Momo

Was ist Zeit und wie geht man damit um? Das sind die Grundfragen in Michael Endes märchenhaftem Roman „Momo“. Existenzielle, philosophische Fragen also, die nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene berühren. Dreimal ist der Klassiker bereits verfilmt (zuletzt 2025) und x-mal für das Theater adaptiert worden. Am Jungen Schauspielhaus hat jetzt die Nachwuchsregisseurin Sophie Glaser das durchaus schwierige Thema inszeniert und dabei gute Ideen entwickelt.

Die Grauen (v.li: Christine Ochsenhofer, Silvio Kretschmer, Hermann Book) auf der Jagd nach Momo (Victoria Kraft). Foto: Sinje Hasheider

Die Kritik

Irgendwo aus dem Nichts wispern unverständliche Stimmen. Es scheint, als würde das Geschehen, das sich hier gleich abspielen wird, von übergeordneten Kräften beobachtet, den Grauen Herren vielleicht. Doch noch ist die Bühne leer. Sie zeigt mehrere unterschiedlich hohe, halbrunde weiße Wänden, verspiegelt in den Innenseiten, teilweise durchlässig (Bühne: Nadin Schumacher). Ein zeitlos-kühles Amphitheater, auf dessen Wänden später Projektionen (Video: Leonard Schulz) weitere Räume und Situationen entstehen und dessen Verschachtelung an ein Labyrinth denken lässt. Ein langhaariger Erzähler (Hermann Book) mit Mantel und Koffer tritt von der Seite an die Bühne. „Vielleicht werden manche von euch den Raum mit vielen Fragen verlassen“, sagt er, denn er wird aus dem Gedächtnis eine merkwürdige Geschichte erzählen, die ihm zugetragen worden ist. Eine Geschichte aus der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft. Dann setzt er mit einem leichten Schubs die Drehbühne und damit das Geschehen um Momo in Gang.

Einen eleganten Einstieg in die Inszenierung von „Momo“ hat sich Sophie Glaser, Jahrgang 1994, überlegt. Sie ist mutig genug, Michael Endes Roman für das Junge Schauspielhaus zu Inszenieren. Mutig deshalb, weil es um abstrakte Fragen geht: Was bedeutet Zeit? Wem gehört sie? Michael Ende hat dafür das alters- und elternlose Kind Momo geschaffen. Mehr noch als anderen Kindern ist ihm Zeit egal. Es „vergeudet“ (Erwachsenen-Sprech) sie mit Spielen und Zuhören. Aber von der Zeit leben die Grauen Herren, die den Menschen eine Zeitsparkasse andrehen und ihnen damit Lebenszeit nehmen. Momo wird zu ihrer Widersacherin. Erst mit Hilfe von Meister Hora, dem Hüter der Zeit, und dessen Stundenblume kann sie die Grauen Herren besiegen. 

„Langsam ist schnell“, lautet das Credo der Schildkröte Kassiopeia.

Bei der Lektüre des Romans, den selbst Erwachsene noch als eines ihrer Lieblingsbücher nennen, lässt sich das Problem um das Grundthema, das Wesen der Zeit, leichter erfassen. Jede*r kann im eigenen Tempo lesen oder zurückblättern. Im Theater geht das nicht. Glaser und die Dramaturginnen Stanislava Jević und Sarah Heinzel haben das berücksichtigt, indem sie aus dem Off Erzählpassagen eingefügt haben, die den Handlungsgang erläutern. Das Geschehen ist ausschließlich auf die Drehbühne verlagert, ein Zeichen für das Vergehen von Zeit. Sie stoppt nur in dem Moment, als Meister Hora (Anastasia Lara Heller, auch in weiteren Rollen) die Zeit anhält. (Was im Übrigen nicht ganz konsequent ist, da es in Horas Universum ohnehin keine Zeit gibt). Im Gegensatz zu der hellen Leichtigkeit von Momos Spiel mit den Freunden setzt die Inszenierung das Auftreten der Grauen Herren, hier nur „die Grauen“ genannt (Christine Ochsenhofer, Hermann Book, Silvio Kretschmer, alle auch in weiteren Rollen): Nebel erfüllt die Bühne, die Figuren werden durch Projektionen bedrohlich vergrößert oder vervielfältigt. 

Momo ist bei Victoria Kraft ein ernsthaftes Mädchen, fern von jeder beifallheischenden Niedlichkeit. Ihr glaubt man, dass sie anderen zuhört und sich für sie interessiert. Den gierigen, bulligen Grauen mit ihren aufgepolsterten Anzügen und den schmalen Sonnenbrillen (Kostüme: Maja Beyer) ist so jemand natürlich ein Dorn im Auge. Vor allem dann, wenn einer von ihnen Momos Zugewandtheit erliegt und das Geheimnis seiner Organisation ausplaudert. Dass sein strenger Richter eine lächerliche Figur (aber warum?) ist, enthüllt die Drehbühne: der Richter trägt nur Unterhosen. Tatsächlich komisch ist Parsa Yaghoubi Pour (auch in weiteren Rollen) als in der Hocke watschelnde, stumm kommunizierende Schildkröte Kassiopeia. „Langsam ist schnell“, lautet ihr Credo.

90 pausenlose Minuten dauert diese konzentrierte Inszenierung. Gerade noch durchhaltbar für Menschen ab zehn Jahre, aber eigentlich zu kurz, um das komplexe Geschehen wirklich zu verstehen. Eine Kenntnis des Romans ist in jedem Fall hilfreich. Was sagte der Erzähler noch zu Beginn? „Vielleicht werden manche von euch mit vielen Fragen den Raum verlassen.“  Aber dafür ist Theater ja da. 

Weitere Informationen unter: https://junges.schauspielhaus.de/stuecke/momo

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Was ist Zeit?
  • Wie geht man mit ihr um? 
  • Muss man Zeit sparen?
Formale SchwerpunKte
  • Einfügen von Erzählpassagen aus dem Off
  • Drehbühne als Zeichen für das Vergehen von Zeit
  • Rollenwechsel durch Kostüme
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab Klasse 5/6, ab 10 Jahre 
  • Geeignet für den Deutsch-, Philosophie- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Momo, ein alters- und elternloses Mädchen, lebt in einem Amphitheater und verbringt ihre Zeit mit ihren Freund:innen Beppo Straßenfeger, Nina und Gigi. Da Momo keinerlei Verhältnis zur Zeit hat, kann sie anderen gut zuhören und hat natürlich auch Spaß an ausgelassenen, lang andauernden Spielen. Den Grauen Herren ist sie damit ein Dorn im Auge, da für sie Zeit lebenswichtig ist. Sie ernähren sich von der Zeit der Menschen und beschwatzen sie deshalb, in ihre Zeitsparkasse einzuzahlen. Der Preis dafür ist hoch: Die Menschen werden hektisch, gestresst und verlieren Lebenszeit. Einer der Grauen Herren erliegt aber Momos Charme und plaudert das Geheimnis seiner Organisation aus. Daraufhin wird er verurteilt und die Jagd auf Momo beginnt. Mit Hilfe der Schildkröte Kassiopeia gelangt sie in das Reich von Meister Hora, dem Hüter der Zeit. Der klärt sie  über das Wesen der Zeit auf und gibt ihr mit der Stunden-Blume ein Werkzeug in die Hand,  mit dem sie die Grauen Herren besiegen und den Menschen ihre Zeit zurückgeben kann.

Mögliche Vorbereitungen

Notiert auf einem Zettel: 

  • Womit verbringe ich meine Zeit (schlafen, Schule, Hobbys, soziale Medien, Freund:innen treffen)?
  • Wieviel Zeit verbringe ich mit anderen Menschen?
  • Wieviel Zeit habe ich für mich persönlich?
  • Welche Zeitfresser fallen mir ein?

 

Im Unterrichtsgespräch
  • Zeit haben – was bedeutet das für euch? Ist das positiv oder eher negativ?
  • Womit oder wie würdet ihr gerne eure Zeit verbringen
  • Worauf könntet ihr am ehesten verzichten?
Speziell für den Theaterunterricht
Zeitlupe – Zeitraffer

Die Gruppe geht in Tempo 4 (schnell, zielgerichtet, ohne zu laufen) verteilt durch den Raum. Auf den Hinweis der Spielleitung beginnt ein:e Spieler:in in Tempo 1 (Zeitlupe) zu gehen. 

Dann Wechsel: Die Gruppe in Tempo 1, ein:e Spieler:in in Tempo 4

Zwei Zuschauer:innen beobachten, danach besprechen der Wirkung.

Freezer und Erlöser

Die Spielleitung erklärt, ohne dass die anderen es sehen, einen Spieler/eine Spielerin zum Freezer, zwei Spieler:innen werden als Zuschauer:innen an den Rand gesetzt.

Die Gruppe geht in Tempo 3 verteilt durch den Raum (nicht im Kreis, jede:r sucht sich ein eigenes Ziel, nach Erreichen ein neues usw). Der Freezer mischt sich unter die Gruppe und legt nacheinander (zeitlich nicht zu schnell hintereinander) jedem Spieler/jeder Spielerin die Hand auf die Schulter, so dass diese:r in der Bewegung einfriert und so lange auf in der Position verharrt, bis alle  eingefroren sind.

Danach beginnt der Freezer die Gruppe zu erlösen. Er/sie umkreist eine Person, die wird lebendig und schließt sich dem Freezer an. Beide (gehen hintereinander) umkreisen die nächste Person, die sich ihnen anschließt usw.

Möglich ist es, die Erlöser-Reihen aufzuteilen.

Anschließend Feedback durch Zuschauer:innen 

Billardkugeln (nach List/Pfeiffer)

Die Gruppe geht im Raum umher, beim Gehen stoßen die Personen vorsichtig aneinander und bewegen sich danach in entsprechendem Winkel auseinander, bis sie auf den/die nächste:n stoßen. 

Die Impulse sollten sehr präzise und feinfühlig auf genommen werden.

Jacke anziehen

Die Spielleitung teilt den Kurs in zwei Gruppen (A/B).

Gruppe B schaut zu, Gruppe A stellt sich versetzt auf, so dass alle Teilnehmer:innen gut zu sehen sind, legt vor sich eine Jacke hin und nimmt die neutrale Haltung 3 (Kopf gerade auf den Schultern, Haltung so, als führe ein Faden durch den Körper bis an die Decke). Auf den Impuls eines/einer Spieler:in hin, beginnen alle in gleichem, sehr langsamen Tempo 1 ihre Jacken aufzunehmen und anzuziehen. Alle werden gemeinsam fertig und stellen sich mit angezogener Jacke wieder in die neutrale Position. Nur eine vorher von der Spielleitung ausgewählte Person fängt deutlich später an und versucht nun hektisch mit der Gruppe mitzuhalten. Dabei kann/sollte ihr die Jacke herunterfallen, der Ärmel nicht getroffen werden o.ä..

Wechsel. Gruppe A schaut zu, B spielt

Danach Besprechung der Wirkung

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