Gar nicht einfach, einen so komplexes Werk wie Siegfried Lenz’ zweiten Roman „Der Überläufer“ auf die Bühne zu bringen. 1951 entstanden, wurde er erst 2016 nach dem Tod des Schriftstellers veröffentlicht. Zu brisant erschien dem Verlag Hoffmann und Campe seinerzeit ein Text, der sich kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs kritisch mit der Frage nach Pflicht und Gewissen auseinandersetzte. Axel Schneider hat sich daran gewagt und aus dem Original eine Bühnenfassung erstellt, Kai Hufnagel hat sie an den Hamburger Kammerspielen inszeniert.

Die Kritik
Keine Frage, Siegfried Lenz zählt zu den wichtigsten Schriftstellern der Nachkriegszeit. Seine Romane, vor allem die vielfach übersetzte „Deutschstunde“, und Erzählungen wie „So zärtlich war Suleyken“ machten ihn weit über die Grenzen Deutschlands berühmt, politisch stand er der SPD nahe, mischte sich in Debatten ein, suchte immer wieder die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Am 17. März wäre er hundert Jahre alt geworden. Grund genug, ihn mit Lesungen, Dokumentationen und Verfilmungen zu ehren, und ja, auch mit Inszenierungen im Theater. Vor allem Axel Schneider, Intendant von gleich drei Bühnen in Hamburg (Altonaer Theater, Hamburger Kammerspiele, Hamburger Theater), hatte bereits in der vergangenen Spielzeit begonnen, mit „Lenz auf die Bühne“ den Dichter in zahlreichen Veranstaltungen zu würdigen.
Lenz hat selbst nur wenige Theaterstücke („Zeit der Schuldlosen“, „Das Gesicht“) geschrieben. Aus seinen Romanen hat Schneider daher Bühnenfassungen erarbeitet. „Heimatmuseum“ lief im Altonaer Theater, jetzt ist die Uraufführung von„Der Überläufer“ in den Kammerspielen zu sehen. Die Geschichte ist von erschreckender Aktualität. Im Mittelpunkt steht der junge Soldat Walter Proska, der während des letzten Kriegsommers an der Ostfront stationiert wird. Dort erlebt er die Verrohung, die Brutalität und den wachsenden Wahnsinn von Vorgesetzten. Er hinterfragt, inwieweit er weiterhin gehorsam bleiben und Deutschland gegenüber seine Pflicht erfüllen muss und ob es nicht sinnvoller wäre, zu desertieren.
Das klingt nach einer relativ stringenten Handlung, allerdings wird die an den Kammerspielen nicht deutlich. Für alle die, die den Roman nicht kennen, ist anfangs nicht klar, um was genau es hier geht. Hier fehlt ein Hinweis auf ein Setting, was durch die Einführung von Erzählpassagen leicht möglich gewesen wäre. Die aber werden erst sehr spät, nämlich kurz vor der Pause chorisch oder im Wechsel dargeboten. Bis dahin fragt man sich weitgehend, wo denn der Fokus dieser Inszenierung liegt. Da ist auf der einen Seite der im Zentrum stehende, über den Abend weitgehend angsterfüllte Proska von Markus Feustel, der augenscheinlich auf die verführerische polnische Partisanin Wanda (Anke Bautzmann) hereinfällt. Wie deren Geschichte weitergeht, bleibt bruchstückhaft. Da sind aber auch Leute wie der wegen seiner trockenen Kommentare für Lacher sorgende Ostpreuße Jan „Schenkel“ Zwiczosbirski (Jascha Schütz), der brutale Unteroffizier Willi Stehauf (Thomas Klees) und der sehr präsente, sehr klare Wolfgang „Milchbrötchen“ Kürschner von Miriam Schiweck. Sie treten in Proskas Leben, werden wie auch Paul Zacharias (Ingo Meß, auch in weiteren Rollen) oder Helmut Popper (Paul Smollich, auch in weiteren Rollen) von ihm beobachtet und bringen ihn letztlich zu dem Entschluss, Pflicht und Gehorsam sausen zu lassen und zu desertieren.
Hufnagel wählt die Abstraktion und öffnet damit die Geschichte über den historischen Rahmen ins Heute.
Eine glückliche Entscheidung von Regisseur Kai Hufnagel ist, jede Art von Realismus zu vermeiden. Statt dessen wählt er die Abstraktion und öffnet damit die Geschichte über den historischen Rahmen hinaus ins Heute. Lars Peter hat ihm dafür eine Bühne gebaut, die mit Fässern, Stangen und Boden fast ausschließlich aus Metall besteht. Mit ein paar Handgriffen werden die Stangen zu Gewehrläufen, mit roten Gummistiefeln und rotem Helm verwandeln sie sich in einen toten Soldaten. Die Schauspieler:innen, von Hufnagel an beide Seiten der Bühne gesetzt, so dass sie je nach Szene auf- und abtreten können, tragen Ringe an den Händen, mit denen sie auf das Metall schlagen und kriegsähnliche Geräusche erzeugen können. Ihre schwarzen Grundkostüme werden mit hellen Oberteilen zu Uniformen umgewandelt. (Kostüme: Sarah Yekani Zare). Mit weißen Stoffbahnen verwandelt sich die Bühne in eine Schneelandschaft, deren Kälte bis in die Zuschauerreihen zu spüren ist. So weit so sinnvoll. Und doch bleibt dieser Abend seltsam leer, die Geschichte nimmt einen nicht mit. So bleiben Bruchstücke hängen, die sich jedoch nicht zu einem flüssigen Ganzen entwickeln. Es ist eben wirklich nicht einfach, so einen Roman auf gut zwei Stunden (inkl. Pause) einzudampfen und eine nachvollziehbare Handlung zu erzählen.
Weitere Informationen unter:https://hamburger-kammerspiele.de/programm/der-ueberlaeufer/
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Überlegungen zu Gehorsam, Pflichtgefühl und Gewissen
- Wachsende Brutalität am Ende des Krieges
- Frage nach dem schuldhaften Handeln
Formale SchwerpunKte
- Abstrakte, multifunktionale Bühne und Kostüme
- Unterbrechung einzelner Szenen durch Black (nach der Pause)
- Chorisch oder im Wechsel gesprochene Erzählpassagen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Nur, wenn der Roman bekannt ist: Ab 16 Jahre, ab Klasse 10/11
- Möglich für den Geschichts-, Politik- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Der Soldat Walter Proska wird im letzten Kriegssommer an der Ostfront stationiert. Er erkennt, wie sehr der Wahnsinn des Krieges zu Verrohung und Brutalität bei den Offizieraen führt. Das führt ihn zu Überlegungen hinsichtlich von Pflicht, Gehorsam und Gewissen. Er entschließt sich letztlich zu desertieren.
Notwendige Vorbereitungen
Recherche zu
- Siegfried Lenz (Leben, Werk)
- Inhalt von „Der Überläufer“
- Biografischen Bezügen zwischen Roman und Leben von Siegfried Lenz
Speziell für den Theaterunterricht
Arbeit mit multifunktionalen Requisiten
- Die Spielleitung legt verschiedene Materialien (z.B.: Papier, Blechbüchsen o.ä.) aus oder lässt den Kurs Alltagsgegenstände mitbringen (Becher, Teller, Stifte o.ä.).
- Die Gruppe geht zu einer ausgewählten Musik durch den Raum und probiert aus, welche Gegenstände welche Geräusche erzeugen.
- Aufteilung des Kurses in Vierer- bzw Fünfergruppen.
Aufgabe:
Sucht euch ein Thema (Waldspaziergang, Gewitter, Krieg, Stadt) und versucht es über ausgewählte Gegenstände akustisch darzustellen. Wer Lust hat, kann daran auch eine kleine Szene (ohne Sprache!) erstellen.
Präsentation:
Der Kurs dreht sich mit dem Rücken zur präsentierenden Gruppe, schließt die Augen und versucht nur über das Gehörte herauszufinden, welches Thema akustisch dargestellt wird