Der nette Kauz mit dem Säckchen voller Zaubersand – bis heute wird die Figur des Sandmanns auch im Fernsehen als Einschlafhilfe für Kinder bemüht. Wer allerdings E.T.A. Hoffmanns Novelle kennt, wird wohl davon Abstand nehmen. Denn „Der Sandmann“ führt die Hauptfigur Nathanael direkt in den Wahnsinn. Zu Björn Kruses stringenter Inszenierung im Theater Das Zimmer.

Die Kritik
Die Bühne zeigt ein trostloses Zimmer in der Psychiatrie: Rechts ein schiefes Metallbett, in gehörigem Abstand dazu ein Holzstuhl und ein Servierwagen, dahinter eine weiß gekachelte Wand. „Nathanael“ hat jemand darauf geschrieben. Es ist der Name des jungen Mannes, der barfuß, mit weißem T-Shirt und weißen langen Unterhosen auf dem Servierwagen sitzt. Reglos wie eine Puppe, den Blick nach Innen gekehrt scheint Nathanael (Daniel Gerbaulet) die Außenwelt auszublenden. Zu der gehört die ebenfalls weiß gekleidete Psychiaterin (Lena Anne Schäfer). Sie will den Patienten aus der Starre herausholen, will wissen, wie es zu dem Trauma gekommen ist und ermuntert ihn, noch einmal in die Kindheit zurückzukehren und seine Geschichte zu erzählen.
Durch diese Setzung bekommt Björn Kruses Inszenierung etwas Zeitloses, sogar Modernes. 1816 war der„Der Sandmann“ erschienen, ein Werk der Romantik also. Die Epoche galt als Gegenbewegung zur Aufklärung, indem sie das Unerklärliche und das Gefühl dem Verstand entgegensetzte. Beide Postionen lässt Hoffmann in seiner Novelle aufeinandertreffen: Das Geheimnisvolle, Dunkle findet sich bei Nathanael, der klare, analytische Verstand bei seiner Freundin Clara, die nicht umsonst diesen Namen trägt. Lena Anne Schäfer spielt vor allem die rational geprägten Figuren: Mit Kittel ist sie die Psychologin, die einfühlsam auf den verstörten Nathanael zugeht, ihm zuhört und sein Trauma zu begreifen versucht. Später verkörpert sie vor allem Clara. In der Rückschau erzählt Nathanael, wie er als Kind Angst vor dem Sandmann hatte, weil der Kindern Sand in die Augen streut. In Coppelius, einem unsympathisch wirkenden Freund des Vaters, glaubt er, den furchterregenden Sandmann zu erkennen, meint sogar, dass er die Augen der Kinder herausreißt. Als nach einem Besuch von Coppelius der Vater tot am Boden liegt, ist Nathanael endgültig traumatisiert.
Kruse gelingt, es die Novelle mit nur zwei Schauspielenden überzeugend umzusetzen.
Stockend berichtet Gerbaulets Nathanael von den Ereignissen seiner Kindheit, immer wieder ermutigt von der Psychologin. Schäfer, die zur Verdeutlichung der Erinnerungen in die Rolle des Coppelius schlüpft (und mit Gasmaske tatsächlich zum Fürchten aussieht), tauscht ihre Rolle und wird zu Nathanaels Freundin Clara. Als lebensbejahende, strahlende und vernunftgesteuerte Frau versucht sie Nathanael davon zu überzeugen, dass vieles nur in seiner Einbildung geschieht. Dass zum Beispiel der Wetterglas-Händler Coppola, den Nathanael in seiner Studienzeit trifft, nicht Coppelius ist.
Kruse gelingt es, die Novelle mit nur zwei Schauspielenden überzeugend umzusetzen. Einzelne Zeitabschnitte trennt er durch Blacks und die Verschiebung des Metallbetts, Dialoge und Spiel. Eine Auseinandersetzung zwischen Clara und Nathanael gerät zur Kissenschlacht, Elektroklänge und abgezirkelte synchrone Bewegungen zeigen Nathanael beim Tanz mit der von ihm verehrten Olimpia (ebenfalls Lena Anne Schäfer). Das Roboterhafte bereitet auf die Erkenntnis vor, das Olimpia sich bald als künstliche Figur, als „Automat“, entpuppt. In ihren toten Glasaugen glaubt Nathanael, ein Werk des gefürchteten Coppolas oder Coppelius zu sehen. Damit holt ihn der Wahnsinn endgültig ein. Ein intensiver, spannender Abend.
Weitere Informationen unter:https://www.theater-das-zimmer.de/Veranstaltung/der-sandmann/?instance_id=2498
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Wahnvorstellungen und Traumata
- Rationale Argumentation und Herangehensweise
Formale SchwerpunKte
- Rollenwechsel durch Requisiten bzw Kostüm, Körperhaltung, Mimik und Gestik
- Roboterhafte Bewegungen (Tanz mit Olimpia)
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11
- Geeignet für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Der Sandmann ist für Nathanael seit seiner Kindheit zu einem Trauma geworden, das ihn noch als Erwachsener verfolgt und ihn schließlich in den Tod treibt. Als Kind hatte ihm seine Mutter vom Sandmann erzählt, der den Kindern Sand in die Augen streut, um sie zum Schlafen zu bringen. Die für ihn fürchterliche Vorstellung verknüpft er mit einem abendlichen Besucher des Vaters, dem unsympathischen Coppelius. Der, so Nathanael, reiße Kindern die Augen heraus, um sie für Experimente zu nutzen. Als nach einem Besuch der Vater eines Abends tot am Boden liegt, ist Nathanael traumatisiert. Allerdings beruhigt er sich mit den Jahren, denn mit Clara tritt eine Freundin in sein Leben, deren rationale, fröhliche Art ihn auf andere Gedanken bringt. In seinem Studienort glaubt er allerdings, in dem Wetterglas-Händler Coppola Coppelius wiederzuentdecken. Mit dem Perspektiv, das er ihm abkauft, kann er Olimpia, die Tochter seines Professors, beobachten. Er verliebt sich in sie, tanzt mit ihr, muss aber bald erkennen, dass sie „ein Automat“ mit künstlichen Augen und, so glaubt er, damit ein Produkt Coppolas/Coppelius’ ist. Er verfällt endgültig dem Wahn und stürzt sich von einem Turm.
Mögliche Vorbereitungen
- E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann (Lektüre oder detaillierte Inhaltsangabe)
- Recherche zu Wesenszügen der Romantik im Vergleich zur Aufklärung
Speziell für den Theaterunterricht
Isolationen
Die Spielleitung erklärt: Es gibt drei Hauptbewegungen der Gliedmaßen:
- Inklination (Beugen von Gelenken)
- Translation (Verschieben von Körperteilen)
- Rotation (Drehen um verschiedene Körperachsen)
Die Spielleitung teilt Gruppe in Paare (A/B) ein. Die Spielenden stellen sich paarweise auf: A macht aus B einen Roboter, versucht verschiedene Möglichkeiten: lässt ihn aufstehen, sich hinsetzen usw. Dabei auf dieIsolation der einzelnen Gliedmaßen achten.
„Kopfisolation“
Alle stehen im Kreis und bewegen ihren Kopf auf Anweisung der Spielleitung in eine bestimmte Richtung (möglichst ohne Beteiligung des restlichen Körpers).
z.B.:
Bewegen nach vorne (als wollte man jemand anglotzen), hinten, drehen nach rechts, links, bewegen nach oben, unten
Aufstehen und Gehen
Die Gruppe liegt verteilt auf dem Boden. Die Spielleitung gibt folgende Anweisung:
Zu jedem Klopfen/Klatschen (am besten mit Klanghölzern) macht ihr eine Bewegung (=Toc), um aufzustehen, so dass das Aufstehen aus einzelnen, abgehackten Bewegungen entsteht.
Wenn alle stehen:
Gehen in Tocs, d.h. zu jedem Klopfen/ Klatschen einen Schritt machen.
Variationen: Mit Hilfe des vorgegebenen Rhythmus über das Klatschen/Klopfen können auch Grimassen geschnitten und andere Bewegungen ausgeführt werden. Wichtig ist, dass jede Bewegung, jede Mimik isoliert ist.