Seit 161 Jahren gelten sie als die bösen Buben par excellence. Aber hat mal jemand gefragt, was sie zu all ihren Streichen motiviert hat? Ayla Yeginer hat sich diese Mühe gemacht und für das Ernst Deutsch Theater mit „Max und Moritz“ frei nach Wilhelm Busch eine „Streichgeschichte in sieben Liedern“ geschrieben und inszeniert. Darin lässt sie die beiden Jungs zu Wort kommen und ihre Sicht der Dinge erzählen. Die Produktion arbeitet zusammen mit dem Hamburger Kinderschutzbund und ist ein weiterer Beweis für die neue, engagierte Ausrichtung des Theaters.

Die Kritik
So ein Furzkissen ist doch eine famose Sache. Wenn sich jemand ahnungslos darauf setzt, erschrickt er oder sie zuverlässig, ist peinlich berührt und versucht das Ganze ungeschehen zu machen. Klar, dass alle anderen lachen. Max und Moritz jedenfalls haben schon bei der Vorbereitung des Stuhls im Gerichtssaal einen Heidenspaß und Rune Jürgensens Max kichert dabei (und auch sonst) so ansteckend, dass sich niemand im Publikum dagegen wehren kann.
Ayla Yeginer, Co-Intendantin am Ernst Deutsch Theater, hat Wilhelm Buschs Klassiker „Max und Moritz“ neu gelesen und bei ihrer humorvollen Bearbeitung und Inszenierung die Perspektive gewechselt. Es geht ihr nicht darum, „von bösen Kindern“ zu erzählen, wie es bei Busch in der Einleitung zu den insgesamt sieben Streichen heißt. Sie lässt die beiden Jungs zu Wort kommen und ihre Sicht der Dinge erklären. Dafür versetzt sie das Geschehen in einen Gerichtssaal mit einem Podest in der Bühnenmitte vor einem weißen Gefängnisgitter, hinter dem ein paar Pappfiguren zu sehen sind. Links steht ein dreiteiliger Zeugenstand, rechts ein paar weiße unterschiedlich hohe Stühle für die Kläger:innen. Anna Siegrot, verantwortlich für Bühne und Kostüme, hat die Figuren in Anlehnung an Buschs Zeichnungen mit aufwändigen Kostümen, Masken und Frisuren wie Comic-Figuren ausgestattet. Dabei hat sie nur das weitergedacht, womit Wilhelm Busch 1865 begonnen hat. Die explodierende Meerschaumpfeife des Lehrers Lämpel gilt als „Urknall des Comics“, weiß das sehr informative Programmheft. Yeginer hält sich in weiten Teilen an den Originaltext, wenn die einzelnen Figuren von Witwe Bolte über Schneider Böck bis hin zum Müller – dessen Vorname (Achtung: Witz für Theaterfans!): Heiner ist – von den Taten der beiden Jungs berichten.
Der Spitz wird in den Zeugenstand gerufen.
Zu dramatischen Fanfaren (Musik: Ayla Yeginer) erscheint die Richterin (Nayana Heuer) und fuhrwerkt mit überdimensionalen Händen in den Akten herum, bevor sie die schnell vor Selbstmitleid ins Greinen verfallende Witwe Bolte (Ines Nieri) zu Wort kommen lässt. Ja, ihre Hühner haben sich durch den Streich von Max und Moritz erhängt und mussten gebraten werden. Und der Hund hat auch nicht gehorcht, sondern wollte sich am Festessen beteiligen. Kam hat Witwe Bolte die Klage vorgetragen, treten der für jeden Spaß zu habende Max (Rune Jürgensen) und der coole Moritz (Aaron Brömmelhaup) auf und erheben Einspruch. In einer dem Original angepassten Sprache erzählen sie, wie die Witwe die Augen vor Armut und Hunger verschließt und ihren Hund misshandelt hat. Der Spitz (Dagmar Bernhard) wird dafür sogar selbst in den Zeugenstand gerufen. Dem Schneider Böck (Anatol Käbisch auch als sächselnder Onkel Fritz und Müller) werfen sie die Arroganz vor, mit der er schlechter gekleidete Menschen abwertet. Ganz schlimm wird es bei dem eitlen Lehrer Lämpel (Dagmar Bernhard). Der ist zwar bei der Explosion seiner Pfeife fast zu Tode gekommen, aber das hatten die Jungs nicht beabsichtigt. In einem eher nachdenklichen Song erzählen sie von dessen Prügelstrafen und diktatorischem Unterrichtsstil, dafür wollten sie ihm einen Denkzettel geben.
In eindreiviertel Stunden (Inklusive Pause) werden die Streiche von Max und Moritz neu bewertet, ohne dass Yeginer und ihr mit erkennbarem Spaß spielendes Ensemble eine sauertöpfische Moralkeule auspacken. Es geht darum, dass Kinder und ihre Situation ernst genommen und gehört werden. Und so singen am Ende alle mit Verve davon, dass Kinder ein Recht haben: „Ein Recht, das sein Versprechen hält, für alle Kinder dieser Welt.“
Mit „Max und Moritz“ steht im Ernst Deutsch Theater ein engagiertes, unbedingt sehenswertes Familienstück auf dem Spielplan, dem in der kommenden Spielzeit ein volles Haus zu gönnen ist.
Weitere Informationen unter: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/max-und-moritz-442
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Die Streiche an Erwachsenen und die entsprechenden Motive der Kinder
- Das Recht der Kinder, gehört zu werden
Formale SchwerpunKte
- Comic-hafte Überzeichnung der Figuren in Ausstattung und Spiel
- Einsatz von Songs
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 8 Jahre, ab Klasse 3
- geeignet für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Max und Moritz verüben gegenüber ein paar Erwachsenen aus ihrem Umfeld Streiche, für die sie später auf unmenschliche Weise bestraft werden. Als sie beim Bäcker über den Schlot in die Backstube dringen wollen, fallen sie in den Teig, werden dort zu Bro gerollt und von den Ofen geschoben. Glücklicherweise können sie sich aus dem knusprigen Teig herausfressen. Vom Müller aber, dem sie die Kornsäcke angeschnitten haben, werden sie in die Mühle gesteckt, zermahlen und den Enten zum Fraß vorgeworfen. Diese Taten werden von Max und Moritz im Gerichtssaal aus ihrer Sicht dargestellt und neu bewertet, so dass letztlich nicht sie die Schuldigen sind, sondern die Erwachsenen, die sich nie um diese Kinder gekümmert haben.
Mögliche Vorbereitungen
Lektüre von Wilhelm Busch: Max und Moritz
Im Unterrichtsgespräch:
- Welche Streiche haltet ihr für gelungen? Warum?
- Welche Streiche sind gefährlich und in ihren Folgen nicht durchdacht?
- Wann hört es auf, lustig zu sein? Wo sind die Grenzen von Streichen?
- Wo ist der Unterschied zwischen einem Streich und einer böswilligen Tat
- Wie findet ihr die erwachsenen Figuren (Witwe Bolte, Schneider Böck, Lederer Lämpel, Onkel Fritz, den Bäcker, den Müller)?
- Wie würdet ihr auf diese Erwachsenen reagieren?
- Wie bewertet ihr die Strafe für Max und Moritz?
u.ä.
Speziell für den Theaterunterricht
Szenen in Standbildern
Aufteilung der Streiche an sieben Gruppen.
Aufgabe:
- Überlegt euch, was für euch an eurem Streich am wichtigsten ist.
- Erstellt dazu drei Standbilder; d.h. ihr zeigt die Figuren in einer bestimmten Haltung ohne Bewegung (Freeze). Am besten ist es, wenn ihr Max und Moritz immer auch dabei zeigt.
- Präsentiert die Standbilder nacheinander und trennt sie durch ein „Augen zu!“ voneinander.