Don Quijote

Das mit der Wahrheit ist so eine Sache. Was tatsächlich stimmt, was subjektiv gefärbt ist oder ins Reich der „alternativen Fakten“ gehört, ist im Zeitalter von Social Media nur noch schwer zu unterscheiden. Die einfachste Darstellung zieht die meisten Claqueure und verleiht den Initiatoren Macht. Diese Fragen verhandelt Cesca Carniéer frei nach Cervantes’ Roman „Don Quijote“ in ihrer gleichnamigen schrillen Inszenierung auf der Plattform-Bühne des Ernst Deutsch Theaters. 

Selbsternannter Retter Spaniens: Don Quijote mit seinem Knappen Sancho Panza (v.li: Aaron Brömmelhaup, Anatol Käbisch) – Foto: Sebastian Brummer

Die Kritik

Philipp II. (Rune Jürgensen) wirkt wie ein zu spät gekommener Zuschauer. In blauem Anzug geht er bei hellem Saallicht schnellen Schrittes und noch an einem Brötchen kauend zu seinem Platz. Der befindet sich mitten im Publikum der Plattform-Bühne, der mit knapp 70 Plätzen sehr kleinen Nebenspielstätte des Ernst Deutsch Theaters. Er gibt sich volksnah, schüttelt Hände, stellt sich vor, diskutiert mit seinem Protokollführer (Niklas Rafael Bähnk) über eine mögliche neue Sitzordnung. Daraus wird zwar nichts, aber letztlich geht es darum auch gar nicht. Wichtig ist, dass das Publikum Teil des Spiels ist. Dass wir mit Philipp II. im Gerichtssaal sitzen und dem Prozess gegen Don Quijote und Sancho Panza beiwohnen.

1605 veröffentlichte Miguel de Cervantes Saavedra seinen Roman „Don Quijote“, der bis heute zu den wichtigsten der Weltliteratur zählt, verhandelt er doch die Frage nach den schwimmenden Grenzen zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Bei Cervantes hat der Held so viele Bücher gelesen, dass er kaum noch unterscheiden kann, was Dichtung und was Realität ist. Sich selbst sieht er als Ritter, der, um seine Angebetete Dulcinea zu gewinnen, Abenteuer bestehen muss. 

„Make Knights Great Again“

Ausgangspunkt für Cesca Carniéers Fassung ist Don Quijotes subjektive, eher unterkomplexe Wahrheit, mit der er schlichte Gemüter beeinflussen und hinter sich scharen kann. Das macht ihn zu einer Gefahr, deshalb wird ihm im Gerichtssaal der Prozess gemacht. Vor weißen Vorhängen, auf die mal in Schwarzweiß eine Windmühle oder Landschaften projiziert werden, stehen verschiebbare schmale Käfige, in denen Don Quijote (Aaron Brömmelhaup) und Sancho Panza (Anatol Kubisch) hineingepresst sind (Bühne und Video: Mikhail Zaikanov). Ein niedriger Käfig mit Büchern dient als Zeugenstand (Running Gag, wann immer jemand an dieses Pult tritt: „Mein Gott, ist der klein!“). Dort tritt zunächst Quijotes Schwester (virtuos: Leela Scherbaum auch in weiteren Rollen und und sehr komisch als Pferd Rosinante) auf, um ihren Bruder zu entlasten. Es folgt Quijote selbst. Silbrig glänzend vom Käppi mit der wenig subtilen Aufschrift „Make Knights Great Again“ über den Anzug bis zu den Schuhen gibt er den Helden. Er will Spanien erretten, denn alles Böse im Land kommt Quijotes Ansicht nach vom Zauberer Freston. Eine prima Verschwörungstheorie also, der nach anfänglichem Zögern auch der an sich bodenständige, aber ungebildete Sancho folgt. Musikalisch begleitet von Niklas Raphael Bähnk schmettert er selbstbewusst und schief „Don’t stop me now“ von Queen und erzählt dann noch einmal, wie er die Welt bislang zu retten gedachte.

Carniéer lässt Szenen in der Rückschau in irrem Tempo nachspielen, wie im Comic untermalt durch Sounds und Musik (Musik und Sounddesign: Henrik Demcker, Bähnk). Unterschiedliche Figuren treten auf, die von Scherbaum oder Daniel Schütter (grandios vor allem als Stadtreiniger González) und – hier stimmt mal der abgenutzte Begriff- mit sichtbarer Spielfreude übernommen werden. Die Wortspielereien, in denen Sancho Panchas Begriffsstutzigkeit deutlich werden soll, mögen angestrengt wirken, manches wirkt eine Idee zu überdreht und albern. Auch fehlt es der Inszenierung zuweilen an Stringenz. Das Publikum im Gerichtssaal, also wir (!), geraten nicht zwingend in die Rolle derjenigen, die sich manipulieren lassen. Aber egal. Das Ganze ist eine kurzweilige, schrille Angelegenheit von nur 75 Minuten, auf die man sich einlassen kann. Ein weiterer Versuch der neuen Intendanz, Ungewöhnliches auszuprobieren und zu wagen. Respekt!

Weitere Informationen unter: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/don-quijote-441

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Verwischte Grenzen zwischen Wirklichkeit und persönlicher Wahrnehmung
  • Verschwörungstheorien und ihre Konsequenzen
Formale SchwerpunKte
  • Einbeziehen des Publikums ins Spiel
  • Aufbrechen des Spiels durch Kommentare der Spielenden („Du bist Bayer, kein Berliner“)
  • Untermalung der Szenen durch comichaften Sound
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12
  • Geeignet für Theaterunterricht
Zum Inhalt

Dem selbst ernannten Retter von Spanien Don Quijote und seinem Knappen bzw Adlatus Sancho Panza wird unter Vorsitz von König Philipp II. der Prozess gemacht. Ihnen wird vorgeworfen, die Bevölkerung mit Verschwörungstheorien und subjektiven Wahrheiten manipuliert zu haben. Die eigene Darstellung sowie Aussagen von unterschiedlichen Zeugen sind Auslöser für Szenen, die in der Rückschau einzelne Stationen ihres Handelns zeigen. Auch vor Gericht weicht Don Quijote nicht von seiner Sichtweise ab und hat vielleicht weiterhin einen großen Teil des Volkes hinter sich.

Mögliche Vorbereitungen für den Theaterunterricht

Recherche zu 

Cervantes: Don Quijote (Inhaltliche Zusammenfassung und Bedeutung des Romans) 

Zwei Übungen aus dem Bühnenkampf (nach Nick Doormann)

Backpfeife

Die Spielleitung teilt Paare ein.  A und B, jede:r hüftbreiter Stand, abmessen des Abstandes zwischen den Personen (etwas länger als eine Armlänge), A  ist Geber:in,  nimmt Arme vor die Brust, nimmt Schwung und führt ausgestreckten Arm am Gesicht von B vorbei, B, wendet ruckartig Kopf in entsprechende Richtung und klatscht in die Hände.

Achtung: A muss gerade stehen, darf sich nicht vorbeugen, muss Füße parallel halten (kein dynamischer Schritt), Timing muss stimmen; Geräusch muss laut genug sein (eine Hand als Höhle, die andere klatscht ein nur mit oberer Handhälfte), Rücken zum Publikum. 

Gerader Faustschlag

Gleiche Stellung zum Publikum, A und B stehen zueinander wie bei Backpfeife, A holt aus mit Faust (Faust: Daumen wird von Fingern umschlossen), andere Hand in Kinnhöhe ), führt Faust gerade auf B zu, im Moment des Treffers klopft sich A mit der anderen Hand auf den Brustkorb (Geräusch), B wirft Kopf zeitgleich nach hinten.

Spiegeln mit der Gruppe

Die Spielleitung teilt den Kurs in zwei gleich große Reihen, die sich auf Stühlen in großem Abstand gegenübersitzen. Die nachfolgenden Bewegungen sollten synchron in beiden Reihen ausgeführt werden, so dass es nach einer Spiegelung aussieht. Dabei sollten die Spielenden den peripheren Blick anwenden und genau auf die Bewegungen der Person neben und vor sich achten.

Diese Übung ist anspruchsvoll, da sie synchron von mehreren Personen ausgeführt werden muss. Mehrmaliges Wiederholen ist sinnvoll.

Ablauf:
  • Ausgangsposition: Alle Spielenden sitzen auf ihren Stühlen, Oberkörper ist nach vorne gefallen.
  • Langsames Heben des Kopfes und des Oberkörpers, Hände auf die Oberschenkel.
  • Langsames Aufstehen.
  • Zwei Schritte nach vorne.
  • Dritter Schritt mit Sprung nach vorne, dabei gleichzeitiges Heben den Arme in Kampfposition, Blick auf den/die Gegner:in der gegenüberliegenden Seite und Ausruf eines „Ha!“
  • Langsame Drehung des Oberkörpers über die linke Seite.
  • Zurückdrehen, Blick auf das Gegenüber und erneuter Sprung mit „Ha!“
  • Zurücksinken der Arme mit Blick auf Gegenüber.
  • Zwei Schritte rückwärts zum Stuhl mit Blick auf Gegenüber
  • Hinsetzen mit Blick auf Gegenüber
  • Nach vorne in Ausgangsposition sinken.
Spiegeln als Paar

Die Spielleitung teilt den Kurs in Paare ein, die (A und B) ein, die einander gegenüber stehen. A schaut in den Spiegel (B). Alle -langsam ausgeführten- Gesten und Bewegungen spiegelt B genau und zeitgleich wieder. Möglich ist, dass sich die Rollen unbemerkt vertauschen und A nun zum Spiegel von B wird.

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