Sankt Falstaff

Stücke und Inszenierungen zum Thema erodierende Demokratien und skrupellose Autokraten mit Macht- und Besitzanspruch haben derzeit Konjunktur. Fast schon ein bisschen viel, oder? Insofern ist es gut, dass Luise Voigts Inszenierung von Ewald Palmetshofers „Sankt Falstaff“ am Hamburger Thalia Theater den Schwerpunkt  verlagert und der ambivalenten Beziehung zweier ungleicher Männer mehr Raum gibt.

Beobachtet von der Clubbesitzerin Frau Flott (Sandra Flubacher) kommen Harri (Marius Huth) und John (Julian Greis) einander näher. – Foto: Krafft Angerer

Die Kritik

Als Ewald Palmetshofer vor gut einem Jahr im Auftrag des Münchner Residenztheaters „Sankt Falstaff“ schrieb, war Donald Trump noch nicht zum zweiten Mal als US-Präsident vereidigt, und auch Palmetshofer konnte nicht ahnen, mit welcher Wucht seither die bestehende Weltordnung zertrampelt und demokratische Strukturen außer Kraft gesetzt würden. Dennoch liest sich sein Stück in großen Teilen wie ein Spiegel der aktuellen politischen Gegenwart. Kein Wunder, dass es nach der Münchner Uraufführung auch in Bonn, Göttingen und Oberhausen auf den Spielplan gesetzt wurde und jetzt seinen Weg nach Hamburg ans Thalia Theater gefunden hat.

Grundlage für „Sankt Falstaff“ ist Shakespeares hierzulande selten gespieltes Stück „König Heinrich IV“, eine Mischung aus Königsdrama und Komödie. Darin geht es um die Rebellion gegen König Heinrich IV und den Kampf um seine Nachfolge. Als Gegenpol zu der finsteren Machtpolitik steht der lebenslustige und trinkfreudige Ritter Sir John Falstaff. Ihn setzt Palmetshofer ins Zentrum seiner Überschreibung, überhöht ihn sogar im Titel durch den Zusatz „Sankt“. Ein Beinahe-Heiliger, ein großes Kind ist er bei Julian Greis als John (der Name „Falstaff“ fällt kein einziges Mal) in Luise Voigts Inszenierung. So einer scheint nichts Hinterhältiges im Sinn zu haben. Der ist mit seiner blonden Wuschelmähne und dem dicken Bauch ein liebevoller Teddybär, der lieber kuschelt und andere beschützt als kämpft. Den Club von Frau Flott (unsentimental und resolut: Sandra Flubacher) hat er zu seinem Lieblingsort erkoren. Skizziert durch eine abgeranzte Couch, ein paar Barhocker vor einem Holztresen steht dieses Etablissement vor dem pyramidenartigen, beidseitig mit Stufen ausgestatteten Gebilde – ein Zeichen der Macht -, das die Drehbühne dominiert (Bühne: Natascha von Steiger).

Das Brodeln im Untergrund unterstützen wummernde Techno-Beats.

Hier verbringt und versäuft John seine Tage mit Menschen, die eher zur unteren Gesellschaftsschicht gehören. Hier findet er eines Morgens unter einer Bank den völlig betrunkenen Harri, steckt ihm den Finger in den Hals – kotzen hat in diesen Situationen noch immer vor dem Erstickungstod gerettet – und beide verlieben sich ineinander. Harri, Sohn des Machthabers, des Quasi-Königs Heinz, ist bei dem durchtrainierten, schlanken Marius Huth das Gegenteil zu John, auch modisch: Sein glänzendes Muscle-Shirt ist so viel stylischer als Johns schlecht sitzende Shorts (Kostüme: Maria Strauch). 

Der Beziehung zwischen den ungleichen Männern gibt Regisseurin Luise Voigt viel Raum in dieser mehr als dreistündigen Inszenierung. Greis und Huth spielen das ambivalente, zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, Anziehung und Abstoßung changierende Verhältnis differenziert aus. Dadurch rückt der Machtkampf um die Nachfolge des alternden, kranken Quasi-König Heinz (virtuos gespielt von André Szymanski) etwas in den Hintergrund. Das Mundwerk (alternierend: Sinan Güleç/ Samuel Mikel) und Das Hirn (Denis Grafe, auch als Ed) winden sich kriechend die Stufen zur Macht hoch, wenn sie mit dem Quasi-König reden. Damit entsteht ein deutliches, wenn auch plakatives Bild von rückgratlosen Speichelleckern. Anders Jeremy Mockridges Hitzkopf. Als hypernervöser, zappelnder Ziehsohn des Quasi-Königs schleimt er sich nicht an, ist vielmehr Vollstrecker der Macht. Wie das Volk darauf reagiert, zeigen gespiegelte Video-Projektionen (Stefan Bischoff) aus dem Flott’s Club, in dem die sehr präsente Kate (überzeugend: Franziska Machens, auch als Hitzkopfs Frau Puppe) den Widerstand um sich versammelt. Dieses Brodeln im Untergrund unterstützen wummernde Techno-Beats (Musik: Friederike Bernhardt) und die Songs von Kate.

Nach der Pause weist die Vorstellung viele Redundanzen auf.

Palmetshofer lässt in seinem Stück Ort und Zeit unbestimmt. Nur dass Drohnen über die Bühne fliegen sollen, hat er festgelegt, um einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Die von ihm verwendete gebundene Kunstsprache mit eigenwilliger Wortstellung („Sie schmeichelt wirklich mir“) und der (fast schon inflationären) Verwendung von Fäkalausdrücken vermittelt Distanz zum Geschehen. Der Reiz nutzt sich jedoch mit der Zeit ab, zumal die Vorstellung gerade nach der Pause viele Redundanzen aufweist. Vieles, gerade in Bezug auf den politischen Bereich, ist vorhersehbar und wirkt für Nachrichten-Interessierte eher banal. 

Harri macht am Ende eine Kehrtwende. Er, der nichtsnutzige Clubbesucher, übernimmt den Thron seines Vaters und verrät seinen Freund. In einem verzweifelten Kampf erwürgt ihn John, seine Enttäuschung und Trauer berühren. Allerdings hätte es dafür nicht eines nicht enden wollenden Monologs bedurft. Und obwohl das hier ein stimmiges Schlussbild abgegeben hätte, werden noch mindestens drei, vier weitere Schlüsse angehängt. So ist man froh, wenn nach 3:15 Stunden wirklich Feierabend ist. Schade eigentlich. 

Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/sankt-falstaff/165

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Anpassung und Widerstand
  • Menschlichkeit gegen Machtkampf
Formale SchwerpunKte
  • Einsatz von Video-Projektionen und Spiegelungen 
  • Einsatz von Techno-Beats und Songs
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Möglich ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12/13
  • Möglich für interessierte Gruppen im Deutsch-, Geschichts-, Politik- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Der Quasi-König Heinrich, genannt „Heinz“, ist alt und krank und braucht dringend einen Nachfolger. Sein Sohn Harri scheint nicht infrage zu kommen, weil er sich lieber in Kneipen und Clubs herumtreibt und das Leben genießt. Es gibt jedoch durchaus ehrgeizige Leute, die sich um den Posten rangeln und einen Aufstand im Land niederschlagen. Unbeeindruckt von den Machtkämpfen ist der trink- und lebensfrohe John. Im Flott’s Club trifft er auf Harri, beide verlieben sich ineinander. Ihre Beziehung ist jedoch kompliziert. Als Harri letztlich den Thron annimmt und John verrät, wird er von John in einem verzweifelten Kampf erwürgt.

Mögliche Vorbereitungen
  • Recherche zu
  • Ewald Palmetshofer: Sankt Falstaff
  • Shakespeare: König Heinrich IV

Außerdem bietet das digitale Programmheft weitere Texte und Interviews zum Thema sowie die Playlist zur Inszenierung unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/sankt-falstaff/165/programmheft

 

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