Keine Aufstiegsgeschichte

Der gesellschaftliche Aufstieg ist für jeden und jede möglich. Herkunft und soziale Schicht: Egal. Ernsthaft? Die neue Produktion des Ernst Deutsch Theaters sieht das anders. Inspiriert von Olivier Davids gleichnamigen Roman setzt sich „Keine Aufstiegsgeschichte“ mit Armut und deren Folgen auseinander. Kritisch, temporeich, voller Energie und Komik. Ein überraschender, ein großartiger Abend.

Wir sind alle Olivier (v.li: José Barros Moncada, Oscar Hoppe, Tash Manzungu, Nina Carolin, Rune Jürgensen) – Foto: Oliver Fantitsch

Die Kritik

Vielleicht hat er ja zu Hause ein FDP-Parteibuch liegen. Der Typ, blauer Anzug, weiße Turnschuhe, gegelte Frisur (Rune Jürgensen), ist vor den eisernen Vorhang getreten und spricht von „Leistung“ und davon, dass „Würde und Freiheit nicht verschenkt, sondern verdient werden“ müssen. Nur mit Druck könne man es aus dem Prekariat nach oben schaffen. Weil Olivier David genau das gelungen ist, wird ihm an diesem Abend „im Namen des Hanseatischen Kaufmannsbundes“ die Ehrenmedaille am goldenen Band verliehen. Sagt der Anzug-Mann. Er ist eine fiktive Gestalt als Teil der Stückentwicklung von Regisseur Marco Damghani, Autor Olivier David und dem fünfköpfigen Ensemble des Ernst Deutsch Theaters. „Keine Aufstiegsgeschichte“ heißt dieser in jeder Hinsicht mitreißende Abend. Davids 2022 erschienener Roman ist hier nicht für das Theater bearbeitet worden, um dessen Inhalt nachzubeten. Vielmehr diente er als Grundlage für eigene Ideen und Improvisationen. Auf der Bühne ist damit ein Stück erlebte Gegenwart zu sehen und genau das macht es so authentisch. 

Natürlich könnte man zu diesem Thema auch den exten „Woyzeck“ oder die hundertsten „Ratten“ inszenieren.

Davids Roman beschreibt, wie es ist, in Armut zu leben, nicht zu wissen, wie man über die Runden kommt und in einem dysfunktionalen Elternhaus mit einer psychisch kranken Mutter aufzuwachsen. Stress, Gewaltbereitschaft und eine eigene psychische Erkrankung sind die Folge. Natürlich könnte man zu diesem Thema auch den xten „Woyzeck“ oder die hundertsten „Ratten“ inszenieren. Marco Damghani reizt das nicht. Der 33jährige, mehrfach für seine Stückentwicklungen ausgezeichnete Regisseur will sich lieber mit anderen Menschen Gedanken über die entsprechende Situation machen, einen Themenkomplex entwickeln und diesen in Zusammenhang mit der Vorlage bringen.

Am Ernst Deutsch Theater ist „Keine Aufstiegsgeschichte“ auf den Tag der – fiktiven – Medaillen-Verleihung eingedampft, der Schwerpunkt liegt auf der Schilderung des Milieus und der Menschen, mit denen es Olivier zu tun hat. Street Credebility bekommt dieser Abend nicht zuletzt durch die professionellen Rap-Einlagen von José Barros Moncada und Oscar Hoppe, dargeboten auf einer bis in die ersten Reihen des Publikums reichenden Stahlrampe, dahinter rot angestrahlter Nebel. Das Stück oder besser: der Tag gliedert sich in fünf Teile, jede und jeder aus dem Ensemble übernimmt einmal die Rolle des Olivier, gekennzeichnet durch eine silberne Bauchtasche über dem Trainingsanzug (Kostüme: Ragna Hemmersbach). Dieser auf den ersten Blick postdramatische Einfall ergibt im Kontext dieses Abends Sinn. „Ich bin nichts Besonderes“, darum geht es, wie Olivier bei seiner Dankesrede am Ende erklären wird.

„Game Over  – Ja/Nein““

Doch zwischen seiner Rede und der Laudatio liegt ein stressiger Tag voll Zeitnot und anstrengenden Begegnungen. Es beginnt damit, dass Olivier verpennt hat. Ein Podest in der Mitte der Drehbühne dient u.a. als Bett, eine Leinwand zeigt wie in einem Videospiel die an diesem Tag abzuarbeitenden Punkte (Mutter besuchen, Freund Firo anrufen, Anzug für die Verleihung besorgen usw), „Game Over  – Ja/Nein““ signalisiert, dass ein Punkt erledigt ist und Oliviers Rolle weitergegeben wird. Einkaufswagen lassen an abgerockte Supermärkte denken (Bühne: Hugo Gretler), können aber auch als Wohnzimmermöbel bei  der Mutter dienen. Nina Carolins Olivier rattert in einem Affenzahn gegen den eingespielten Verkehrslärm alle Beobachtungen und Widrigkeiten herunter, die ihm bei der S-Bahnfahrt zur Mutter begegnen. Der Stress ist mit Händen zu greifen. Ausgelaugt, als habe man die Luft heraus gelassen sitzt Tash Manzungu als Olivier bei seiner seiner hochgradig nervösen Mutter (großartig überspannt: Oscar Hoppe) und versucht, ihr seine Depression zu erklären. Erfolglos – wie auch seine Anrufe bei Firo (José Barros Moncada), der offenbar in illegale Geschäfte verwickelt ist. Von frustrierten Jugendlichen zerstörte Briefkästen bringen Rune Jürgensens Olivier in Not, weil er einen Brief nicht abschicken kann. Schulden müsste Oscar Hoppes Olivier machen, um sich den vorgeschlagenen Urlaub zu leisten –  die Erwartungen an ihn sind immer zu hoch. 

Statt magengesichtiger Systemkritik bringt dieser Abend mit seinem fantastischen Ensemble durch Rap-Einlagen, flapsige Sprüche, blitzschnelle Dialoge und jede Menge Körpereinsatz Frische und ein lebendiges Gefühl von Gegenwart auf die Bühne. Nicht von ungefähr gab es von dem bemerkenswert jungen Premierenpublikum immer wieder Szenenapplaus oder Zwischenrufe („Genau, Mann!“, „Yo Alter“). Am Ende ist es José Barros Moncada als Olivier, der nunmehr im Anzug vor den eisernen Vorhang gedrängt wird und eine Dankesrede halten muss. Zunächst noch überfordert („Ich hab nichts vorbereitet“) und unsicher von einem Fuß auf den anderen tretend, stammelt er ein paar Worte, steigert sich dann aber in ein leidenschaftliches Plädoyer gegen ein Oben und Unten in der Gesellschaft und für ein Leben, das nicht gestellte Erwartungen erfüllen muss. Das Publikum rast und erhebt sich geschlossen von den Plätzen. 

Das Ernst Deutsch Theater ist gerade auf dem Weg, zu einem der spannendsten Häuser der Stadt zu werden.

Weitere Informationen unter: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/keine-aufstiegsgeschichte-439

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Leben im Prekariat
  • Wut, Stress und Depressionen als Folge
Formale SchwerpunKte
  • Figurensplitting (eine Rolle wird von fünf verschiedenen Darstellenden gespielt)
  • Rap-Einlagen mit Texten zur Situation der Unterprivilegierten
  • Multifunktionaler Einsatz von Requisiten
  • Video-Einspielungen
  • Einsatz von Greenscreeen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 15/16 Jahre, ab Klasse 10
  • Empfohlen für den Politik-, Wirtschafts-, Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Olivier, der in prekären Verhältnissen aufgewachsen ist, hat verschlafen und ist deshalb in Zeitnot. Es ist der Tag, an dem ihm die Ehren-Medaille am goldenen Band verliehen werden soll. Vorher hat er aber noch einiges zu erledigen: Mutter besuchen, einen Brief einstecken, einen Anzug besorgen – und ständig werden ihm dabei Steine in den Weg gelegt. Der Stress nimmt zu, was man von ihm erwartet, kann er nur mit absoluter Anstrengung erfüllen. Kein Wunder, dass er am Abend bei seiner Dankesrede das Bild von einer Welt entwirft, die diese Zwänge und die entsprechenden Konsequenzen (Depressionen, Krankheit) vermeidet.

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu folgenden Themen:

  • Armut in Deutschland (Wer gilt als arm? Wodurch entsteht Armut? Welche Rolle spielen Mieten? Lebenshaltungskosten?)
  • Prekäre Wohnverhältnisse
  • Körperliche und psychische Folgen von Armut
  • Soziale Brennpunkte
  • Verteilung des Vermögens in Deutschland 
In Gruppenarbeit
Aufgabe

Skizziert eine Idee zu einer gerechten Gesellschaft. Begründet eure Entscheidungen.

 

Speziell für den Theaterunterricht
Übungen zum Tempo

Die Gruppe geht in Tempo 3 neutral durch den Raum. Die Spielleitung beginnt das Tempo zu steigern, indem sie mit Klanghölzern o.ä. den Takt vorgibt und dabei immer schneller wird. Die Gruppe darf dabei aber nicht rennen, sondern muss versuchen, das Tempo durch sehr schnelles Gehen zu halten

Variation:

Die Gruppe liegt verteilt im Raum auf dem Boden. Aufgabe ist es, im von der Spielleitung vorgegebenen Takt aufzustehen, Schuhe anzuziehen, eine Tasche zu holen, eine Jacke anzuziehen und einen vorher definierten Ort zu erreichen.

Erstellen einer Szene zum Thema „Überforderung“

Die Spielleitung teilt Vierergruppen ein.

Aufgabe:
  • Überlegt euch mindestens 10 verschiedene Aufgaben, die eine Person erledigen muss.
  • Erstellt eine Szene, in der deutlich wird, dass die Person diese Aufgaben unter Druck setzen (z.B. durch permanentes Reinrufen der Aufgaben in ungeordneter Form, durch schnelle Taktung u.ä.)

Präsentation und Feedback 

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