Ein Künstler auf seinem Höhepunkt, gefeiert und bewundert. Dann der plötzliche Sturz: Verurteilung zu zwei Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit wegen Unzucht. Aus der Haft heraus schreibt Oscar Wilde einen Brief an seinen damaligen Geliebten. „De Profundis“ wird zur Abrechnung, Anklage und Selbstreflexion, durchlebt von einem herausragenden Jens Harzer. Sein Solo in der Regie von Oliver Reese darf als Höhepunkt des diesjährigen Hamburger Theaterfestivals gewertet werden.

Die Kritik
Auf der nachtschwarzen Bühne zeichnen Neonleuchten die Umrisse eines rechteckigen Kubus nach. Von irgendwo ist ein kalter Sound zu hören, sonst: Stille. Aus der Dunkelheit tastet sich eine Stimme heran: „Nach langem und endlosem Warten habe ich beschlossen, dir endlich zu schreiben.“ Schüchtern wirkt sie, ganz so, als traue sie dem Mut zum eigenen Entschluss nicht. Auch ihr Sprecher wagt sich noch nicht ans Licht, bleibt fast zehn Minuten lang im schwarzen Nichts und fleht den Briefempfänger an: „Du musst ihn bis zum Ende lesen.“ Allmählich wird zuerst nur das Gesicht von Jens Harzer innerhalb des Neonrahmens angeleuchtet, dann nimmt die gesamte Figur nach und nach Gestalt an und zeigt sie in einem engen Raum (Bühne: Hansjörg Hartung), seiner Zelle.
Es geht um den irischen Dichter Oscar Wilde, der wegen seiner Ende des 19. Jahrhunderts noch unter Strafe gestellten homosexuellen Kontakte verurteilt worden war. Im Zuchthaus schrieb er zwischen 1895 und 1897 einen offenen Brief an seinen ehemaligen Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas, in dem er ihn anklagt, seine Liebe ausgenutzt und auf seine Kosten ein aufwändiges Leben geführt zu haben. Hass und fehlende Fantasie seien dessen Charakterfehler, Liebe und Wärme hätten ihm gefehlt.
Er kauert in einer Ecke des winzigen Raumes und beißt sich den Unterarm blutig.
Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, hat Wildes erst 1905 als Buch erschienenen Brief für die Bühne bearbeitet und mit Jens Harzer als Solo inszeniert. Wildes Reflexion der Beziehung zu Lord Alfred und die damit einhergehenden Überlegungen zu seinem weiteren Leben steigert Reese in mehreren Bildern: vom anfänglichen schwarzen Nichts, über das Gesicht und die gesamte, noch eher statische Figur bis hin zu ekstatischen Bewegungen. Unterstützt wird das Spiel durch Licht (Steffen Heinke) und eine Musik (Jörg Gollasch), die das Geschehen mal mit einzelnen elektronische Tönen, mal durch sakrale Orgelklänge diskret grundiert.
In dieser Steigerung spielt sich Jens Harzer, noch bis zur letzten Spielzeit Ensemblemitglied des Thalia Theaters und jetzt bei Reese am Berliner Ensemble, durch die Gefühlswelt Oscar Wildes. In seine anfänglich unbewegte, fast tonlose Enttäuschung durch den Liebhaber mischen sich bald verzweifelte Anklage, Wut und Selbsthass. Harzer, zunächst noch stehend und limitiert in seinen Bewegungen, kauert in einer Ecke des winzigen Raumes und beißt sich den Unterarm blutig. Er malt mit schwarzem Stift Linien an die Wand, deren Farbe er später mit einer Zahnbürste zerteilt. Er zertrümmert und frisst einen Apfel, ganz so, als meine er damit den Liebhaber, aus dessen Abhängigkeit er sich allmählich befreit. Es ist eine Selbstfindung, die sich ankündigt durch rhythmische Bewegungen und eine fast als Rap gesprochene Abrechnung mit einer Gesellschaft, die Menschen wie ihn bestraft und wegsperrt. Sie manifestiert sich schließlich, als Harzer, nunmehr ganz ruhig, sich schwarze Farbe in die Haare schmiert, sich also auch äußerlich verändert, einen Mantel anzieht und die Zelle verlässt. Dann wird es dunkel.
Was für ein fantastischer, berührender, großartiger Abend. Minutenlanger stehender Beifall.