Wer schön ist, wird bewundert, auserwählt, geliebt. Das gilt noch immer vor allem für Frauen. So erzählen es die Märchen und heute die Werbung, Medien und Influencier:innen. In ihrem Postgraduierten-Projekt „Sleeping Beauties“ setzt sich Regisseurin Tamara Sonja Aijamathiesen im Jungen Schauspielhaus mit dem Schönheitsdiktat auseinander. Furios, durchdacht und mit Sinn für Komik.

Die Kritik
Am Anfang steht das Märchen. Die Projektionen eines alten Gemäuers mit Rundbögen geben den Blick frei auf eine verwunschene Landschaft. Eine von süßlichen Klängen untermalte Stimme aus dem Off (Nico-Alexander Wilhelm, auch zuständig für die Musik), leitet mit dem typischen „Es war einmal…“ die Erzählung von einem alten Brauch ein. Demnach werden junge Frauen in einen Turm gesperrt, wo sie sich pflegen und ausharren müssen, bis ein Prinz (oder auch nur ein Mann) sie auswählt und mit sich nimmt. Vorher muss er sie aber erst wach küssen, diese schlafenden Schönheiten. Nathalie Schatz, (Bühne und Kostüme) hat für sie ein blütenartiges rotes Bett in die Mitte der Bühne gestellt, rechts und links davon gibt es einen kleinen Schminktisch mit einem von Zähnen umrahmten Spiegel. Klar, dass der zubeißen könnte, wenn das Bild nicht den Anforderungen entspricht.
Mit diesem Setting führt Tamara Sonja Aijamathiesen ein in „Sleeping Beauties“. Es ist bereits das fünfte Postgraduierten-Projekt, bei dem Absolvent:innen der Theaterakademie die Gelegenheit haben, im Jungen Schauspielhaus eine Produktion umzusetzen. „Sleeping Beauties“ ist dafür ein weiteres gelungenes Beispiel. Aijamathiesen setzt sich darin spielerisch, intelligent und humorvoll mit Rollenbildern und dem Diktat der Schönheitsindustrie auseinander. Dabei verzahnt sie die Welt der Märchen mit der junger Frauen von heute. Die auf allen Kanälen propagierten Schönheitsideale verweist sie damit in den Bereich des Unwirklichen, denn es geht ja immer noch dünner, die Lippen könnten noch voller, das Gesicht noch straffer sein. Die Schönheitsindustrie weiß das ebenso zu nutzen wie Social Media, eine Grenze nach oben gibt es nicht, und das alles hat mehr mit Märchen als mit der Wirklichkeit zu tun.
Ivy prüft Gesicht und Figur ab und ist – natürlich! – unzufrieden.
Aber das begreifen Iris (Christine Ochsenhofer) und Ivy (Anouk Piwek) erst allmählich. Zunächst liegen sie nie bis zur Unkenntlichkeit ausgestattet mit liftenden Gesichtsmasken und straff geflochtenen Zöpfen in dem Rosenbett und bemerken, dass ihre Mitinsassin Destiny nicht mehr da ist. Offenbar ist sie schon von einem Mann erwählt und abgeholt worden. Verbissen beginnen die beiden darauf mit ihrer Morgenroutine von Step 1 bis Step 7. Dann prüft Ivy Figur und Gesicht ab, den Blick richtet sie ins Publikum, das ihr als Spiegel dient. Natürlich ist sie unzufrieden mit sich. Den Weg aus dem Dilemma könnte die in einer Kugel befindliche KI bieten („Wo haben wir denn hier Empfang?“). Die Frage „Was ist Schönheit?“ Ist der KI allerdings zu komplex. Bei „Wie wird man schön?“ rät sie in gebundener Sprache zu drei „Pfaden“, die von Fitness, über blutiges Rasieren der Beine bis zu einem Zaubertrank reichen, aber letztlich auch nichts nützen. Erst in dem Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ und das Ziehen einer Karte (wodurch sich Ivy in Kate Winslet verwandelt und essentielle Wahrheiten von sich gibt) erkennen sie, worauf es im Leben wirklich ankommt. Begeistert brüllen Ochsenhofer und Piwek am Ende alle Strophen von „What’s Up“ der 4 Non Blondes ins Publikum. Wie Punks wirken sie in ihrer Befreiung, und es ist egal, ob das junge Publikum diesen Hit aus den 90ern kennt oder nicht. Es ist auch egal, dass manch Erwachsene:r die eine oder andere Passage als zu belehrend empfindet. Denn hier geht es um ein junges Publikum, das in 80 Minuten eine intelligente, witzige und keine Minute langweilige Vorstellung erleben kann. Diskussionen zum Thema dürften sich hoffentlich anschließen.
Weitere Informationen unter: https://junges.schauspielhaus.de/stuecke/sleeping-beauties
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Auseinandersetzung mit Rollenbildern und der Schönheitsindustrie
- Erkennen, was im Leben wichtig ist
Formale SchwerpunKte
- Realistisches Spiel in surrealem Setting
- Popsongs zur Illustration einiger Szenen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 13 Jahre , ab Klasse 8
- Geeignet für den Biologie-, Ethik- Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Zwei Frauen unterschiedlichen Alters, Iris und Ivy, sind in einen Turm gesperrt, wo sie warten müssen, bis ein Prinz sie wach küsst und mitnimmt. Als sie eines Morgens entdecken, dass Destiny, die lange mit ihnen zusammen im Turm saß, nicht mehr da und womöglich abgeholt worden ist, strengen sich die beiden umso mehr an, so schön wie nur irgend möglich zu sein. Das Verbesserungsprogramm ist schmerzhaft, führt aber nicht weiter. Beide sind nach wie vor mit sich und ihrem Erscheinungsbild unzufrieden. Erst durch das Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ und das Ziehen einer Zauberkarte erfahren sie, dass es im Leben vor allem drauf ankommt, zu leben und nicht kurzlebigen Trends hinterherzulaufen.
Mögliche Vorbereitungen
Recherche zu Schönheitsidealen von der Geschichte bis heute.
Anschließend Auswertung und Besprechung:
- Haben sich diese Ideale gehalten? Verändert?
- Was bedeuten Trends?
Starten einer anonymen Umfrage unter Mädchen des Jahrgangs/der Klasse.
Mögliche Fragen:
- Spielt Schönheit für dich eine Rolle?
- Spielt Schönheit in der Gesellschaft eine Rolle?
- Bist du mit deinem Äußeren zufrieden?
- Welche Rolle spielen dabei Social Media?
Wie oft am Tag nutzt du sie? - Welche Optimierungsmöglichkeiten kennst du?
- Welche benutzt du selbst?
- Helfen dir diese Optimierungen, dich besser zu fühlen?
Auswertung der Umfrage und Diskussion in der Gruppe.
Im Unterrichtsgespräch
Mögliche Themen und Fragen:
- Rolle von Social Media, Werbung u.a.
- Relevanz von Schönheit in der Gesellschaft,
- Problem Longlivety usw.
- Muss man den Druck aushalten? Kann man ihm begegnen? Wenn ja, wie?