Theaterunterricht
Track Working zum Thema „Faschismus“
(Methode aus dem postdramatischen Theater zum Mischen verschiedener Spuren.)
- Jede Schülerin/jeder Schüler setzt sich separat hin und notiert 15 Symbole, Zeichen oder graphische Darstellungen zum Thema „Faschismus“ (z. B.“Hakenkreuz“); die Zeichen dürfen sich auch wiederholen, es darf nur kein Wort geschrieben werden.
- Es werden Gruppen (à 7 – 8) gebildet; in der Gruppe einigt man sich auf eine Zeichenfolge von 10 (oder min 7) Zeichen, die wie bei einer Hitliste nacheinander notiert werden.
- Jede Gruppe geht auf die Bühne und versucht die Zeichen in eine Bewegungsfolge zu bringen; d.h. eine Übersetzung der Symbole in ein körperliches Zeichen. Bedingung: diese körperlich ausgeführten Zeichen sollen chorisch synchron ausgeführt werden. Dabei soll eine festgelegte Strecke (Linie) eingehalten werden. Die Gruppe bewegt sich in Richtung Rampe und vollführt ihre Bewegungen. Diese enden, wenn die Rampe erreicht ist.
- Musik kommt dazu, bietet Impuls für Choreografie aus Bewegungsfolge (vgl. Phase 2)