Berlin Ende der 1920er Jahre. Die Stadt, das Land ist ohne Halt, zerstört und verwundet durch den Krieg. Inflation, Arbeitslosigkeit und politische Radikalisierung bestimmen das Dasein, moralische Werte gehen den Bach hinunter. In seiner Bühnenfassung von Erich Kästners Roman „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ setzt Dušan David Pařízek den Fokus auf die Menschen, die in dieser Situation (über-)leben müssen. Seine Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus ist ein Fest der Schauspielkunst und des handgemachten Theaters.

Die Kritik
Ein kaltes Nichts. Rechts und links, von der Decke und auf dem Boden bilden vier weiße unverbundene Quadrate einen zum Publikum geöffneten Würfel. Später werden Tageslichtprojektoren die Wände mit Fotos vom Berlin der 1920er Jahre, mit Zeichnungen oder animierte Collagen beleben, aber jetzt zu Anfang ist da nichts und niemand. Nur ein Mann in Anzug und Krawatte. Jakob Fabian, der Protagonist von „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“. Und so wie Mirco Kreibich in den Würfel hinein- und wieder hinaustritt und eher beiläufig probiert, wie dabei das Licht an- und ausgeht, zeigt er schon die Lässigkeit und distanzierte Betrachtung, die sich dieser Fabian zu eigen gemacht hat. Nach den Erlebnissen im ersten Weltkrieg hat er die Nase voll von Idealen und Versprechungen, die nur enttäuschen und verletzen. Leichter lebt es sich als ironischer Betrachter dessen, was um ihn herum geschieht: „Ich sehe zu. Ist das nichts?“
Erich Kästners 1931 erschienener Roman zeichnet die Gesellschaft Berlins kurz vor der Machtergreifung durch die Nazis. Arbeitslosigkeit und eine hohe Inflation schüren Ängste, die radikale Gruppen ausnutzen. In seiner Bühnenadaption dimmt Dušan David Pařízek die politischen Ereignisse nach hinten und widmet sich vor allem den Menschen in dieser Zeit, in der nichts mehr von Dauer und die Moral überflüssig ist. Mit dem von ihm entworfenen Bühnenbild umreißt er die alles beherrschende Kälte und Mitleidlosigkeit, die Fabian mit Zigarette im Mund ironisch kommentiert („Die Vernünftigen werden nicht an die Macht kommen und die Gerechten noch weniger.“). Er versucht die Dinge zu sehen, wie sie sind, große Pläne hat er nicht. Seinen Job als Werbetexter verliert er wegen Unpünktlichkeit, der Weg zu einer neuen Arbeit ist mit Bürokratie und kafkaesken Nicht-Zuständigkeiten verstopft. Dennoch bleibt er ironisch-distanziert, will nicht an sich herankommen lassen. Das ändert sich, als er sich in Cornelia Battenberg (Emma Oberpichler) verliebt. Ganz zart und weich wird er mit ihr, öffnet sich, wird dadurch aber verletzlich und tatsächlich auch verletzt. Denn Cornelia will um jeden Preis zum Film und schläft dafür mit dem Produzenten. Kälte und Egoismus also auch hier.
Ähnlich geht es seinem Freund Stephan Labude. Der ist eigentlich ein Idealist, engagiert sich für die Linke trotz seiner Herkunft aus gutem Hause und schreibt an seiner Habilitationsschrift über Lessing. Bei Christoph Jöde hat er sich aber schon seine Ideale weitgehend abgeschminkt und ist von einer inneren Verzweiflung an den politischen und an seinen persönlichen Verhältnissen getrieben. Seine Freundin hat ihn betrogen, seine Habilitationsschrift wird als „ungenügend“ abgelehnt. Dass es sich dabei um die falsche Aussage eines neidischen Assistenten handelte und die Arbeit ganz im Gegenteil als herausragend bewertet worden ist, erfährt Labude nicht mehr. Er hat sich das Leben genommen.
Die Schauspielenden bedienen selbst die Overheadprojektoren.
Die vielen Figuren, mit denen es Fabian und Labude zu tun haben, lässt Pařízek von nur drei Schauspieler:innen übernehmen: Markus John, Henning Hartmann und Emma Oberpichler verwandeln sich vor den Augen des Publikums in immer neue Gestalten, die entsprechenden Kostüme (Magdaléna Vrábová) lassen sie zu Beamten, Fabians Mutter oder zahnlosen Greisen werden. Pařízek favorisiert ein armes, ein handgemachtes Theater. Die Schauspielenden bedienen selbst die Overheadprojektoren, so dass das Publikum das Entstehen von Bildern miterleben kann. Zusammen mit der ebenso von ihnen live gespielten Musik (Peter Fasching, auch für Video verantwortlich) entfaltet sich an manchen Stellen eine Stummfilm-Ästhetik, die dieser knapp dreistündigen, sensiblen und durchaus auch komischen Inszenierung etwas wohltuend Altmodisches gibt und jede Illusion vermeidet. Die Zuschauenden bleiben Betrachter, sie leiden nicht mit. Im letzten Teil des knapp dreistündigen Abends wechselt Kreibich teilweise in die Perspektive des Er-Erzählers, spricht über sich als „Fabian“ und schafft auch damit Distanz. Aus Verzweiflung über Labudes sinnlosen Tod zerschlägt er die weißen Wände und erzählt, wie er in den Fluss springt, um ein Kind zu retten, aber dabei selbst ertrinkt. „Er konnte nicht schwimmen.“ – Ironie des Schicksals. Ein kluger, unbedingt sehenswerter Abend.
Weitere Informationen unter:https://schauspielhaus.de/stuecke/fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Menschen in Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Niedergangs
- Distanziertheit vs Idealismus
- Ironie des Schicksals
Formale SchwerpunKte
- Betätigung von Overheadprojektoren für Licht und Bild-Projektionen durch Schauspielende
- Für das Publikum sichtbarer Rollenwechsel
- Ersetzen von Requisiten (Schlüssel) durch Sound
- Live-Musik von Schauspielenden
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12/13
- geeignet für den Deutsch-, Geschichts- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Berlin Ende der 1920er Jahre, kurz vor der Machtergreifung der Nazis. Arbeitslosigkeit, Inflation schüren Ängste, radikale Gruppen sind im Aufwind. Jakob Fabian, der als Werbetexter seine Miete verdient, zieht nachts mit seinem Freund Stephan Labude durch die Bars und Kneipen der Stadt . Während sich Labude trotz seiner Herkunft aus gutem politisch links engagiert und Zukunftspläne schmiedet (er schreibt an seiner Habilitation und will seine Freundin heiraten), bleibt Fabian ironisch distanzierter Beobachter. Er verliebt sich in Cornelia Battenberg, die aber ihre Beziehung der eigenen Filmkarriere opfert und mit dem Produzenten schläft. Labudes Freundin betrügt ihn ebenfalls, er begeht Selbstmord, als seine Habilitationsschrift als „ungenügend“ abgelehnt wird, was wie sich später herausstellt, nur ein Neider in die Welt gesetzt hat. Tatsächlich war die Arbeit als herausragend bewertet worden. Die Ironie des Schicksals zeigt sich auch in Fabians Tod: Um einen Jungen aus dem Fluss zu retten, springt er ins Wasser und ertrinkt. Er konnte nicht schwimmen.
Mögliche Vorbereitungen
Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Lektüre oder genaue Inhaltsangabe)
Recherche zu
- Erich Kästner (Leben und Werk)
- Bücherverbrennung durch die Nazis
Speziell für den Theaterunterricht
Darstellung von Großstadt durch:
Zielgerichtetes Gehen
Die Gruppe geht in Gangart 4 durch den Raum. Jede:r sucht sich ein Ziel, steuert geradewegs darauf zu und sucht sich bei Erreichen des Ziels ein neues. Die Spielleitung kann dazu entsprechende Musik einspielen und zwei Personen zum Zuschauen herausnehmen.
Wirkung und Einsatzmöglichkeiten besprechen.
Palaver
Die Spielenden setzen sich paarweise gegenüber, schließen die Augen und reden vor sich hin, ohne dem Partner /der Partnerin zuzuhören. Dadurch entsteht ein Geräuschteppich, der an Anonymität, Großstadt, Einsamkeit etc erinnert.
Die Spielleitung kann eine Person bestimmen, die versucht, dieses Palaver – eventuell vergeblich – zu unterbrechen. Hier bieten sich unterschiedliche Spielmöglichkeiten an.
Auch hier können zwei Zuschauer:innen Rückmeldung über die Wirkung geben.