Tschechow als Vater des Absurden – diese Idee leitet Yana Ross’ kluge Inszenierung von „Die Möwe“ am Deutschen Schauspielhaus. Ein brillantes Ensemble steht ihr dabei zur Seite.

Die Kritik
Kein Blick auf russische Birken, nicht mal auf einen See, der doch als Hintergrund für Kostjas Stück herhalten soll. Statt dessen ein getäfelter, fensterloser Raum mit einem kreisrunden Loch in der Decke. Christoph Marthalers langjährige Bühnenbildnerin Anna Viebrock hätte ihre Freude an diesem Raum, den Bettina Meyer für „Die Möwe“ gestaltet hat. Er hält die Figuren in einer Welt gefangen, aus der es keinen realistischen Ausweg gibt. Sehnsüchtig recken sie manchmal die Arme in Richtung Decke oder besser: zu deren Loch, weil es eine Art von Flucht oder vielleicht Verheißung zu versprechen scheint. Nach der Pause, wenn im Stück zwei Jahre vergangen sind, ist das Loch in der Decke geschlossen und gähnt nunmehr als Abgrund im Boden des Raumes.
Bleischwer liegt ein Leben über ihnen, dessen einzige Gewissheit der Tod ist.
Regisseurin Yana Ross, 1973 in Moskau geboren, in Litauen aufgewachsen und in den USA ausgebildet, spiegelt in ihren Inszenierungen häufig die jeweilige Stadtgeschichte wider. Nicht so in „Die Möwe“, ihrer ersten Arbeit in Hamburg. Die Situation der Figuren ist universell, an keinen Ort und an keine Zeit gebunden. Bleischwer liegt ein Leben über ihnen, dessen einzige Gewissheit der Tod ist. Dadurch wird es absurd, jede Handlung ist im Grunde lächerlich und zum Scheitern verurteilt. Trotz oder gerade wegen dieses tiefschwarzen Hintergrundes hat Tschechow seine Stücke stets als Komödien bezeichnet. Ross gelingt das Kunststück, mit einer Leichtigkeit die Balance zwischen Komik und einer unendlichen Traurigkeit hinzubekommen, die den Figuren innewohnt. Sie schafft einen Rhythmus zwischen gedehnter Zeit (denn es passiert ja eigentlich nichts in diesem Stück) und Tempo, etwa dann, wenn bei einer Party plötzlich alle auszurasten beginnen. Dabei unterstützen vor allem die vom Ensemble gesungenen Popsongs oder Zeilen daraus die Handlung. „We’re on a Highway to Hell“, schmettert beispielsweise Samuel Weiss als verschlampter und bitter gewordener Arzt Jewgeni Dorn. Das klingt erstmal lustig, offenbart aber eigentlich die Gefühlslage aller Anwesenden.
Mascha säuft sich den Alltag mit Wodka schön.
Ross, bekannt für radikale Überschreibungen von klassischen Autoren, hat diese „Möwe“ behutsam bearbeitet. Wie im Original versammelt sie eine Gruppe um die bekannte Schauspielerin Irina Arkadina (Bettina Stucky) auf dem Gut ihres Bruders Sorin (Josef Ostendorf). Wer genau hinsieht, erkennt traurige, gescheiterte Existenzen. Die einen wie Mascha (Henni Jörissen) geben es ganz offen zu. Sie trägt aus „Trauer um mein Leben“ ausschließlich Schwarz und säuft sich den Alltag mit Wodka schön. Andere wie Stuckys Arkadina spreizen sich mit vergangenem Ruhm und einem jungen Geliebten, dem schwadronierenden Erfolgsautor Trigorin (Daniel Hoevels), nur um die Augen vor dem Altern und der Vergänglichkeit zu schließen. Sarkastisch geht es Ostendorfs Sorin an. Er hätte gern in der Stadt gelebt, hat aber – bildlich an einen Rollstuhl gefesselt- , das Dorf nie verlassen und sein Leben nicht gelebt. Auf seinem Gut will Arkadinas Sohn Kostja (Paul Behren) sein erstes Stück aufführen. Bei Behren ist er ernsthafter junger Künstler, der mit seiner „permanent audio-performance“ radikale Wege zu gehen versucht. Er wird aber nicht ernst genommen und verzweifelt. Josefine Israel spielt Nina, die in Kostjas Stück mitwirkt und dringend die Provinz verlassen will, um in der Stadt eine Schauspielkarriere zu verfolgen. Im Gegensatz zu Kostjas Schwermut zeigt sie eine Lebensgier, die durch die Affäre mit Trigorin jedoch Kratzer bekommt. Angelika Richter als Sorin Gutsverwalterin Polina kann sich für alles begeistern, vergisst aber im entscheidenden Moment Namen und Pointen. Ihre Geschichten sind – für das Publikum komische – Rohrkrepierer, die in der Gesellschaft aber nicht recht ankommen. Eine der berührendsten, weil tragisch-komischen Figuren ist der Lehrer Semjon von Pascal Houdus. Im Gegensatz zu allen anderen hat er weder mit dem Gut noch mit Kunst und Literatur zu tun. Er ist immer irgendwie außen vor, findet nie den richtigen Moment, um ins Spiel zu kommen. Sei es, dass er ungelenk die Tai-Chi-Bewegungen von Kostja und Mascha zu imitieren versucht oder beim Tischtennis nicht weiß, wohin mit zwei Schlägern. Oder sei es, dass er immer zum falschen Zeitpunkt vor der von ihm angebeteten Mascha theatralisch mit einem Verlobungsring niederkniet. Oder vollkommen beim Party-Karaoke durchdreht und einen völlig übertriebenen Strip-Dance aufführt, dann aber leider die Hose nicht von den Füßen streifen kann.
Ross und ihr hinreißendes Ensemble behandeln die Figuren liebevoll. Jede von ihnen bekommt die gleiche Wichtigkeit. Sieht man einer zu, verpasst man die Handlung einer anderen. So entsteht ein vielschichtiges, komisch-trauriges Bild von absurden Existenzen. Selten hat man eine derart filigrane, zauberhafte Inszenierung der „Möwe“ in Hamburg gesehen. Ein Muss für alle, die Theater lieben.
Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/die-moewe
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Familiäre und soziale Beziehungen
- Komik im Scheitern
- Absurdität des Lebens
Formale SchwerpunKte
- Gleichzeitigkeit verschiedener Handlungen
- Meist alle Figuren auf der Bühne
- Popsongs als Träger von Handlung, Stimmungen und Gefühlen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 12
- Geeignet für den Deutsch-, Philosophie- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Die bekannte Schauspielerin Irina Arkadina ist mit ihrem jungen Geliebten, dem Erfolgsautor Trigorin, für die Ferien zu ihrem Bruder Sorin aufs Land gefahren. Dort führt ihr Sohn Kostja sein erstes, künstlerisch radikales Stück auf, wird aber von der Mutter nicht ernst genommen und sieht sich als gescheitert. Nina, die in dem Stück gespielt hat und in die Kostja verliebt ist, will unbedingt in der Stadt Schauspielerin werden, deshalb verlässt sie mit Arkadina und Trigorin das Gut. Zurück bleiben Kostja, der Arzt Jewgeni Dorn, Sorin, seine Gutsverwalterin Polina, deren lebensmüde Tochter Mascha sowie der Lehrer Semjon. Als Arkadina nach zwei Jahren mit Trigorin und Nina zurückkehrt, ist aus Kostja ein relativ erfolgreicher Dichter geworden. Als er erkennt, dass Nina trotz ihres privaten Scheiterns (sie hat ein Kind von Trigorin verloren) nicht bei ihm bleiben will, bringt er sich um.
Mögliche Vorbereitungen
Recherche zu
- Anton Tschechow (Biografie und Werk)
- Inhalt und Rezeption von „Die Möwe“
- Yana Ross
Speziell für den Theaterunterricht
Popsongs dienen in dieser Inszenierung als Träger von Handlungen, Stimmungen und Gefühlen. Möglich ist, die Szenen, an denen der Kurs gerade arbeitet, mit Songs zu erzählen oder die unten stehende zu bearbeiten.
Aufgabe:
Entwerft eine Szene, in der ihr mindestens drei ausgewählte Popsongs vollständig singt (oder abspielt) oder Zeilen daraus zitiert, um die Stimmung, die Gefühle einer Person oder die Handlung zu verdeutlichen.
Text
Gekürzt und bearbeitet aus: Heinrich von Kleist: „Die Familie Schroffenstein“:
Zweite Begegnung zwischen Agnes und Ottokar (III,1)
Agnes: Weißt du, wie ich heiße?
Ottokar: Du hast verboten mir, danach zu forschen.
Agnes: Das heißt, du weißt es nicht. Meinst du, dass ich dir’s glaube?
Ottokar: Nun, ich will’s nicht leugnen.
Agnes: Wahrhaftig? Nun, ich weiß auch, wer du bist!
Ottokar: —
Agnes: Ottokar von Schroffenstein.
Ottokar: Willst du…
Agnes: Was meinst du?
Ottokar: … mit mir leben? Fest an mir halten? Dem Gespenst des Misstrauns, das wieder vor mir treten könnte, kühn entgegen schreiten? Kann ich dich ganz meine nennen?
Agnes: Ganz deine; in der grenzenlosesten Bedeutung.
Ottokar: Du weißt, mein Bruder ist von deinem Vater hingerichtet.
Agnes: Glaubst du’s? Mich überzeugt es nicht.
Ottokar: Die Mörder gestanden es selbst. Agnes, denkst du, dass ich darum dich entgelten lassen werde, was dein Haus verbrach? Bist du denn dein Vater?
Agnes: So wenig wie du der deinige – sonst würd ich dich in Ewigkeit wohl lieben nicht.
Ottokar: Mein Vater? Was hat mein Vater denn verbrochen?
Agnes; Er war gereizt, s’ist wahr. Doch dass er uns den Meuchelmörder schickt, das ist nicht groß, nicht edel.
Ottokar: Meuchelmörder? Agnes!
(…)