Was war los mit dem moralischen Kompass? Die einen hatten in der Zeit der Nazi-Herrschaft gehorcht und ihre Pflicht getan, andere hatten Widerstand geleistet. Von den Autoritätshörigen haben viele später wieder ihre Posten bekommen und einfach weitergemacht. Wie Siggis Vater. Zu Kathrin Mayrs präzisen und hochaktuellen Inszenierung von Siegfried Lenz’ „Deutschstunde – Biller in Flammen“ am Ohnsorg Theater.

Die Kritik
Deutschland 1954. Der 21Jahre alte Siggi Jepsen (Flavio Kiener) muss im Deutschunterricht einen Aufsatz schreiben. Thema: „Die Freuden der Pflicht“, weitere Vorgaben gibt es nicht. Für Siggi gibt es nur ein Paradebeispiel, nämlich seinen Vater. Der war in der Zeit der Nazi-Diktatur Dorfpolizist im nördlichsten Norddeutschland und „der tadellose Vollstrecker“ von Befehlen. Einer davon lautete, seinem Freund, dem Maler Max Ludwig Jansen, ein Arbeitsverbot zu überbringen und dessen Einhaltung zu überwachen. „Entartete Kunst“ war von höchster Stelle als Grund angegeben worden. Dass der Maler sich dagegen wehrte und heimlich die sogenannten „unsichtbaren Bilder“ schuf, beeindruckte den damals 12jährigen Siggi. Andererseits war da der Vater, der ihn zur Mithilfe bei der Überwachung des Verbots nötigte.
Wie handelt man in welchem Kontext unter Druck?
Wie handelt man in welchem Kontext unter Druck? Welchem moralischen Kompass folgt man? Fragen, die sich heute wieder in den Vordergrund drängen. In Kathrin Mayrs schnörkelloser Inszenierung ergeben sie sich ganz von selbst, ohne dass es überdeutlicher Hinweise auf aktuelle Ereignisse bedarf. Clemens Mädge hat Siegfried Lenz’ gut 600 Seiten starken Roman „Deutschstunde“ in eine Bühnenfassung von zwei Stunden und vierzig Minuten (inkl. Pause) verschlankt. Hochdeutsche Erzählpassagen wechseln mit plattdeutschen Szenen (Plattdeutsch: Peter Nissen), die in den Bereich von Siggis Erinnerungen gehören. Dafür hat Anike Sedello (auch verantwortlich für die Kostüme) eine parallel zur Rampe verlaufende schiefe Ebene geschaffen. Umrahmt ist sie von hellblauen, ans Meer erinnernde Wänden. Darin und im Bühnenboden eingelassen sind verschiedene Türen und Luken, durch die die Figuren auf- und abtreten und immer wieder neue Räume behaupten können. So ist es mal das Atelier des Malers (Ulrich Bähnk), mal das Haus von Jens Ole Jepsen (Oliver Warsitz) und seiner eisigen, bis ins Mark vom Nationalsozialismus durchdrungenen Frau Gudrun (Birte Kretschmer), mal das Versteck von Siggis verzweifelten und verwundeten Bruder Klaas (André Lassen, auch in anderen Rollen). Die Fläche vor dieser Ebene gehört in die Zeit des Aufsatz-Schreibens. Hier kämpft Kieners Siggi mit den Erinnerungen, hier ist der Ort der Deutschstunde und des Aufsatzes, unterstrichen durch das mit Kreide geschriebene „Die Freuden der Pflicht“.
Jens-Ole Jepsen ist ein Beispiel für all jene, die sich bereitwillig denjenigen unterordnen, die sich als Starke und Führende inszenieren.
Mayrs Inszenierung bleibt unaufdringlich und vertraut auf die Fantasie des Publikums und das nicht nur durch die abstrakt gehaltenen Räume und den sensiblen, elektronisch verstärkten Sound (Clemens Mädge), der durch Sirren, Ticken oder Klopfen die Atmosphäre der Szenen vorgibt. Handlungen werden oft nur beschrieben und dann ganz anders oder gar nicht ausgeführt. So schlägt Warsitz als engstirniger, aber auch irgendwie im Dilemma steckender Jepsen mit dem Gürtel auf einen Stuhl, wenn er den Sohn züchtigt. Bähnks jovialer, die Dinge nicht allzu ernst nehmender Maler Jansen malt seine Bilder mit den Händen in die Luft. Und trotzdem oder gerade deshalb gelingt es dem durchweg überzeugenden Ensemble, die Geschichte spannend und bildhaft zu erzählen.
Jens-Ole Jepsen hat unter den Nazis gehorcht und seine Pflicht vorbildlich erfüllt. Dafür ist er nach 1945 bestraft worden, später aber wieder an gleicher Stelle als Polizist eingesetzt worden. An seiner Einstellung hat sich nichts geändert. Er ist damit ein Beispiel für all jene, die sich bereitwillig denjenigen unterordnen, die sich als Starke und Führende inszenieren. Ein aktueller, sehenswerter, nachdenklich stimmender Abend.
Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/deutschstunde-biller-in-flammen/
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Verhalten in (Nazi-) Diktatur: Unterwerfung oder Widerstand?
- Frage nach den moralischen Werten
- Einwirkung der Vergangenheit/der Erinnerung auf aktuelles Verhalten
Formale SchwerpunKte
- Abstraktion (Handlungen, Bühne)
- Sound zur Untermalung oder Steigerung der Atmosphäre
- Wechsel zwischen Erzählpassagen und szenischem Spiel
- Aufteilung einiger Erzählpassagen auf verschiedene Figuren
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12
- Geeignet für den Deutsch-, Geschichts- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Siggi Jepsen sitzt mit 21 Jahren in einer Anstalt für schwer Erziehbare. Dorthin ist er eingewiesen worden, weil er aufgrund von Zwangsvorstellungen die Bilder des Malers Jansen an sich genommen hat. Grund dafür ist Siggis Verdacht, dass sein Vater Jansens Bilder auch nach Kriegsende vernichten will. Während des Dritten Reichs war Jens-Ole Jepsen, ein Dorfpolizist im nördlichsten Schleswig-Holstein, beauftragt worden, seinem Freund, dem Maler Max Jansen, den Befehl zum Malverbot auszuhändigen und dessen Einhaltung zu überwachen. Jepsen selbst ist im Gegensatz zu seiner Frau Gudrun kein glühender Nazi, aber er ist ein tadelloser Erfüllter der von ihm verlangten Pflichten. Von Siggi erwartet er, dass er ihm von etwaigen Verbotsübertritten des Malers erzählt. Denn Jansen schert sich wenig um die Nazis und deren Befehle, und Siggi, der ihn dafür bewundert, lässt sich auch von ihm ins Vertrauen ziehen und versucht, Jansens Bilder zu retten. Mit dem Ende des Krieges 1945 erlischt das Malverbot, aber Siggis Vater, der nach kurzer Haft wieder auf seinem alten Posten sitzt, verfolgt die alte Order noch immer. Als die Mühle, in der Jansen Bilder versteckt sind, brennt, hat Siggi seinen Vater in Verdacht und versucht nun, die Bilder von Jansens Bilder zu retten, indem er sie an sich nimmt. Ein Aufsatz in der Deutschstunde mit dem Thema „Die Freuden der Pflicht“ lässt in dem nunmehr erwachsenen Siggi die Erinnerungen aufkommen.
Mögliche Vorbereitungen
Recherche zu
- Siegfried Lenz: Deutschstunde (genauer Inhalt)
- Siegfried Lenz: Leben und Werk
- Umgang der Nationalsozialisten mit der Kultur (Literatur, bildende und darstellende Kunst)
- Unterwerfung und Widerstand im Nationalsozialismus/ in faschistischen Systemen/ in Diktaturen
Im Unterrichtsgespräch
Mögliche Fragestellungen:
- Inwieweit bestimmt der gesellschaftliche Kontext das Verhalten des Einzelnen?
- Ist Gehorchen in Diktature/ in faschistischen Systemen zu verurteilen? Wenn ja, inwiefern?
- Welche Art von Widerstand gäbe es?
- Wie kann man aufkommenden faschistischen Strömungen begegnen?
- Muss Kultur von der Regierung geregelt werden (vgl. Kulturstaatsminister Weimer und seine Überprüfungen der Buchhandlungen durch den Verfassungsschutz u.ä.)?
Speziell für den Theaterunterricht
Komm rüber – Ich will nicht
Die Spielleitung teilt den Kurs in Paare (A/B) ein. A und B stehen einander gegenüber, geben sich die Hand, A versucht B mit den Worten „Komm rüber“ über eine imaginäre Linie zu ziehen, B versucht bei sich zu bleiben mit den Worten „Ich will nicht“ – Lautstärke variieren.
Wechsel
Darstellung von Macht
Die Spielleitung nimmt zwei oder drei Personen aus der Gruppe heraus, die sich in einer Ecke der Bühne /des Raums aufhalten. Der Rest der Gruppe geht durch den Raum und formiert sich allmählich zu einer Reihe. Der Impuls geht dabei von den Spielenden aus. Wenn die Reihe steht, geht sie möglichst synchron auf die zwei oder drei übrigen Personen zu und versucht, sie in die Reihe zu integrieren. Dabei kann sie sie umkreisen, weiter in die Ecke treiben und/oder sie mit Worten auffordern, mitzumachen. Wie die „Bedrohten“ reagieren, bleibt ihnen überlassen.
Diktator und Volk
Die Spielleitung teilt den Kurs in zwei Gruppen. Jede Gruppe teilt sich in Diktator plus Gefolge und Volksvertreter.
Ausgangspunkt ist folgende Situation:
Die Volksvertreter wollen dem Diktator eine Eingabe überbringen. Gemeinsam nähern sie sich ihm und seinem Gefolge, einer der Volksvertreter reicht die Eingabe ein.
Aufgabe:
Erstellt diese Szene und überlegt:
- Wo befinden sich Diktator und Gefolge? Wie sind sie positioniert? Welche Haltung haben sie?
- Wo befinden sich die Volksvertreter? Wie nähern sie sich dem Diktator? Wie übergeben sie die Eingabe? Achtet auf Körperhaltung und Formation der Gruppe.
- Wie reagieren Diktator und Gefolge auf die Eingabe? Wie das Volk?
Präsentation und Feedback