Experimente an Menschenkörpern, Schaffung von Hybriden, von manipulierbaren Abhängigen, Gefährdung der Demokratie, Machtmissbrauch – Armin Petras’ „Hundeherz“ wirft ohne Frage spannende Themen auf. Bei der Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus ertrinken sie leider im Video-, Musik- und Spiel-Overkill von Claudia Bauers Inszenierung.

Die Kritik
Kein Leben, keine Wärme in Gotham City. Dreidimensionale, an Filmbauten erinnernde Gestelle ragen wie Hochhäuser gegen einen dunklen Himmel. Das wenige Licht durch Neonstreifen oder die Straßenlaterne strahlt unbarmherzige Kälte aus (Bühne: Andreas Auerbach). Auf eine Hauswand ist eine schwarzweiße Erdkugel projiziert mit dem blinkenden Schriftzug: „Warning – Schwarzer Sturm“. Düster grollt das elektronisch verstärkte Cello des Musikers Klim Bim (Andi Otto) und führt ein in die menschenfeindliche Atmosphäre dieser Stadt. Ein Hund (Puppenbau: Ingo Mewes) betritt die Szene, hechelt, schaut sich um, merkt vielleicht, dass er hier das einzige Lebewesen weit und breit ist. Geführt wird er von Oscar Olivo, der das Puppenspiel genauso beherrscht wie die Schauspielerei. Doch dazu später.
Claudia Bauers Inszenierung führt mit diesem Intro tief ein in die feindlich-kalte Welt von „Hundeherz“ , einem Stück von Armin Petras nach der 1925 erschienenen Novelle von Michail Bulgakow. Darin taucht ein räudiger Hund in Gotham City auf, einer fiktiven Stadt der Zukunft, bekannt vor allem durch den Superhelden Batman. Aber der ist leider nirgends zu sehen. Das Comic-hafte, das mit der Figur verbunden ist, übernimmt Bauer aber bereitwillig. Sie überdreht Handlung und Spiel der Figuren, lässt keine oder kaum Zwischentöne zu. In einer Flut aus schrillem Spiel, aufwändig-bunten Kostümen (Vanessa Rust), fantastischen Videos (Sébastien Dupouey) und den beeindruckenden Gesängen eines fünfköpfigen Chores (Komposition: Peer Baierlein) geht ihr der Fokus verloren.
Dem Ensemble ist nichts vorzuwerfen. Im Gegenteil.
Hilflos fragt man sich: Worum geht es hier jetzt eigentlich? Es gibt durchaus witzige Textpassagen und dem Ensemble ist nichts vorzuwerfen. Im Gegenteil. Vor allem Oscar Olivo ist fantastisch. Der (von ihm als Puppe geführte) Hund wird von Professor Truman-Lomonossow (bräsig, überlegen: Bettina Stucky) und seinem willfährigen Assistenten Dr. Blumenthal (Maximilian David Scheidt) für ein Experiment missbraucht, indem ihm eine menschliche Hypophyse eingesetzt wird. Olivo verwandelt sich über das mühselige Stammeln unzusammenhängender, manchmal obszöner Begriffe (wurde Tourette gleich mit implantiert?) und staksige Bewegungen in einen „Menschen“ oder besser einen Hybriden aus Mensch und Tier und wird zum Leibeigenen des Wissenschaftlers. Dieser Status sowie die Tatsache, dass er in der menschlichen Gesellschaft ein „Illegaler“ ohne Papiere ist, machen ihn manipulierbar für die Macht, verkörpert durch den Präsidenten Big Daddy. Den spielt Sandra Gerling, die aber vor allem als KI-Robotesse Sina Regieanweisungen für die jeweiligen Szenen deklamiert oder einen durchgeknallten Zirkusdirektor gibt, wobei der Sinn der Zirkusszene hier ein Geheimnis bleibt. Das gilt auch für die Funktion von Figuren wie Robert de Niro (Felix Knopp, auch als Clown Brian), Cher (Sachiko Hara, auch als Clown Lori) oder die Holo-Sekretärin Harriett (Angelika Richter). Der Abend dauert zwei Stunden und hat keine Pause. Wäre da eine, hätten wohl eine Reihe von Zuschauenden den Saal verlassen – mit tausend Fragezeichen über dem Kopf.
Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/hundeherz/