Ein Stück gegen den Krieg kann anstrengend sein. Muss es aber nicht. Bester Beweis dafür ist Alina Vulesicas wunderbar komische und kluge Inszenierung „Weil der Frieden Zucker ist! oder: Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort auf dem Hof“ von Georges Perec am Deutschen Schauspielhaus.

Die Kritik
Karadingsbums will nicht in den Krieg. Karadingsbums heißt er natürlich nicht, sein Name beginnt nur mit „Kara“, den Rest kann sich einfach nur niemand merken. Mit insgesamt 72 verschiedenen Variationen – „Karaplasma“, „Karabiner“ oder „Karanoia“ – bedenkt Georges Perec seinen Antihelden. Denn Menschen wie ihn, also solche, die auf keinen Fall in den Krieg ziehen wollen, gibt es zuhauf, da braucht es keinen individuellen Namen. Also dieser Karadingsbums begründet seine Haltung mit dem Satz: „Weil der Friede Zucker ist!“. Damit liefert er der Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus einen deutlich griffigeren Titel als den des Originals, der hier, eingeführt durch „oder“ aufgegriffen wird: „Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort auf dem Hof“. Klingt absurd, ist aber der eigentliche Titel von Perecs Kurzroman.
Georges Perec (1936 – 1982) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der französischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Sohn polnischstämmiger Juden, die in den 1920er Jahren nach Frankreich ausgewandert waren, wurde sein Leben durch Krieg, Verlust und Tod bestimmt. Sein Vater fiel 1940 in der französischen Armee, seine Mutter wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Dass es in dem 1966 erschienenen Roman um den Algerienkrieg geht, ist im Grunde genommen egal. Was Perec hier auf absurde, komische und nachdenkliche Weise verhandelt, ist zeitlich ungebunden, passt also zu jeder Art von Krieg.
Die Handlung ist schnell erzählt. Weil Karadingsbums absolut nicht eingezogen werden will, kommen ihm seine Freunde unter Führung von Henri Pollak zur Hilfe. Gemeinsam überlegen sie, ob man Karadingsbums überfahren, ihm die Arme und Beine brechen oder in den Suizid treiben soll, egal, welche Risiken für ihn oder die anderen dabei herauskommen. Dass das Ganze dennoch schiefgeht, macht die Tragödie dieser absurden Geschichte aus.
„Seine Spezis sind wir!“
Anita Vulesica gelingt es, den Prosatext in eine Inszenierung voller Witz, Tempo und mit einem guten Gespür für Rhythmus zu überführen, ohne dabei den dunklen Hintergrund zu vernachlässigen. Mit Perec hat sie Erfahrung. Mit „Die Maschine oder Über allen Gipfeln ist Ruh“ landete sie 2024 an der Kirchenallee einen Überraschungserfolg, der den NESTROY-Preis kassierte und zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Auch in dieser Arbeit beweist sie, wie sie Perecs von strengen Formvorgaben geprägten Stil auf eine Theaterbühne übersetzen kann. Im Zusammenspiel mit Bühnenbild (Henrike Engel), Kostümen (Janina Brinkmann), Musik (Camill Jammal), Choreografie (Mirjam Klebel) und dem fantastischen fünfköpfigen Ensemble entstehen gut 100 spannende, umwerfende Minuten. Perecs Stilmittel der Wiederholung beispielsweise wird aufgegriffen durch die Gruppe der Freund:innen (Moritz Grove, Henni Jörissen, Matti Krause). So ergänzen sie im Chor und mit synchronen Bewegungen jedesmal, wenn sich ihr Anführer Henri Pollak (bei der Premiere: Katrija Lehmann) vorstellt: „Seine Spezis sind wir“. Der wiederum vollendet Sätze, die sich um sein Moped drehen, gewissenhaft mit dem Zusatz „mit verchromter Lenkstange“.
Stapelweise Abschiedsgeschenke stellen sie dem armen Karadingsbums (grandios in seiner Überforderung: Christoph Jöde) zur Verfügung und rattern mit einem Affenzahn x verschiedene Wein- und Käsesorten herunter. Ständiger Begleiter ist die großartige fünfköpfige Blaskapelle im Fantasiekostüm mit rotem Puschel auf den Helmen. Ihr Balkanjazz leitet bereits die Vorstellung vom Foyer aus ein, später kommentieren sie einnickend oder stramm marschierend zusätzlich zu ihrer Musik das Geschehen.
Der Aufwand der Freund:innen ist jedoch vergeblich. Dröhnende Flugzeuge hört man immer mal wieder über das Geschehen fliegen, und irgendwann am Ende öffnet sich eine Klappe, in der Karadingsbums im gleißenden Gegenlicht verschwindet. An der Rampe hat Henni Jörissen in schwarzem Schleier und Netzstrümpfen Platz genommen, als Witwe vielleicht. Sie rezitiert das Gedicht vom Abschied des Soldaten in den Krieg, das Perec an den Schluss seines Textes gesetzt hat. Das war’s dann. Mit einem achselzuckenden „Wir haben nie wieder was von ihm gehört“ begeben sich die Freund:innen zurück in ihre Stammkneipe.
Vulesicas wunderbare Inszenierung zeigt, wie klug, unterhaltsam und ganz ohne Moralinsäure das Theater gegen den Krieg Stellung nehmen kann. Möge auch diese Arbeit viele Auszeichnungen bekommen, sie hätte es verdient.
Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/weil-der-frieden-zucker-ist
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Kriegsdienstverweigerung
- Überforderung
Formale SchwerpunKtE
- In der Wiederholung: chorisches Sprechen und synchrone Bewegungen
- Übereinandersprechen
- Choreografierte, raumgreifende Bewegungen
- Blasmusik als Kommentar und zum Antreiben der Handlung
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 16 Jahre, ab Klasse 11/12
- Geeignet für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Karadingsbums will nicht in den Krieg ziehen. Zusammen mit seinen Freund:innen unter der Führung von Henri Pollak überlegen er verschiedene Möglichkeiten, der Einberufung zu entgehen. Risiken sind egal, Hauptsache, er muss nicht kämpfen. Allerdings scheitern alle sorgfältig ausgedachten Bemühungen. Am Ende schluckt ein Militärflugzeug Karadingsbums und bringt ihn zum Einsatz. Er wird danach nie wieder gesehen.
Mögliche Vorbereitungen
Recherche
- zu Georges Perec (Leben und Werk)
- zur literarischen Gruppe „Oulipo“
Speziell für den Theaterunterricht
Übungen zum chorischen Sprechen
Stimme lockern:
Alle gehen durch den Raum, atmen tief ein und wieder aus, schlagen sich vorsichtig mit der Hand auf Brust, suchen einen Vokal, sagen diesen Vokal leise, laut, etc, Bildung von zwei Gruppen: eine sagt „a“, eine „o“ , tief Luft holen, Laut so lange wie möglich halten. Evtl. gegeneinander antreten.
Ein Körper:
Die beiden Gruppen formieren sich zu Pulks, stellen sich ganz eng zusammen, schließen die Augen, beginnen hörbar zu atmen, dann in einem gemeinsamen Rhythmus hin und her zu schwingen. Einer löst sich von der Gruppe und dirigiert sie mit Zeigefinger (ZEITLUPE). Der Pulk muss den Zeigefinger mit den Augen verfolgen.
Gemeinsames Sprechen:
Jeder Pulk erhält Wörter („In den Kampf“, „Nicht ich“), die gemeinsam gesprochen werden sollen. Gleichmäßigen Rhythmus finden, verschiedene Lautstärken ausprobieren, eventuell eine:n Einzelne:n ein Wort/einige Wörter, den Chor das andere Wort/die anderen Wörter sprechen lassen: A: Nicht ich ; B: in den Kampf
Kommentieren von Aussagen durch chorisches Sprechen und/oder synchrone Bewegungen
Die Spielleitung teilt den Kurs in Kleingruppen ein und verteilt den Klappentext zu einer neuen Ausgabe von Georges Perec: Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof“
Aufgabe
- Lest den Text und überlegt euch, welche Sätze/ Satzteile/Wörter ihr mit synchronen Bewegungen kommentieren und welche ihr im Chor wiederholen wollt.
- Eine:r von euch liest dann den Text in dem von euch gefundenen Rhythmus vor, die anderen sprechen dazu chorisch die ausgewählten Satzteile/Sätze/Wörter und/oder vorführen dazu kommentierende Bewegungen.
- Suche euch aus, wie ihr die Personen positioniert.
- Probt eure Szene mehrmals.
Text
Das Moped gehört dem Unteroffizier Pollak Henri, der damit allabendlich von der Kaserne in den heimatlichen Montparnasse knattert, um sich durch Entledigung der Uniform in einen offenkundigen Zivilisten zu verwandeln und zu seinen Spezis zu stoßen, die bei reichlich Rotwein über Hegellius und Lukasch diskutieren. Da wird eines Tages sein Freund Kara- wie heißt er noch? Karasek? Karamalz? Karabambuli? in den Krieg nach Algerien einberufen – und will nicht. Was tun? Man tüftelt ein Drückebergerprogramm aus, das von der komplizierten Armfraktur über das Verrücktstellen bis zum vorgetäuschten Selbstmord reicht. Aber Karasowieso geht seine eigenen Wege.