Der Drache

Derzeit heben viele Theater Stücke auf ihren Spielplan, die sich mit autoritären Strukturen, Gewalt und Anpassung beschäftigen. Aus gutem, weil aktuellem Grund. Selten allerdings gelingt eine so pointierte, so satirisch scharfe und dabei so unterhaltsame Inszenierung wie „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz am Ernst Deutsch Theater. 

Endlich Alleinherrscher. Der ehemalige Bürgermeister(Enrique Fiß) und seine Claqueure (v. li: Anatol Käbisch, Aaron Brömmelhaup, Noah Amiri Tomiak) – Foto: Sinje Hasheider

Die Kritik

„Wir wollen nicht verhehlen, dass wir Ihnen heute ein Märchen erzählen“, erklärt der Schauspieler Noah Amiri Tomiak vor dem geschlossenen Vorhang. Märchen, das sind ja Geschichten oft in naiver, auch für Kinder verständlicher Sprache, in denen von wundersamen, scheinbar realitätsfernen Begebenheiten die Rede ist und die  gerade dadurch gesellschaftliche Zustände wie unter einem Brennglas verdeutlichen. Ein Märchen also im Ernst Deutsch Theater, genauer: „Der Drache“ des russischen Dramatikers Jewgeni Schwarz. 1943 verfasst, wurde es bereits nach der ersten Aufführung in Russland verboten, zu doppeldeutig erschien es den Machthabern. Denn das Stück erzählt von einem Drachen, der seit Jahrhunderten eine Stadt unterdrückt und jedes Jahr eine Jungfrau als Opfer verlangt. Die Bevölkerung ist abgestumpft, dass sie schon gar nicht mehr ans Aufmucken denkt. Erst der Ritter Lancelot betrachtet als Neuankömmling die Lage aus einer anderen Perspektive und will den Drachen töten.

Am Ernst Deutsch Theater haben sie dieses Stück in den Spielplan genommen und mit Mona Kraushaar eine versierte Regisseurin gefunden. Allerdings musste sie zwei Wochen vor der Premiere wegen Krankheit ihre Arbeit abgeben. Schweren Herzens, aber Daniel Schütter, Co-Intendant des Theaters und eigentlich als Schauspieler im Ensemble des Stückes, sprang ein, Konzeption und Ausrichtung der Inszenierung standen schließlich schon. Schütters Regie-Debüt ist jedoch bemerkenswert und lässt auf mehr hoffen. 

„Lächeln ist erste Bürgerpflicht.“

Musik (Leitung: Albrecht Ziepert) begleitet die Produktion diskret, untermalt Stimmungen oder kommentiert durch Songs. Eine Figur mit Katzenkopf (Aaron Brömmelhaup) liegt lässig auf einer Mauer und singt melancholisch von besseren Tagen, die vielleicht irgendwann kommen werden. Die Katze hat sich wie der Rest der Bevölkerung an die Unterdrückung gewöhnt und ist so resigniert wie der grau und unbewegt dastehende Charlemagne (Isabella Vértes-Schütter), der Vater der demnächst zu opfernden Jungfrau Elsa (Ines Nieri). Elsa weiß, dass sie sterben wird, sobald sie den Drachen heiratet, aber ihr Gesicht ist zu einem Dauergrinsen gefroren, denn „Lächeln ist erste Bürgerpflicht“, so heißt es in der Stadt. Natürlich pariert sie, wenn der  in Morgenrock und Käppi ausgesprochen schlampige Drache (Noah Amiri Tomiak) sie mit „Elsa, gib Pfötchen!“ zu sich ruft. Staunend verfolgt Lancelot das Spektakel. Elegant gekleidet (Kostüme: Nini von Selzam) und durch den Schauspieler K auch von anderer Hautfarbe als der Rest der Bevölkerung, ist er deutlich als Fremder erkennbar. Lancelot will den Drachen töten, muss aber erkennen, dass dieser nicht fassbar ist, sondern auch als aalglatter Bürokrat (Aaron Brömmelhaup) oder später als zerbrechlicher Greis in langen Unterhosen (Anatol Käbisch) auftritt. Letzterer tritt tatsächlich gegen Lancelot an (feuerspeiend, auf fliegendem Teppich) und verliert. Dann ist Pause und man fragt sich, was jetzt noch kommen kann.

„Lang lebe der Drachentöter!“

Doch dann wird diese bis dahin eher auf Komik setzende Inszenierung (sehr gelungen u.a. die drei trippelnden Freundinnen Tomiak, Brömmelhaup, Käbisch) plötzlich bitterböse. Heinrich, der Sohn des Bürgermeisters (Nayana Heuer) peitscht das Publikum ein. „Lang lebe der Drachentöter!“ skandiert es  ohne nachzudenken auf Befehl und muss gleich darauf peinlich erkennen, dass man nur einem neuen, vielleicht viel schlimmeren Diktator huldigt. Bühnenbildnerin Katrin Kersten hat mit einer dominierenden Doppeltür und roten Bannern zu deren Seiten eine Nazi-Ästhetik geschaffen. Drei kläffende, aus dem Unterboden hervorschauende Kerkermeister mit schwarzen Hundemasken (Tomiak, Brömmelaup, Käbisch) verstärken das Bild. Als Drachentöter gibt sich der hyperaktive, zappelige und von Enrique Fuß genial gespielte Bürgermeister aus. Er lügt, die Lüge wird jetzt salonfähig und als Wahrheit verkauft. Der Bezug zur Gegenwart könnte klarer nicht sein. „Wieso habt ihr euch nicht widersetzt?“, fragt Lancelot am Ende. Gute Frage, darüber sollte man nachdenken. Hier und Jetzt.

Mit „Der Drache“ ist dem Ernst Deutsch Theater eine großartige Inszenierung gelungen, die wirklich alle Altersstufen anspricht. Für Schulklassen ist sie ein unbedingtes Muss – und ein Risiko geht niemand ein, da bis Ende März auch noch die Aktion „Pay-What-You-Want“ (ernst-deutsch-theater.de.) läuft. Also hingehen! Unbedingt!

Weitere Informationen unter: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/der-drache-438

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Diktatur 
  • Resignation und Anpassung
  • Widerstand
  • Fake-News
Formale SchwerpunKte
  • Überspitzung
  • Märchenhaftes Setting
  • Songs als Kommentare
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 14/15 Jahre, Klasse 8/9
  • Empfohlen für Deutsch-, Geschichts-, Politik-, Philosophie- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Ein Drache beherrscht seit Jahrhundert eine Stadt. Jedes Jahr verlangt er eine Jungfrau als Opfer, aber niemand wehrt sich gegen ihn. Zu lange geht das schon so. Außerdem garantiert der Drache der Bevölkerung Schutz und Ordnung. In diese resignierte Welt kommt eines Tages der Ritter Lancelot, ein Nachfahre des berühmten Artus-Ritters. Er will den mehrköpfigen Drachen töten, was ihm tatsächlich auch in einem spektakulären Kampf gelingt. Allerdings wird nicht er als Drachentöter gefeiert, sondern der Bürgermeister. Der erklärt sich zum Helden, obwohl jeder weiß, dass es nicht stimmt, und reißt die Macht an sich, schlimmer noch als einst  der Drache.

Mögliche Vorbereitungen
Recherche zu 
  • Jewgeni Schwarz
  • Situation in Russland 1943/44
  • Struktur und Funktion von Märchen/ Parabeln
Cluster bilden

Die Lehrkraft schreibt folgende Begriffe auf je ein Din-A-3-Blatt und verteilt sie im Raum.

Die Klasse wird in Vierer- oder Fünfergruppen geteilt und je einem Blatt zugeordnet. Dort hat jede Gruppe ca 60 Sek. Zeit zu dem Begriff zu brainstormen und die Ergebnisse auf einem eigenen Zettel zu notieren. Danach ist Wechsel, bis jede Gruppe jeden Begriff erkundet hat.

Begriffe:
  • Ordnung
  • Schutz
  • Unterdrückung
  • Widerstand
  • Anpassung
  • Fake-News

Standbilder

Jede Gruppe sucht sich einen Begriff, zu dem sie ein Standbild erstellen will. Die Standbilder werden der Klasse vorgeführt, ohne dass der entsprechende Begriff vorab genannt wird. Die Klasse muss erraten (erkennen), welcher Begriff dargestellt worden ist.

 

Speziell für den Theaterunterricht
Übung zu „Rebellion“
Den König/die Königin  stürzen

Eine Person, der König/die Königin steht mit dem Rücken zur Gruppe auf der einen Seite des Raumes. Er/sie dreht sich in wechselnden Abständen zur Gruppe. Die Gruppe steht als Reihe auf der gegenüberliegenden Seite und schleicht sich so leise wie möglich an den König/die Königin heran. Sobald er/sie sich umdreht, bleiben alle wie eingefroren stehen. Wer sich bewegt oder irgendwie wackelt wird vom König/von der Königin zurück zur Ausgangslinie geschickt. Die anderen schleichen sich weiter an, bis jemand den König/die Königin berührt und seinen/ihren Platz einnimmt.

Übung zur Macht

Die Gruppe bildet eine Reihe, indem sie sich auf den Boden kauert (auf Knien, mit dem Gesicht nach unten). Der König/die Königin schreitet, an den Händen geführt von zwei Helfer:innen, auf den gebeugten Rücken (Achtung! Nur auf die Schultern oder den Po treten) den Weg entlang. Der Weg wird dadurch verlängert, dass die Personen hinten wieder aufschließen

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