Die Erfindung meiner Kindheit

„…oder All das, was mir das Leben rettete“ – Es sind vor allem Ehrgeiz, Mut und Fantasie, die das Mädchen und die spätere junge Frau stark machen und ihr eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ermöglichen. Zur berührenden Uraufführung von Stanislava Jevićs Stück im Studio des Jungen Schauspielhauses.

Anastasia (Alicja Rosinski) erinnert sich an die erste Begegnung ihrer Eltern – Foto: Sinje Hasheider

Die Kritik

Wie glücklich sie ist, wie frei! Mit weit ausgebreiteten Armen hält Anastasia (Alicja Rosinski) die jugoslawische Flagge hinter sich und tanzt. Es sind Sommerferien und sie verbringt sie wie immer an der Küste ihrer jugoslawischen Heimat. Ja, solche strahlenden Momente wird es in ihrer Kindheit gegeben haben. Aber eben auch ganz andere. Die dunklen, brutalen, Angst einflößenden. Die tauchen dann auf, wenn die Familie wieder in Deutschland ist. Dort lebt sie in den 80er Jahren im Gastarbeiter-Milieu und fühlt sich nie richtig zu Hause.Diese beiden Pole prägen die Kindheit der Protagonistin aus Stanislava Jevićs Stück: die glücklichen, positiven Seiten und die traurigen, negativen. 

Eine junge Frau blick zurück. „Ich erinnere mich“, sagt sie und im nächsten Satz. „Ich stelle mir vor“. Der Titel „Die Erfindung meiner Kindheit“ verweist auf Fiktion, erhebt gar nicht den Anspruch auf etwas dokumentarisch Gesichertes. Und wer kann sich denn schon Eins zu Eins an frühe Erlebnisse erinnern? Realität und das, was man dazu fantasiert oder sich erträumt, wechseln sich ab, und so ist es auch  bei Anastasia. Dadurch wird ihr Leben und der Umgang mit der Vergangenheit leichter: Da ist die  psychisch kranken Mutter, die die Tochter abtreiben wollte („Du warst ein Unfall“), sie und ihre Schwester bedroht und mit einem Gürtel verprügelt. Da sind aber auch die Momente mit ihrem Vater, der beim Fußball-Gucken immer ihren Fuß in der Hand hielt und streichelte oder die abenteuerlichen Erkundungen in ihrem sechsstöckigen Wohnhaus mit der Freundin Elisabeth. 

„Unsere Familie ist im Ausland zerbrochen wie Glas.“

Jević hat ihren Text selbst im Studio des Jungen Schauspielhauses inszeniert. Alicja Rosinsky als Anastasia mit roten Pumps, Jeans und Sommerkleid darüber (Kostüme und Bühne: Katrin Plötzky) wechselt von der jungen Frau in die Rolle des Kindes. „Unsere Familie ist im Ausland zerbrochen wie Glas. Ich versuche sie zu einem schönen Bild zusammenzusetzen“, stellt sie anfangs ziemlich sachlich fest. Da ist sie die Erzählerin, die zurückblickende junge Frau, die zugibt, etwas zu beschönigen, damit sie ihre Vergangenheit aushalten kann. Und dann beginnt sie zu strahlen, wenn sie von glücklichen Momenten erzählt, oder ihre Augen verdunkeln sich, wenn sie an die Gewalt zu Hause denkt und daran, dass ihre Mutter sie im Krankenhaus einfach alleine gelassen hat und nicht wie versprochen zurückgekommen ist. 

Ein paar Holzkisten verschiedener Größe bergen Erinnerungsstücke wie eine Mini-Version der Kleinen Meerjungfrau, ein Fotoalbum oder den Mantel des Vaters. In ihnen ist aber auch Musik (Martin Baumgartner). das Rauschen des Meeres oder ein anrollendes Gewitter zu hören (Sound, Musik und die entsprechenden Textstellen finden sich übrigens auch auf einer Playlist, die – wenn man ganz nach unten scrollt – unter  https://junges.schauspielhaus.de/stuecke/die-erfindung-meiner-kindheit-15 heruntergeladen werden kann).

Anastasia träumt noch einmal vom Krankenhaus. Diesmal ist sie die Mutter und hält sich selbst als kleines Kind im Arm. Aber sie geht nicht einfach alleine weg, sondern nimmt ihr Kinder-Ich an die Hand und geht mit ihr fort. „Es werde Licht“, strahlt sie. Wann endet ihre Kindheit? 1991, als sie wegen des Krieges nicht mehr in den Sommerferien nach Jugoslawien fahren kann? Oder geht sie immer noch weiter? Sie weiß es nicht. Am Ende dieses 75minütigen Abends bleibt der Eindruck einer jungen Frau, die sich aus eigener Kraft mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und ihre Gegenwart zu gestalten weiß.

Eine nachdenklich stimmende Produktion, die Mut macht.

Weitere Informationen unter: https://junges.schauspielhaus.de/stuecke/die-erfindung-meiner-kindheit-15

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Am unteren Ende der Seite https://junges.schauspielhaus.de/stuecke/die-erfindung-meiner-kindheit-15 finden sich interessante Extras:

  • eine Playlist und
  • aufschlussreichen Konzeptionsnotizen zur Inszenierung

Dazu hat die Theaterpädagogik eine wirklich exzellente Materialmappe zur Vor- und Nachbereitung des Stückes zusammengestellt. Darin:

  • eine genaue Beschreibung des Stückes und dessen Konzeption
  • die Themen des Stückes
  • die autobiografische Arbeit
  • eine Rechercheliste
  • Übungen und Ideen zur Vorbereitung des Theaterbesuchs
  • Anregungen für ein Nachgespräch
  • spielpraktische Übungen für ein Nachgespräch
  • Anregungen und Übungen für eine Schreibwerkstatt.  
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe

ab 15 Jahre, ab Klasse 9/10

empfohlen für den Deutsch- und Theaterunterricht

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