22 Bahnen

„Wir spielen Bücher“, lautet das Motto im Altonaer Theater. Jetzt spielen sie dort den Erfolgsroman „22 Bahnen“ von Caroline Wahl, und – wen wundert’s – das Haus ist vollbesetzt.

Ida (v.li: Marie Stieper), das „Monster“ (Jonas Bonham Neubauer) und Tilda (Alicja Rosinski) – Foto: Caren Detje

Die Kritik

Keine Frage, Caroline Wahl hat ein Händchen für Romane, und sie schreibt wie am Schnürchen. Ganze vier Werke hat sie in drei Jahren veröffentlicht, allesamt erfolgreich. Ihr Debüt „22 Bahnen“ ging durch die Decke, wurde verfilmt, als Hörspiel verarbeitet und ist jetzt auf der Bühne des Altonaer Theaters gelandet. Die heute 31jährige reißt darin zwei große Themen an: die Alkoholabhängigkeit einer alleinerziehenden Mutter und das Coming-of-Age ihrer Tochter, die Verantwortung für die Mutter, vor allem aber für ihre deutlich jüngere Schwester Ida übernimmt. Dass Wahl keinerlei Erfahrungen mit diesen Problemen hat – geschenkt. Was sie erzählt, wirkt glaubwürdig, ihr Stil ist flüssig, unkompliziert und der Roman insgesamt niedrigschwellig. Mit anderen Worten: bestens geeignet für die Lektüre auf der Couch. Aber muss sich eine Bühnenfassung so genau wie möglich an die Vorlage halten?  

Clemens Mägde, im übrigen auch für die eindrucksvolle Musik verantwortlich, hat sich in der Bearbeitung für das Altonaer Theater für eine ziemlich brave Nacherzählung entschieden und Kathrin Mayr folgt ihr in ihrer Inszenierung. Im Zentrum steht mit Alicja Rosinski (noch bis vor kurzem Ensemblemitglied am Jungen Schauspielhaus) eine starke Tilda. Sie rattert die Produkte herunter, die sie an ihrer Supermarktkasse scannt, rennt los und skizziert in Stichworten ihren Weg ins Schwimmbad. Die Musik, anfangs nur das „Pling“ an der Kasse, wird lauter, pulsierender, unterstreicht Tildas Hektik und Anspannung – und dann ist es plötzlich: still. Tilda ist ins Wasser gesprungen. Hier findet sie Ruhe und Ausgleich, hier zieht sie die titelgebenden 22 Bahnen. Ausstatterin Christine Grimm hat aus unterschiedlich hohen, verschiebbaren Blöcken ein türkis gekacheltes Schwimmbad auf die Bühne gestellt. Je nach Ort der Handlung können sie zur Wohnung von Tildas Familie, zum Supermarkt, zur Disco oder eben zum Schwimmbad verschoben werden, unterstützt durch dezente Video-Einspielungen (Frederik Werth) im Hintergrund. 

Das „Monster“ torkelt als riesiges, rosafarbenes Plüschtier auf die Bühne.

Rosinskis Tilda hat massenhaft Text. Sie beschreibt aus der Ich-Perspektive ihren anstrengenden Alltag mit Supermarkt-Job, Studium und der Situation zu Hause, unterbrochen durch kurze Szenen mit Menschen, die ihr begegnen. Da ist vor allem ihre kleine Schwester Ida, die Marie Stiere tatsächlich wie eine gutgläubige, den Worten der Erwachsenen trauende Grundschülerin spielt. Wenn sie sich an Tilda kuschelt oder von ihren Zeichnungen erzählt, in die sie sich flüchtet, wird Tilda ganz weich, ist ganz die verantwortungsvolle große Schwester.  Das Angebot, eventuell eine Promotionsstelle in Berlin anzunehmen, bringt sie in einen Konflikt. Denn Ida müsst dann alleine mit der alkoholkranken Mutter bleiben. Das „Monster“, wie die Mutter im Zustand der Trunkenheit von den Kindern genannt wird, ist im Roman nicht greifbar. In Mayrs Inszenierung torkelt sie als riesiges, rosafarbenes Plüschtier mit tennisballgroßen Augen auf die Bühne, greift nach den Kindern, bleibt aber stumm. Ob es diese Verbildlichung braucht, bleibt die Frage. Rosinskis und Stiepers überzeugendes Spiel hätte Bedrohung, Angst und Wut gegenüber der Mutter auch so getragen. 

Schade, dass sich Mayr zu wenig auf dieses Thema und Tildas Umgang damit sowie ihr Erwachsenwerden konzentriert hat. Ihr wäre ein deutlich eindringlicherer Abend gelungen. Statt dessen versucht sie, so viel vom Romaninhalt zu erzählen wie möglich. Die Geschichte mit Viktor und seinem Bruder Ivan (anrührend in seiner Ruhe: Jonas Bonham  Neubauer, der auch im Monster-Kostüm steckt) und viele Begegnungen mit ihrer durchgeknallten Freundin Marlene, der Schwimmbad-Bekanntschaft Ursula und dem Uni-Professor (allesamt tapfer gespielt von Miriam Schiweck) lenken nur vom Wesentlichen ab und ziehen den Abend auf unnötige zwei Stunden und zwanzig Minuten (inkl. Pause).  Wahl-Fans mögen das anders sehen. Der begeisterte Beifall in der gut besuchten Vorstellung nach der Premiere sprach für sich. 

Weitere Informationen unter: https://www.altonaer-theater.de/programm/22-bahnen/

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Alkoholkrankheit und ihre Auswirkungen auf die Familie
  • Erwachsenwerden
  • Übernahme von Verantwortung

 

Formale SchwerpunKtE
  • Multifunktionales Bühnenbild
  • Verschränkung von Ich-Erzählung und Spiel
  • Mehrfachrollen für einzelne Schauspieler:innen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 15/16 Jahre, ab Klasse 11
  • Möglich für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Tilda lebt mit ihrer kleinen Schwester Ida gemeinsam bei der alleinerziehenden Mutter. Deren Alkoholkrankheit beeinträchtigt das Leben der beiden Schwestern, eine unbelastete Jugend ist ihnen verschlossen. Während Ida sich in Zeichnungen flüchtet und damit versucht, ihre Ängste zu bewältigen, geht Tilda ins Schwimmbad und zieht dort zweiundzwanzig Bahnen. Das Schwimmen ist für sie eine Auszeit aus ihrem stressigen Alltag zwischen Supermarkt-Job, Studium und dem Leben zu Hause. Als ihr von ihrem Professor angeboten wird, sich für eine Promotionsstelle in Berlin zu bewerben, gerät sie in einen Konflikt. Sie hat die Verantwortung für Ida übernommen und kann sich nicht vorstellen, sie alleine bei der Mutter zu lassen. Sie befreundet sich mit Viktor, der ebenfalls ein ein schweres Schicksal durch den Tod seins jüngeren Bruders hat und bespricht ihre Probleme mit ihm. Ida ist damit einverstanden, dass Tilda die Promotionsstelle annimmt. Ob sie das tut, bleibt offen.

 

Mögliche Vorbereitungen
Speziell für den Theaterunterricht
Darstellung von Gefühlen

Die Spielleitung teilt den Kurs in zwei Gruppen A, B. 

Gruppe A: Raumlauf in neutraler Haltung, Tempo 3. Gruppe B gibt nach einem akustischen Zeichen (Klatschen o.ä.) nacheinander Anweisungen zur Darstellung von Gefühlen wie Angst, Freude, Wut etc, die A durch Körperhaltung und Mimik ausdrücken soll. Der Ausdruck soll ein paar Sekunden gehalten werden und nach einem Akustischen Signal wieder aufgelöst werden. Raumlauf bis zur nächsten Anweisung.

Wechsel der Gruppen

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