Antiope

Dank der „Anthropolis“-Serie im Hamburger Schauspielhaus wissen wir jetzt einiges über Machtansprüche und Herrschaft im antiken Theben. Und wie wenig sich auch mehr als 2000 Jahre danach geändert hat. Aber was wissen wir über eine junge Frau, die aus diesem System ausbrechen will? Zu Henry Morton Oehlerts ambitionierter Inszenierung von „Antiope“ im Rangfoyer des Schauspielhauses.

König Nykteus(Michael Weber) stellt Regeln auf, aus denen Antiope (Sasha Rau) ausbricht – Foto: Apollonia Theresa Bitzan

Die Kritik

Die Vernunft hatte meistens das Nachsehen. Im Streit um Theben siegte letztlich immer derjenige, der seine Macht mit Gewalt und rigidem Regelwerk zu sichern wusste. Roland Schimmelpfennigs geniale Fassungen und Neuschreibungen zur „Anthropolis“-Serie verwebten die antiken Vorlagen leicht und selbstverständlich mit aktuellen Gesellschaften, und es waren immer Männer, die Theben starren Gesetzen unterwarfen. Frauen, die dagegen hielten, scheiterten oder wurden bestraft: Agaue tötet im Dionysischen Rausch ihren eigenen Sohn, Iokaste scheitert bei den Friedensbemühungen zwischen ihren Söhnen Eteokles und Polyneikes und sieht beide im Kampf sterben, deren Schwester Antigone rebelliert gegen Kreons Gesetz, den Angreifer Polyneikes nicht zu bestatten, und wird zum Tode verurteilt. Eine Frauengestalt fehlt in dem Reigen der Ausbrechenden noch: Antiope. Ob sie nun die Tochter des Flussgotts Asopos ist oder die des Königs Nykteus, der Kadmos, das spätere Theben, mit Strenge regiert, ist nicht ganz geklärt. Euripides hatte ihr ein Drama gewidmet, von dem jedoch nur noch ein Fragment erhalten ist. Insofern bedeutete es für die Autorin Anne Jelena Schulte eine Menge Recherche-Arbeit, um sich dieser Frauenfigur zu nähern. Die Herangehensweise thematisiert sie in ihrem Stück, lässt die Figuren fragen „Wo ist Antiope?“ und trägt ihnen auf, sie zu „fassen“, ihr „eine Fassung geben“. Weiterführungen und Wortspielereien dieser Art erinnern sehr an den Stil Elfriede Jelineks, was nicht schlimm ist. Aber der Text mit seinen eingefügten englischen Sätzen oder den Songs im Berlin-Sound wirkt ein wenig angestrengt in seinem Bemühen um den Gegenwartsbezug (oder liegt die Messlatte seit Schimmelpfennigs Fassungen nur schwindelerregend hoch?). Wie auch immer, Schulte versucht sich in ihrem Stück Antiope zu nähern. Ganz einfach ist es nicht, da wenig über sie bekannt ist. Dennoch entsteht eine spannende Geschichte, nämlich die einer Frau, die sich gegen das Herrschaftssystem ihres Vaters auflehnt, indem sie einfach die Stadt verlässt und in den Wald geht. Für sie zählt alleine das Lustprinzip, dem Folgen der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Damit wird sie zur Gefahr für das bestehende System. 

Ihr rhythmisches Keuchen geht über in ein elektronisch verstärktes Heulen wie bei einem Wolf.

Henry Morton Oehlert hat mit „Antiope“ seine erste Regiearbeit im Rangfoyer des Schauspielhauses vorgelegt. Wegen der laufenden Vorstellungen im Großen Haus muss diese kleine, ambitionierte Inszenierung mit späten Anfangszeiten (ab 21:30 h) vorlieb nehmen, was aber bei einer Gesamtdauer von 100 Minuten vertretbar ist. Das Publikum wird auf zwei gegenüberliegende Seiten der Bühne gesetzt. Rechts und links davon finden sich Musikinstrumente (Schlagzeug, Gitarre) und ein Sound-Pult sowie ein Bildschirm, auf den Live-Videos übertragen werden. In der Mitte des Raumes steht ein Podest, das rundum mit einem Folienvorhang verhängt werden kann (Bühne und Licht: Sanghwa Park). Ein eigentümlich blaues Licht zeigt anfangs  Antiope (Sasha Rau) als schemenhafte Figur hinter dem Vorhang. Ihr rhythmisches Keuchen geht über in ein elektronisch verstärktes Heulen wie bei einem Wolf. Klagend, an- und dann wieder abschwellend. Sound und Musik (Merlin Gebhard) durchziehen die Geschichte um Antiope. Die Uneindeutigkeit ihrer Herkunft, die Beziehung zur Flussnymphe spiegeln sich im Blau der Kostüme (Maja Beyer) wider, werden aber auch von dem dreiköpfigen Ensemble thematisiert. Sasha Rau lässt ihre Antiope in der Schwebe zwischen antiker und heutiger Gestalt. Sie trotzt mit funkelnden Augen ihrem Vater, dem König Nykteus (Michael Weber, der auch jeder seiner verschiedenen Rollen einen eigenen Charakter gibt), tanzt begeistert mit Epopeus (ebenfalls in mehreren Rollen: Christoph Jöde) und lässt nicht einen Moment Zweifel an ihrem selbstbestimmten Handeln aufkommen.  In einem Song macht sie sich Luft: „Don’t look if you don’t wanna see“, grölt sie, und jede Rocksängerin würde sich in diesem Moment vor ihr verneigen. Berührend gelingt die Szene, in der sie voller Zärtlichkeit mit ihren ungeborenen Zwillingen spricht. Ein Theaterbauch liegt vor ihr auf dem Tisch und sie behandelt ihn so liebevoll wie ein Baby. Wie stark ihre Kraft ist, zeigt sich auch nach ihrer Rückkehr in die Stadt. Man will sie bestrafen, schleudert ihr auf einer Folie massenweise Haushaltsgeräte und Putzmittel entgegen, damit sie Kadmeia verschönern soll. Dann aber wickelt sich Christoph Jöde mit blonder Perücke in die Folie wie in einen glänzenden Umhang. Er ist jetzt Dirke, die Frau des neuen Machthabers in Theben. Ganz still sagt sie, dass sie Antiopes Vorbild folgen und auch gerne in den Wald, in das Ungezähmte, ausbrechen möchte. Es sind vor allem diese Szenen, die in der u.a.durch Videoprojektionen („Live on Kadmeia Channel 1“ zeigen  Interviews mit Nykteus und seinem Nachfolger Lykos) teilweise etwas aufgeregt wirkenden Inszenierung im Gedächtnis bleiben. 

Antiope ist ein Gegenentwurf zu den Kontroll-Freaks, als die sich die männlichen Machthaber gerieren. Der Abend widmet sich diesem Missing Link in der Geschichte Thebens und kann als sinnvolle Ergänzung der „Anthropolis“-Serie gesehen werden. 

Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/antiope

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Lustprinzip vs starre Gesetze
  • Aufweichen von gesetzten Grenzen
  • Macht durch Selbstbestimmung
Formale SchwerpunKte
  • Spiel auf Arena-Bühne
  • Songs zur Illustration des Geschehens
  • Einsatz von Live-Kamera
  • Rollenwechsel über Kostüme, Haltung und Sprechweise
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe

ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12

empfohlen vor allem für den Theaterunterricht

Zum Inhalt

Niemand weiß genau, woher Antiope stammt. Einige glauben, sie sei die Tochter des Flussgottes Asopos, also eine Nymphe. Andere meinen, sie sei die Tochter von König Nykteus, der Kadmeis, das spätere Theben, regiert. Nykteus hat strenge Regeln aufgestellt, mit denen Antiope jedoch überhaupt nicht einverstanden ist. Statt lautstark gegen den Vater und sein System zu rebellieren, verlässt sie einfach die Stadt und geht in den Wald. Dorthin also, wo die ungezähmte Natur herrscht und sie leben kann, wie sie will. In dieser Zeit wird sie mit Zwillingen schwanger, aber wer der Vater ist, bleibt unbekannt. Ihr Vater lässt nach ihr suchen, man findet sie und bringt sie mit Gewalt zurück nach Kadmos. Sie, deren Schönheit einst die Stadt zierte, wird gedemütigt und hart bestraft. Man nimmt ihr die Zwillinge und setzt sie im Wald aus, sie selbst soll nicht mehr durch ihre Schönheit, sondern durchs Putzen die Stadt verschönern. Aber Antiope ist stark, sie behält ihr Selbstbewusstsein und ähnelt damit dem Männerbild der damaligen Zeit. An diesem Verschieben der Grenzen (Ist sie noch eine Frau?) sowie an ihrer Standhaftigkeit zerbricht ihr Vater und stirbt. Mit seinem Bruder Lykos wird ein Nachfolger König, der weit diktatorischer vorgeht als Nykteus. Doch Antiope wird zum Vorbild für die Frauen von Kadmos. Dirke, Lykos’ Frau, gesteht, dass sie wie sie ausbrechen und ein eigenes Leben leben will. Jahre später findet Antiope ihre nunmehr erwachsenen Zwillinge Asopos und Zetheus wieder. Beide sind im Wald von einem Schäfer gefunden und aufgezogen worden. Sie werden nach Theben gehen und dort eine Mauer um die Stadt ziehen. Wen oder was schützen sie damit?

   

Mögliche Vorbereitungen
Speziell für den Theaterunterricht
  • Inhaltsangabe zu „Antiope“
  • Recherche zu den männlichen Figuren Kadmos, Dionysos, Laios, Ödipus, Polyneikes, Eteokles, Kreon
  • Recherche zu den weiblichen Figuren Agaue, Iokaste, Ismen, Antigone
  • Recherche zu den unterschiedlichen Bühnenformen
Vorlesen – Gehen – Stehen – Bleiben

Die Spieler:innen stehen in einer Reihe; die Spielleitung liest die Inhaltsangabe zu „Antiope“ vor; die Reihe geht langsam auf die gegenüberliegende Seite des Raumes zu; wann immer dem /der einzelnen Spieler:in etwas interessant vorkommt, bleibt er/sie stehen; nach dem Vorlesen nennt jede:r seinen/ihren Themenschwerpunkt, der auf je einer Karten gesammelt wird; bei einem zweitem Durchgang können weitere hinzukommen. Die Themenschwerpunkte werden ausgelegt.Die Spieler:innen erstellen einen möglichen Handlungsablauf, der evtl. von der Vorlage differieren kann. An dieser Stelle könnte auch die Frage auftauchen, welchen Weg die Zwillinge Antiopes einschlagen.

Aufteilung in Dreiergruppen

Aufgabe:
  • Erstellt zu drei aufeinander folgenden Schwerpunkten je ein Standbild und verbindet sie in einer Zeitlupenbewegung miteinander.
  • Sucht euch mindestens eines der Zitate aus und baut es in eure Standbild-Abfolge ein. Der Text sollte nicht von den Spielenden, sondern von außen gesprochen werden.
Zitate:

„Ich, ich, ich bin der King, und du bist bloß meine Tochter!“

„Ich war immer schon da und bin es noch und komme wieder.“

„Der Kampf um Antiope ist der Kampf um unsere Zukunft.“

„Alle, die nicht so sind wie wir, sind Mädchen.“

„Bedecke deine Arme!“

„Mädchen allein im Wald. – Daddy holt dich bald ab.“

  • Präsentiert eure Standbildreihe auf einer Arena-Bühne, die von allen vier Seiten von Publikum umrahmt ist.

Präsentation und Feedback.

Welche Wirkung hat die Arena-Bühne? Welche Herausforderungen ergeben sich für das Spiel?

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