Wie lebt man als junge Schwarze Frau in einer Stadt wie Hamburg? Von Unsicherheiten, Vorverurteilungen und einer mögliche Lösung erzählt „No Body“, das neue Jugendstück von Mable Preach im Thalia in der Gaußstraße.

Die Kritik
„Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“ heißt das Spiel. Wikipedia weist es noch immer als „traditionelles Sport- und Freizeitspiel“ aus. Es gehört dringend in die Tonne, aber vielleicht geistert es hier und da noch über die Schul- und Hinterhöfe und transportiert bedenkenlos Rassismus in Kinderköpfe. Die Schwarze Hamburger Theaterkünstlerin Mable Preach greift in ihrem neuen Jugendstück darauf zurück. „Wer hat Angst“ heißt der Song, den die Protagonistin Lilian (Jedidah-Isabel Annor) ziemlich zu Beginn der Uraufführung von „No Body“ rappt. Sie formuliert darin ihre Hilflosigkeit angesichts der fortbestehenden unterschwelligen Vorurteile, endet aber mit einer trotzigen, mutigen Haltung: „Und wenn sie kommen, dann bleiben wir steh’n/Und fangen endlich an, sie neu zu versteh’n.“ Im Grunde fasst der von Preach komponierte und getextete Song das gesamte Stück zusammen.
Im Zentrum steht Lilian, die als Schwarzes Mädchen auf dem Schulhof gemoppt worden ist und die tatsächlich ihren Traum verwirklichen konnte, jetzt an der Uni Kulturwissenschaften zu studieren. In der Mensa trifft sie mit Hannah (Toini Ruhnke), Mia (Gloria Odosi) und Jonas (Sinan Güleç) auf ehemalige Mitschüler:innen. Die sind wie Lilian erwachsen geworden, was in diesem Fall bedeutet, dass sie sich für ihr damaliges Verhalten entschuldigen und heute keinen Unterschied mehr machen zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe. Allerdings ist dieses Denken noch nicht überall angekommen. Als es an der Uni zu einem rassistischen Vorfall kommt und die Studierenden in Protestcamps dagegen demonstrieren, steht Lilian ungewollt im Zentrum. Sie wird als Initiatorin der Proteste beschuldigt und steht nun vor Gericht. Zahlreiche Beweise dienen dazu, Lilians Geschichte zu verstehen oder sie zu verurteilen.
„Warum geht das nicht weg?“
„Bitte nehmen Sie Platz“, ertönt es aus dem Off (Stimme: Camill Jammal). Schwebende, zur Seite gekippte und sich nach hinten verjüngende Hochhäuser und Grundrisse in Schwarzweiß – man könnte sie auch als Computer-Tastatur lesen – lassen in der Mitte den Raum für eine Schaukel frei, zu der ein paar Stufen führen. Dennis Stoeckers Bühnenbild ist damit gleichzeitig Metapher für die Einsamkeit Lilians in einer Großstadt und für die Unsicherheit und/oder das Schwanken der Justiz, dargestellt durch die als Anklagebank dienenden Schaukel. Hier sitzt Lilian und beantwortet die Fragen des Richters. Der ist weiterhin nur Stimme aus dem Off und damit weit weg von dem, was er verhandelt. Videos von ausdrucksstarken Zeichnungen (Video: Denis Stoecker, Behruz Tschaitschian) sowie untergründige Klänge und Songs (Musik: Kian Jazdi) untermalen Lilians Aussagen. Hannah, Mia und Jonas, nunmehr Lilians Kommiliton:innen, beginnen, sich mehr und mehr mit ihr zu solidarisieren. Lilian, die anfangs noch mit ihrer Hautfarbe haderte („Warum geht das nicht weg?“) und nicht wusste, wie sie sich in dieser Gesellschaft zu verhalten hat, um nicht zu stören oder aufzufallen („Bin ich zu laut? Bin ich zu leise?“), erfährt durch sie Unterstützung und findet zu ihrer Identität. „Ich bin hier, um gehört zu werden“, sagt sie. Am Ende steht eine selbstbewusste Frau, die stolz ist auf ihre Hautfarbe:„Ich schrubb’ mich nicht mehr.“
Es ist eine wichtige Geschichte, die dieser einstündige Abend erzählt. Noch immer gibt es viel zu wenig Stücke, die die Situation von Nicht-Weißen an Hamburger Theatern thematisieren. Das begeisterte Premierenpublikum verschiedener Hautfarben ist dafür ein Indiz. Ob sich „No Body“ allerdings bereits für die achte Klasse eignet, wie das Thalia Theater empfiehlt, ist fraglich. Die Erzählung über eine Gerichtsverhandlung, das Verweben verschiedener Handlungsebenen und auch die Verortung im Uni-Milieu (für Achtklässler:innen noch Mondjahre entfernt) gehen weit über ein einfaches Jugendstück hinaus. Ältere Klassen sollten sich dagegen unbedingt mit diesem Stück auseinandersetzen.
Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/no-body/178
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Latenter Rassismus
- Vorverurteilung durch Hautfarbe
- Identitätsfindung
Formale SchwerpunKte
- Simultane Darstellung zweier Handlungsebenen
- Videoprojektionen von Zeichnungen
- Songs und Musik
- Choreografien
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 14/15 Jahre, ab Klasse 9/10
- geeignet für den Deutsch-, PGW- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Lilian wächst als Schwarze Frau in Hamburg auf. In der Schule wird sie gemoppt, sie selbst weiß nie, was sie richtig und was sie falsch macht. Sie fühlt sich als „No Body“ ohne genaue Identität. Als sie es auf die Uni zum Studium der Kulturwissenschaften schafft, begegnet sie in der Mensa ihren alten Schulkamerad:innen Mia, Hannah und Jonas. Denen ist ihr Verhalten in der Schule gar nicht mehr bewusst, statt dessen meinen sie, Lilian jetzt mit ganz anderen Augen zu sehen. Hautfarbe zählt für sie nicht mehr. In der Uni aber offensichtlich doch, denn dort kommt es zu einem rassistischen Vorfall. Lilian und die anderen demonstrieren in Protestcamps dagegen, allerdings wird als einzige Lilian angeklagt, da sie angeblich im Zentrum der Proteste stand. In der Gerichtsverhandlung versucht sie, Beweise gegen diesen Vorwurf zu liefern und ihre Geschichte zu erzählen. Mia, Hannah und Jonas solidarisieren sich mit ihr und Lilian beginnt, sich als Schwarze junge Frau zu behaupten.
Mögliche Vorbereitungen
Recherche zu
- Situation von Nichtweißen Menschen, vor allem auch Jugendlichen in Deutschland (Bildungschancen, soziale Schicht)
- Wie äußert sich Rassismus (offen oder latent)?
- Beispiele zur erfolgreicher Selbstbehauptung/ Identitätsfindung
- Material u.a. mit Interviews finden sich auch im digitalen Programmheft unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/no-body/178/programmheft?tab=218
Speziell für den Theaterunterricht
Die Inszenierung von Mable Preach arbeitet u.a. mit Musik und Bewegungen.
Übernahme von Bewegungsmustern ohne Musik
- Die Gruppe geht in Tempo 5 durch den Raum. Ein*e TN gibt ein Bewegungsmuster vor und alle imitieren es.
- Die Gruppe geht in Tempo 2 durch den Raum. Jemand geht in einem bestimmten Rhythmus und versucht der Gruppe diese rhythmische Beinarbeit „aufzuzwingen“.
- Die Gruppe geht in Tempo 3 durch den Raum, wird irgendwann langsamer bis zum Stillstand (Impuls kommt aus der Gruppe, alle folgen).
Inspiration durch Musik
Grundsätzlich: „Musik an“ = Bewegung, „Musik aus“ = Freeze
Die Spielleitung gibt vor: Lasst euch von der Musik zu Bewegung inspirieren und setzt diese um. Achtet dabei nicht auf andere. Versucht auch, die Stimmung der Musik aufzunehmen.
5 mögliche Musikbeispiele: Opening Image (Arve Hendriksen), Sun (Caribou), Parade (Justice), What A Wonderful World (Joey Ramone); Walk With The Anarchist (Cliff Martinez)
Jede Musik erklingt zwischen 30 und 60 Sekunden.
- Phase 1: Jede:r folgt seinen eigenen Bewegungsimpulsen.
- Phase 2: Ein*e TN überlegt sich ein Bewegungsmuster und alle imitieren dieses.
Tipp der Spielleitung: Ihr seid bislang sehr rhythmisch orientiert. Vielleicht findet ihr Bewegungsmuster, die den Charakter der Musik auf andere Art treffen.
Die Spielleitung integriert sich (bei Chorstück „Lux aurumque“) und führt die Gruppe mit Bewegungsmustern an und bringt sie zur Stille, zur Ruhe.
ZIEL der Übung: Musik als Verstärkung und Inspiration zu Bewegungen und Abläufen annehmen, die ohne Musik nicht entstanden wären.
Erstellen einer Szene
Die Spielleitung teilt Gruppen ein (Fünfer- /Sechsergruppen)
Aufgabe:
Nehmt die Musik als Inspiration für eine Szene. Die Szene soll ohne Text (wenn, dann nur mit max. 5 Wörtern) auskommen und sich nur über die Bewegungen und die Musik erschließen.
Mögliche Musik für
- Gruppe 1: Der Krieger
- Gruppe 2: Ligeti: Atmoshpère
- Gruppe 3: Gotan Project: Vuelvo al Sol
- Gruppe 4: Little Simz: That’s a No No
Präsentation und Feedback