Hard Times

Es sind harte Zeiten, ohne Zweifel. Man könnte verzweifeln oder den Kopf in den Sand stecken. Oder ins Thalia Theater gehen. Dort hat nämlich Antú Romero Nunes „Hard Times“ von Charles Dickens inszeniert – poetisch, humorvoll und irgendwie auch tröstlich.

Zirkus in harten Zeiten (v.l.n.r. Tilo Werner (links aussen) Cino Djavid (vorne Mitte),Lisa-Maria Sommerfeld (hinten rechts) – Foto: Krafft Angerer

Die Kritik

Vor gelblich angestrahlten Nebelschwaden steht mitten auf der Bühne wie eingefroren ein Clown (Cino Djavid). Hinter einer beweglichen Bretterwand steigen ein roter Luftballon und Seifenblasen auf, zu hören sind Stimmen und leise Zirkusmusik. Die von giftigen Ausdünstungen geprägte Industriestadt Coketown und darin ein Zirkus, ein Vorhang hinter dem später zu sehenden Live-Orchester und ein paar Stoffbahnen an den Seiten – Bühnenbildner Matthias Koch braucht nicht viel, um Situation und Ort des Geschehens von „Hard Times“ zu skizzieren. Antú Romero Nunes hat Charles Dickens’ 1854 erschienenen Roman in der Dramatisierung von Lucien Haug am Thalia Theater inszeniert und wie so oft bei seinen Produktionen das Theater als solches nicht verleugnet. Was auf der Bühne passiert, ist keine Als-ob-Realität, es ist Spiel und will genauso wahrgenommen werden. Türen werden pantomimisch und durch Quietschgeräusche geöffnet, Möbelstücke von den Spielenden oder Regen durch das für alle sichtbare Klopfen auf Papier dargestellt.  Daraus schöpfen Nunes’ Arbeiten ihre Poesie und ihre Verankerung im Heute, denn das Spiel ist immer jetzt.

„Tatsachen, Tatsachen!“ – „Fantasie werfen wir raus.“

Für die Erzählung von „Hard Times“ nimmt er den Zirkus als Ausgangspunkt. „Wo fangen wir mit der Geschichte an?“, fragt der mit auffälligem s-Fehler ausgestattete Clown, der sich als Zirkusdirektor Mr. Sleary entpuppt. „Tatsachen, Tatsachen, Tatsachen“, skandiert das Ensemble rhythmisch im Chor. „Fantasie werfen wir raus“, bestimmt Mr.Sleary. Er fungiert im Laufe des knapp dreistündigen Abends (Inkl. Pause)  sowohl als Spieler als auch als eine Art Moderator. Virtuos wechselt Cino Djavid, seit dieser Spielzeit im Ensemble des Thalia Theaters, zwischen Warmherzig-Väterlichem, Komischem und Strenge und übernimmt auch mal kurzerhand die Rolle eines Gewerkschafters, der – ohne s-Fehler – seine Arbeiter auf Kurs bringt. Die werden ausgebeutet von so gierigen Menschen wie dem Bankbesitzer Mr. Josiah Bounderby (Julian Greis). Aber auch der etwas hibbelige Fabrikant Gradgrind (Tilo Werner) setzt vernünftige Entscheidungen über die des Herzens. Diesen Grundsätzen folgt sein Musterschüler Bitzer (Torben Kessler) und so erzieht er auch seine Kinder Tom und Luisa. Eine Eheschließung Luisas mit Bounderby erscheint ihm daher genau richtig. 

Ein vierköpfiges Live-Orchester begleitet den gesamten Abend mit Musik und vielfältigen Kompositionen.

Während Caroline Junghanns als Luisa sich in ihr Schicksal fügt und immer mehr erstarrt, bis sie schließlich in ihrer Liebe zu James Harthouse (Jeremy Mockridge) einen Ausweg sieht, gerät Tom auf die schiefe Bahn und raubt später die Bank von Bounderby aus. Denis Grafe spielt ihn von Anfang mit schluffiger Haltung als Außenseiter, der sich als Einziger auch sprachlich („Ja, Mann, cool“) von seiner ursprünglichen sozialen Klasse abgrenzt. Zu denen, die unter der Ungleichheit leiden, gehören der Arbeiter Stephen Blackpool (endlich wieder auf der Thalia-Bühne: Lisa Hagmeister) und seine Frau Rachael (Cathérine Seifert, die auch als Hund Merrylegs überzeugt). Herzenswärme strahlt in dieser Welt vor allem das verwaiste Zirkusmädchen Cecilia (Lisa-Maria Sommerfeld) aus.

Die widrigen Verhältnisse, die durchaus zur Sprache kommen, werden jedoch nicht mausgrau und verbittert angeprangert. Nunes setzt ein vierköpfiges Live-Orchester in Zirkuskostümen hinten auf die Bühne, das den gesamten Abend begleitet mit Anna Bauers Musik und vielfältigen Kompositionen von Chansons, Opernpersiflage, Songs im Stil von Brecht/Weill oder Zirkusmusik. Am Ende verschwinden die Figuren hinter dem Vorhang und man hört sie tanzen. Was für ein liebevoller, zarter, manchmal auch melancholischer Abend voller Poesie und Humor! „In Zeiten, die schwer sind, müssen wir selber ganz leicht sein“, zitiert Nunes im Programmheft Charles Dickens. Der Regisseur hat es verstanden und zeigt, wie es geht.

Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/hard-times/169

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Soziale Ungleichheit
  • Ausbeutung
  • Vorherrschaft der Vernunft
  • Sieg der Herzenswärme
Formale SchwerpunKte
  • Pantomimische Darstellung von Requisiten oder Bühnenbildelementen
  • Durchgängige Begleitung durch Live-Musik
  • Spiel als Behauptung
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe

Empfohlen für

  • Ab 16/17 Jahre , ab Klasse 11 (die Schüler:innen unbedingt auf das Medium Theater vorbereiten!)
  • Empfohlen für den Englisch-, Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

(zur Bühnenfassung von Lucien Haug)

Im 19. Jahrhundert ist die fiktive englische Stadt Coketown geprägt von der Industrialisierung. Banker wie Mr. Bounderby oder Fabrikanten wie Mr. Gradgrind bilden die profitorientierte Oberschicht, in der Vernunft mehr zählt als Herzenswärme oder gar Gefühl. Arbeiter wie Stephen Blackpool und seine Frau haben unter der Ungerechtigkeit zu leiden und suchen nach Auswegen. Gradgrind hat seine Kinder Tom und Luisa nach strengen Prinzipien erzogen und verheiratet aus rationalen Gründen Luisa mit Bounderby. Während sie sich zunächst in ihr Schicksal fügt, sieht sie später durch ihre Liebe zu dem zynischen James Harthouse eine Möglichkeit, auszubrechen. Ihr Bruder Tom dagegen gerät auf die schiefe Bahn, bricht später sogar in die Bank von Bounderby ein und kann nur mit Hilfe des Zirkus’ fliehen. Der Zirkus bildet mit Zauberkunst und Clownerien den Gegenpol zur Welt der Banker und Fabrikanten. Das verwaiste Zirkusmädchen Cecilia wird von dem Direktor Mr. Sleary aufgenommen, beide helfen später Tom bei seiner Flucht.

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

  • Industrialisierung und ihre Auswirkungen 
  • Charles Dickens: Leben und Werk
  • Charles Dickens: Hard Times (Inhalt)
Speziell für den Theaterunterricht

Recherche zum Regiestil von Antú Romero Nunes

Übungen
Objekte bauen

Die Gruppe geht durch den Raum (verteilt, in neutraler Haltung, nicht im Kreis). Auf Ansage der Spielleitung bildet jeder Spieler/jede Spielende mit dem Körper das genannte Objekt (z.B.: Lampe, Tisch, Baum, Haus o.ä.) und löst es auf das Zeichen der Spielleitung wieder auf. Weiter im Raumlauf. 

Übungen zu akustischen Zeichen
  1. Bodypercussion

Spielende stehen im Kreis, ahmen folgende Bewegungen nach, die später immer 

schneller hintereinander im Rhythmus gemacht werden: 1x in die Hände 

klatschen, rechte Hand auf linke Schulter, linke Hand auf rechte Schulter, linke 

Hand auf linken Oberschenkel, rechte Hand auf rechten Oberschenkel, rechte Hand auf rechte Pobacke, linke Hand auf linke Pobacke. Mehrfach wiederholen.

  1. Klatsch-Countdown 

Alle stehen im Kreis, zählen leise im Rhythmus bis 10. Bei 1 stampfen alle gleichzeitig mit dem Fuß auf; dann wird runtergezählt; d.h. in der nächsten Runde geht es nur bis 9, dann bis 8 usw,, dabei wird bei 1 immer mit dem Fuß aufgestampft, das Zählen erfolgt stumm und möglichst so, dass man es von außen nicht sieht.

  1. Erzeugen einer Rhythmusmaschine

Die Spielleitung teilt drei Gruppen (A, B, C) ein, die gemeinsam mit allen einen Kreis bilden. Alle klatschen auf 1 (zählen stumm bis vier),  Gruppe A hält das weiterhin durch, während zunächst Gruppe B  immer auf 1 und 3 klatscht und das weiterhin durchhält, und Gruppe C  auf 1,2,3,4 klatscht..

  1. Chor der Laute

Alle gehen durch den Raum, suchen sich einen Ton, den sie vor sich hinsummen, schlagen dann mit den Fäusten leicht auf den Brustkorb, lassen den Laut immer lauter werden, andere können sich anschließen, bis gemeinsamer Laut gefunden worden ist und sich alle zu Kreis formieren

  1. Chorische Sequenzen

Einteilung in vier Gruppen (A, B, C, D), alle vier bilden gemeinsam einen Kreis. Die Spielleitung gibt jeder Gruppe ein Wort: A: Freiheitskämpfe, B: Tatsache, C: Vernunft, D: Traum. Zunächst spricht jede Gruppe nacheinander unter Anleitung der Spielleitung (Dirigent:in) das jeweilige Wort chorisch. Danach dirigiert die Spielleitung so, dass sich die Gruppen überlappen, manche lauter oder leiser werden.

Erstellen einer Szene

Die Spielleitung legt Material aus (Papier, Holzstäbe, Gläser mit getrockneten Erbsen, Steine o.ä.) aus.

Einteilung in drei Gruppen (A,B, C). Jede Gruppe erhält einen Zettel mit folgender 

Aufgabe:
  • Gruppe A: Erstellt mit Hilfe der ausgelegten Materialien, eurem Körper und eurer Stimme eine Stadt im Regen.
  • Gruppe B: Erstellt mit Hilfe der ausgelegten Materialien, eurem Körper und eurer Stimme einen Sommertag in der Natur
  • Gruppe C: Erstellt mit Hilfe der ausgelegten Materialien, eurem Körper und eurer Stimme eine Bootsfahrt auf stürmischer See

Präsentation vor den anderen Gruppen, die die Augen geschlossen haben oder den Präsentierenden den Rücken zuwenden, um die Situation zu erraten.

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