The Boys Are Kissing

Kinder sind schlimm, Eltern sind schrecklich. Gilt nicht für alle und immer, ist aber leider häufig der Fall. Vor allem dann, wenn Eltern angeblich das Wohl des Kindes über alles stellen. Was das für Auswirkungen hat, erzählt Zak Zarafshans Komödie „The Boys Are Kissing“. Die deutsche Erstaufführung hat Anne Lenk am Thalia Theater inszeniert. 

Schlechte Stimmung bei den beiden Elternpaaren (v. li.: Gina Haller, Cennet Voss,Rosa Thormeyer, Marius Huth) – Foto: Kerstin Schomburg

Die Kritik

Der Vorfall – an sich ist der Begriff schon zu groß – hat sich auf dem Schulhof ereignet: Zwei neunjährige Jungen haben sich geküsst. Nicht schlimm, eigentlich. Aber irgendwie passt dieses Verhalten nicht in die beschauliche Kleinstadt, wo man vielleicht doch noch den Moralvorstellungen vergangener Zeiten anhängt und „woke“ sicherlich als Schimpfwort durchgeht. Also treffen sich die Elternpaare der Jungs zu einem Gespräch: Sarah (Rosa Thormeyer) und Matt (Marius Huth), die Eltern von Lukas, und das lesbische Paar Amira (Gina Haller) und Chloe (Bennet Voss), von deren Sohn Sami der Kuss angeblich ausging. 

Dass es nicht bei einem vernunftgesteuerten, zielführenden Austausch bleibt, verlangt das Gesetz der Komödie. Das weiß auch der britisch-iranische Drehbuchautor und Dramatiker Zak Zarafshan und hat sein in England gefeiertes Debüt „The Boys Are Kissing“ entsprechend aufgebaut. Nicht von ungefähr wird sein Stück mit Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ verglichen. Wie bei Reza tauchen auch hier die Kinder, um die es ja eigentlich geht, gar nicht auf. Vielmehr stehen die Eltern mit ihren Vorstellungen und Prinzipien im Mittelpunkt. Und hier gibt es gleich eine ganze Menge zu verhandeln: Queerness, homosexuelle Elternpaare, In-Vitro-Schwangerschaften, patriarchale Strukturen, latenter Rassismus (denn Sami hat eine Schwarze Mutter). Im Vergleich mit Reza fehlt Zarafshans Komödie allerdings die Leichtigkeit und Eleganz, was sich vor allem an dem vor Didaktik triefenden Schluss zeigt, der noch einmal erklärt, wie es besser hätte laufen können. Es ging den Eltern eben nicht um das Wohl ihrer Kinder, sondern „nur darum, wie wir sie gerne hätten.“ 

Die Engel wollen „kleine queere Brände löschen.“

Anne Lenk, Hausregisseurin und Teil des Leitungsteams am Thalia Theater, setzt bei der deutschen Erstaufführung auf eine schrille Inszenierung. Die Vorgabe dazu liefert schon Judith Oswalds Bühne: Ein Podest, das mit pinkfarbenem Rahmen, pinken Vorhängen und gelbem Hintergrund die Front eines Bungalows skizziert und nach Bedarf von Bühnenarbeitern mit schwarzen Engelsflügeln verschoben oder gedreht wird. Vom Schnürboden werden abschnittsweise Banner in Weihnachtsstern-Optik heruntergefahren, die so launige Titel wie „Hosianna“, „Wir bauen für Sie um“ und „Tschüssikowski“ tragen. Dazu leistet die Nebelmaschine bemerkenswerte Arbeit. Im Zusammenspiel mit den Bannern läuten sie das Auftreten zweier Engel ein. Mit goldener Perücke und wallendem Kostüm (Kostüme: Sibylle Wallum) schwebt Engel 1 (Oda Thormeyer) herab und Engel 2 (Samuel Mikel) rollt heran auf Roller-Skates. Himmlische Klänge (Musik: Johannes Hofmann) begleiten sie. Aufgabe dieser Engel ist es, die Queeren dieser Welt durchs Leben zu begleiten und in das Gezänk der Elternpaare einzugreifen, denn, wie Oda Thormeyers Engel 1 trocken feststellt: „Es geht um die Kinder“ und man wolle „kleine queere Brände löschen“. Dazu verwandeln sich die Engel nach Bedarf in Menschen aus dem Umfeld der Paare und versuchen so das Geschehen in neue Bahnen zu lenken. Durch Thormeyers souveränes, in allen Rollen überzeugendes Spiel werden diese Szenen tatsächlich komisch, andere bleiben dagegen plakativ und überzogen, ohne dass eine besondere Schärfe herausgearbeitet wird. Dabei sind in den Dialogen eine Reihe von Wahrheiten versteckt, die es verdient hätten, leiser und genauer dargeboten zu werden. 

Bestes Beispiel für einen gelungenen Moment dieser Art ist Matts Übergabe eines Geschenks an die schwangere Amira: Er nimmt es zurück, packt es für sie aus und liest auch gleich das Wichtigste vor  – ein feiner, spitzer Hinweis auf patriarchalische Strukturen. Huths Matt ist aber gar kein Macho. Er wird an sich untergebuttert von seiner bei Rosa Thormeyer sehr dominierenden Frau Sarah. Für sie sind zwar Schwule „kein Problem“ und auch das „Zwei-Mütter-Ding“ nicht, aber aus Angst passt sie sich den Vorstellungen der Kleinstadt-Mütter an. Kühler und fortschrittlicher, weil intellektueller reagiert Hallers Amira. Sie muss sich nur mit den Träumen (Volvo, Eigenheim, Hund) ihrer Frau Chloe auseinandersetzen, die Cennet Voss mit Angela-Merkel-Gedächtnisfrisur als bekennende Spießerin gibt.

Das Thalia Theater hat sich unter der neuen Leitung mit den Themen Queerness und Feminismus eine Nische in der Hamburger Theaterlandschaft gesucht und sich einem verjüngten Publikum geöffnet. Unter diesen Produktionen gibt es Perlen wie „Die kleine Meerjungfrau“ und eher niederschwellige, da plakativ und grell. Zu letzteren gehört „The Boys Are Kissing“, aber auch die wird ihr Publikum finden. 

Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/the-boys-are-kissing/160

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Eltern-Kind-Verhältnis
  • Kindererziehung
  • Queerness
  • Latenter Rassismus
  • Gleichgeschlechtliche Elternpaare
  • Patriarchale Strukturen 
Formale SchwerpunKte
  • Überspitzung in Spiel und Dekor
  • Offenlegen des Theaterbetriebs durch Bühnenumbau
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11
  • geeignet für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Sami und Lukas, zwei neunjährige Jungen, haben sich auf dem Schulhof geküsst. Angeblich war Sami, der Sohn des lesbischen Paares Amira und Chloe, der Initiator. In der Kleinstadt, in der man meint, dass derlei Vorfälle noch strenger beurteilt werden, könnte das zum Skandal werden. Fürchten jedenfalls Lukas’ Eltern Sarah und Matt und treffen sich mit Amira und Chloe zu einem klärenden Gespräch. Dabei wird mehr und mehr deutlich, wie wenig es den Erwachsenen eigentlich um das Wohl ihrer Söhne geht, als vielmehr um die Vorstellungen, wie diese Kinder zu sein haben. Die Grenzen der Toleranz werden deutlich ebenso längst überwundene Strukturen. Wären da nicht die beiden Engel, die als Wächter:innen die Queeren dieser Welt beschützen und leiten, der Streit würde in einer Katastrophe enden. 

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zum Umgang mit Homosexualität am Beispiel ausgewählter Länder, u.a. in Deutschland.

Fragen zum Eltern-Kind-Verhältnis

Die Lehrkraft gibt einen digitalen Fragebogen aus, der anonym beantwortet werden soll. Mögliche Fragen:

  • Welche Vorstellungen hast du von deiner Zukunft? Wie sind die Vorstellungen deiner Eltern für dich?
  • Hast du den Eindruck, dass es deinen Eltern vor allem um dein Glück, dein Wohlbefinden geht? Begründe kurz.
  • Worin äußern sich in deinem Umfeld (Schule, Sport, Freunde, Familie) patriarchale Strukturen? Wie reagierst du darauf?
  • Werden Queerness, Transsexualität, gleichgeschlechtliche Elternpaare in deiner Familie/ in deinem Freundeskreis akzeptiert? 

u.ä.

Die ausgewerteten Antworten bilden die Grundlage für ein anschließendes Unterrichtsgespräch.

Weitere Informationen zur Vorbereitung bietet das digitale Programmheft unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/the-boys-are-kissing/160/programmheft

 

Speziell für den Theaterunterricht
Übertreibung im Raumlauf

Die Gruppe geht durch den Raum. Eine von der Lehrkraft ausgewählte Person wählt eine auffällige Bewegung, die von der Gruppe nach und nach übernommen wird. Dann wechselt der/die Anführer:in, indem sie eine andere Bewegung vorgibt.

Die übertreibende Reihe

Drei Gruppen mit je Spieler*innen sitzen oder stehen in einer Reihe.  Spieler*in A vollführt eine Geste (Gruppe 1), eine Bewegung (Gruppe 2) oder eine bestimmte Mimik, (Gruppe 3) Spieler *in B steigert, Spieler*in C übertreibt maximal.

Die totale Steigerung

Die Lehrkraft teilt zwei Gruppen ein (A und B).

A steht in einer Reihe am hinteren Ende des Raumes mit dem Rücken zum Publikum (B) und wählt ein Gefühl aus (Wut, Trauer, Freude usw). A dreht sich zum Publikum und zeigt dieses Gefühl zunächst nur andeutungsweise über die Mimik und geht dann synchron auf das Publikum zu und steigert das Gefühl allmählich mit jedem Schritt:  über Laute, Gesten und Bewegungen mit dem ganzen Körper, bis es beim Publikum angekommen ist und die Höchststufe erreicht hat.

Dann Wechsel.

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