Die Optimistinnen

Sie sind stark, sie sind mutig und sie werden ungerecht behandelt. Gastarbeiterinnen, die in den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen sind, tun sich zusammen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Gün Tank erzählt von ihrem Kampf in „Die Optimistinnen“, Ayla Yeginer hat die Bühnenfassung des Romans im Labor des Ernst Deutsch Theaters mitreißend inszeniert – und am Ende gibt es Çay für alle. 

Streitbare Gastarbeiterinnen(v. li: : Ipek Bayraktar und Ines Nieri) – Foto: Oliver Fantitsch

Die Kritik

Sie kommen mit Koffern und stellen sich als Reihe vor das Publikum. Die Schauspielerinnen Ipek Bayraktar, Nayana Heuer, Ines Nieri und Isabella Vértes-Schütter in grauen Arbeitsanzügen, teilweise mit Kopftuch (Ausstattung: Amelie Müller) sagen kein Wort, schauen nur. „Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an“, beginnen sie und brechen ihr Schweigen. Und weiter: „Als die große Krise kam, sagte man, wir sind Schuld“. Ihr chorischer Sprechgesang hat nichts Weinerliches, nichts Anklagendes. Nüchtern klingt er wie eine bittere Tatsache. Sie verkörpern Gastarbeiterinnen aus der Türkei, Spanien und vom Schwarzen Meer, die in den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen sind, um ihre Familien zu unterstützen oder einfach in diesem Land ihre traditionelle Rolle abzulegen. Gün Tank hat diesen Frauen mit ihrem 2024 erschienenen Debüt „Die Optimistinnen“ ein Denkmal gesetzt, es ist laut Untertitel der „Roman unserer Mütter“ und damit eine Geschichte aus der Perspektive der Betroffenen. Da ist es nur stimmig, dass ein Schauspieler und Regisseur mit türkischen Wurzeln wie  Murat Yeginer den Roman für die Bühne adaptiert und seine Tochter Ayla Yeginer, Co-Intendantin am Ernst Deutsch Theater, diese Fassung inszeniert. Nicht auf der großen Bühne, sondern im kleinen Labor, wo die Nähe zum Publikum unmittelbar ist. Die ersten Vorstellungen sind ausverkauft, Zuschauer:innen mit migrantischen Wurzeln sind gekommen und wollen endlich ihre Geschichten auf einer Bühne sehen. Ein ähnliches Bild ergibt sich übrigens am Thalia Theater bei den Vorstellungen von „Dschinns“. Auch darin geht es um eine türkische Familie in Deutschland mit den entsprechenden Problemen.

Plötzlich entsteht in diesem kleinen Theaterraum etwas Übergreifendes, Verbindendes.

Historischer Hintergrund für „Die Optimistinnen“ sind die mehr als 300 sogenannten wilden Streiks, die 1973 ohne Gewerkschaft als Träger stattgefunden hatten. Beim Automobilzulieferer Pierburg in Neuss waren es die migrantischen Frauen, die den Streik initiierten. Yeginer lässt diese Geschichte über Nour (Ipek Bayraktar), Tülay (Ines Nieri) und Mercedes (Isabella Vértes-Schütter) erzählen. Man erfährt von den beengten Wohnverhältnissen und der ungleichen Bezahlung der als „Leichtlohngruppe“ eingestuften Frauen. Es sind Geschichten, aus denen für sie immer deutlicher ihre eigentlichen Ziele herauskristallisieren: Deutsch lernen, Weiterbildung und gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen. „Solidarität“ fordert ein über die hintere Front gespannter Banner, und zwar für alle, Frauen und Männer. Aber es bleiben eben Geschichten, ohne dass die Figuren selbst durch Spielszenen Tiefe erhalten. Ansatzweise entstehen sie, wenn Dagmar Bernhard und Nayana Heuer in unterschiedlichen Rollen auftreten. Bernhard verkörpert vor allem die Gegenseite, also die Chefs oder einen salbadrigen Pfarrer. Und doch bekommt dieser knapp 90minütige Abend (inkl. Pause) etwas Mitreißendes. Nach der Pause wird das Publikum in die Handlung mit einbezogen. Blumen werden verteilt, ebenso Flugblätter. Aber es sind vor allem die offenbar bekannten türkischen Lieder (Musik: Eren Akşahin), die von Teilen des Publikums leise mitgesungen werden und die es dann auch nicht auf den Stühlen hält, wenn die Frauen auf der Bühne strahlen und tanzen, als sie ihr Ziel erreicht haben. Plötzlich entsteht in diesem kleinen Theaterraum etwas Übergreifendes, Verbindendes, denn auch die Zuschauer:innen ohne migrantischen Hintergrund beginnen zu klatschen, zu tanzen und den Çay zu trinken, der von den Frauen ausgeschenkt wird. Der Mut, die Stärke und der Optimismus der Arbeiterinnen hat etwas Ansteckendes. Das kann man gerade jetzt gut gebrauchen.

Weitere Informationen unter: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/die-optimistinnen-503

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Erkennen der eigenen Situation (ungerechte Bezahlung) 
  • Formulieren notwendiger Konsequenzen (Weiterbildung, Sprachschulung, Lohngleichheit)
  • Stärke durch Solidarität

 

Formale SchwerpunKtE
  • Erzählung von persönlichen Geschichten
  • Kurze Spielszenen
  • Einbettung von türkischen Liedern
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12
  • Geeignet für den Geschichts-, PWG-, Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Nour, Tülay und Mercedes sind wie viele andere Frauen aus Spanien, der Türkei oder vom Schwarzen Meer in den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen. Hier wollen sie arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen oder um aus der Rolle auszubrechen, die ihnen in ihrer Heimat vorgeschrieben wird. Doch als Traumland erweist sich Deutschland nicht. Sie werden in winzigen Wohnungen zusammengepfercht, müssen hart arbeiten, werden aber als „Leichtlohngruppe“ deutlich zu schlecht bezahlt. Ein weiteres Problem sind ihre unzureichenden Deutschkenntnisse. Gemeinsam mit anderen Arbeiterinnen beginnen sie, ihre Situation zu analysieren und daraus Ziele und Forderungen abzuleiten. Es gelingt ihnen, auch die männlichen Kollegen zu mobilisieren und einen von der Gewerkschaft nicht getragenen „wilden“ Streik zu organisieren, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ihr Kampf hat Erfolg, ihre Löhne werden angehoben.  

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu

  • Streikjahr 1973
  • Situation migrantischer Arbeiterinnen im Deutschland der 1970er Jahre und heute
Speziell für den Theaterunterricht
Übungen zur Körperhaltung 

Auffädeln
Alle TN stehen im Kreis, Füße schulterbreit, Schultern gerade, Kopf gerade, als wenn ein Faden durch den Körper geht (vgl. Gangart 3). Der Faden wird abgeschnitten, der Oberkörper fällt nach vorne und fädelt sich Wirbel für Wirbel auf, bis neutrale Haltung wieder eingenommen. Dann Arme nach oben ausstrecken so weit wie möglich, ohne dabei auf die Zehenspitzen zu gehen, dann wieder den Oberkörper fallen lassen und wieder auffädeln. 

Ausklopfen
Unterschenkel, Oberschenkel, Po, Bauch, Arme, Gesicht ausklopfen, Kopfmassage; mit der Zunge die Zähne putzen; Gesicht zusammenziehen, weiten (grinsen, staunen usw) > dient der Lockerung. 

Körperspannung probieren
  • neutraler Stand, Faden an Decke (3)
  • Faden lockert sich (2)
  • Faden reißt (1)
  • Faden spannt sich stärker (4)
  • Faden zerrt an dir (5)
  • Teilung der Gruppe in A und B
Raumlauf  zu Körperhaltungen
  • locker, ohne Spannung. Wenn du jemanden triffst, weiche aus, blicke auf den Boden
  • Hebe ab und zu den Blick, wenn du jemandem begegnest,, blicke sofort zu Boden
  • Bleib stehen, nimm möglichst wenig Platz ein. 
  • Du bist unruhig, kannst nicht still stehen, ziehst an deinem T-Shirt, greifst dir in die Haare, lachst 
  • Tempo 3, Spannung 3. Hebe den Kopf, blicke geradeaus, 
  • Wenn du jemanden triffst, sieh nicht weg, fixiere ihn. Weiche niemandem aus. 
  • Bewege dich ruhig, gehe so, als ob dir der gesamte Raum gehört.
  • Bleib stehen, beide Beine fest auf dem Boden, blicke ruhig um dich, die Arme hängen, du brauchst sie gerade nicht.  

Wechsel

Im Kreis: Beobachtungen besprechen: Wann wirken Leute unsicher (Tiefstatus)? Wann sicher (Hochstatus)?

Übungen zu Formationen:

Die Gruppe geht durch den Raum. Auf Ansage der Spielleitung bildet sie verschiedene Formationen (Kreis, Reihe, Diagonale, Block, V mit der Spitze zum Publikum,, Pulk).

Erstellen einer Szene

Teilung der Gruppe in drei gleich große Gruppen (a 8 )

Aufgabe

Ihr seid eine Gruppe von Arbeiter:innen und wollt dem Firmenchef / der Firmenchefin eure Forderungen überreichen. Ihr betretet sein großzügiges Büro, das in einem im modernen und imposanten Gebäude liegt.  Zunächst ist der Chef/die Chefin noch nicht im Raum. 

Wie verhaltet ihr euch als Gruppe? Wie nehmt ihr den Raum wahr?

Dann erscheint der Chef/die Chefin: Wie tritt er/sie auf? Von wo? Wie reagiert die Gruppe? Wie reagiert er/sie auf euch?

Ihr überreicht ihm /ihr eure Forderungen: Wie ? Wie reagiert der Chef/die Chefin?

ACHTUNG:

  • Es gibt KEINEN TEXT! Alles muss über den Körper, die Bewegung im Raum und das Verhältnis Gruppe – Chef/Chefin erzählt werden.
  • Denkt an Status, einen Statuswechsel und an Formationen.

Präsentation und Feedback

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