Der Menschenfeind

Das mit der Kommunikation ist schon so eine Sache. Wer versteht wen wie? Was sage ich wem? Wie ehrlich darf ich sein, ohne zu verletzen? Das komplizierte Thema steht im Zentrum von Jette Steckels kluger Inszenierung von Molières Komödie „Der Menschenfeind“. Auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters steht ein grandios besetztes  Ensemble, das diese Produktion qualitativ an diesem Haus herausragen lässt. 

Kommunikationsprobleme ()v.li: André Szymanski, Maja Schöne, Camill Jammal, Barbara Nüsse, Cino Djavid) – Foto: Armin Smailovic

Die Kritik

Kurze Irritation: Ist das hier jetzt ein HipHop-Konzert? Der blondierte Typ, roséfarbene Rüschenhose und Bomberjacke, stellt sich mit seinem Mikro einfach auf die Bühne und fängt an zu rappen. Dabei haben noch nicht einmal alle Zuschauer:innen ihre Plätze eingenommen. Aber so ist das eben bei dieser Art von Konzerten. „Check in, check out“ – da wird nicht lange gefackelt, da geht’s einfach dann los, wenn der Künstler oder die Künstlerin so weit ist. In diesem Fall ist der Rapper der Schauspieler Ole Lagerpusch, der, wie sich später herausstellen wird, in Molières Komödie „Der Menschenfeind“ den Orgon spielen wird. Eben jenen jungen Dichter, den der Menschenfeind Alceste wegen seiner schlechten Verse verachtet. Lagerpusch gibt jedoch sein Bestes. Bewegt sich in Nebelschwaden mal roboterhaft, mal schlangengleich, animiert sein Publikum wie jeder anständige Rapper mit Aufrufen wie: „Ich will eure Hände sehn!“, „Seid auch laut!“. Das geht so lange, bis er nach vier endlos erscheinenden Songs (Lyrics und Songwriting: UWE) erschöpft am Boden liegt und der am linken Bühnenrand sitzende Livemusiker Matthias Jakisic den nächsten Part übernimmt. Eine römische II erscheint auf dem Gazevorhang, denn Jette Steckel hat ihre Inszenierung von Molières Komödie „Der Menschenfeind“ als Triptychon angelegt. Drei Teile also, die sich mit dem Thema Kommunikation beschäftigen. Spiegelten die leider viel zu langen, fast zwanzigminütigen Raps in Teil I die Lebenswirklichkeit junger Menschen wider, geht es in Teil II um die Kommunikation von Tönen, die grafisch über Video in Grafiken und Emojis umgesetzt werden. Auch das gerät ein wenig lang. Ja, es geht auch hier um Formen der Kommunikation, erschließt sich jedoch wie schon Teil I nicht zwingend in seiner Funktion für diese Koproduktion von Salzburger Festspielen und Thalia Theater.

Gegenüber dem Publikum sind auf der Bühne zusätzliche Zuschauerreihen aufgestellt. 

Aber dann, ja dann geht es los mit Teil III, der tatsächlichen Inszenierung des Stückes. Die Regisseurin hat dabei auf die Übersetzung ihres Vaters Frank-Patrick Steckel zurückgegriffen und diese zusammen mit ihrem Dramaturgen David Heiligers in eine aktualisierte, so intelligente wie komische Fassung gebracht. Gegenüber dem Publikum sind auf der Bühne zusätzliche Zuschauerreihen aufgestellt, die Bühne selbst wird dadurch zu einem hell umrahmten, von zwei Seiten einzusehenden Steg, auf dem sich die Figuren ihren jeweiligen Schlagabtausch liefern (Bühne: Fabian Lösche). Es ist ein Kampf der Worte, ein Kampf zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Aufrichtigkeit und Verbrämung der Wahrheit. Wer schlägt hier wen? Wer gewinnt? Vielleicht ist das die Idee hinter den durchgängig in jeweils einer Farbe gekleideten und geschminkten Schauspielenden, die aussehen wie „Mensch-ärgere-dich-nicht“- Spielfiguren (Kostüme: Pauline Hüners). Im Zentrum steht auberginefarben Alceste. Differenziert zwischen Wut und Verzweiflung spielt André Szymanski diesen Idealisten, der sich der absoluten Ehrlichkeit verpflichtet fühlt und zum Misanthropen geworden ist, weil er bei seinen Mitmenschen Aufrichtigkeit vermisst. Barbara Nüsse als sein vernünftiger Freund Philinte ist ein weiser Mann, der versucht Alceste leise, manchmal resignierend zu mäßigen. Philinte verehrt heimlich die temperamentvolle, begeisternde Éliante (Cathérine Seifert), das gegenseitige Liebesgeständnis gehört in seiner stillen Ehrlichkeit zu den anrührendsten Szenen des Abends. 

„Bitch!“ ist die offensive Kampfansage an die andere Frau.

Alceste verletzt dagegen in seiner direkten Art und das ganz bewusst, wenn es um den Dichter und seinen Rivalen Orgon (Ole Lagerpusch) geht. Der nimmt die Beleidigungen überlegen lächelnd hin. Wie Alceste liebt auch er Célimène, die Maja Schöne als selbstbewusste, lebensgierige junge Frau spielt. Sie flirtet genauso mit Acaste und Clitandre – beide wunderbar komisch bei Cino Djavid und Camill Jammal –  und schert sich den Teufel um irgendwelche Konventionen. Mit Arsinoé geht sie in ein großartig choreografiertes (Wort-) Gefecht (Choreografie: Yohan Stegli). Die Kampfzone markiert Lisa Hagmeisters Arsinoé mit einem schwarzen Band, das sie aufreizend langsam um die Bühne zieht. „Bitch!“ ist die offensive Kampfansage an die andere Frau.Teilweise in Raps liefern sich die beiden Schauspielerinnen einen hinreißenden Kampf, in dem sie ihre Abneigung mal unverhohlen, mal verbrämt zur Schau stellen.

Der 135minütige Abend wird in diesem dritten Teil zu einem grandiosen Fest der Schauspielenden. Ein Abend zum Niederknieen –  oder wie bei der Premiere für stehende Ovationen.

Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/der-menschenfeind/347

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Kommunikation und ihre Probleme
  • Aufrichtigkeit vs diplomatische Sprache
  • Idealismus vs Pragmatismus

 

Formale SchwerpunKte
  • Dreiteilung in Konzert, Video, Theater
  • Figuren als Spielfiguren
  • Bühne als Kampfarena
  • Gebundene Sprache Molières teilweise als Rap
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • ab 17 Jahre, ab Klasse 12 (für interessierte und konzentrationsfähige Kurse)
  • geeignet für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Alceste ist Idealist und ein Verfechter der Ehrlichkeit und Wahrheit. Weil er genau das bei seinen Mitmenschen vermisst, nennt er sich selbst einen Menschenfeind. Undiplomatisch und direkt springt er mit allen in seiner Umgebung um, vor allem mit seinem Rivalen Oronte. Die Verse des jungen Dichters verreißt er aber vor allem, weil seine Angebetete, die selbstbewusste Célimène, auch an Oronte interessiert ist. Célimène gegenüber gesteht Alceste seine Liebe, aber die liebt das Leben, will alles ausprobieren und hat gar kein Interesse, sich an nur einen Mann zu binden. So bleibt Alceste schließlich mit seinem Anspruch auf Ausschließlichkeit allein.

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

  • Komödienbegriff
  • Molière: Der Menschenfeind (Entstehung, Inhalt, Rezeption)
  • Kommunikationsmodellen

Das digitale Programmheft des Thalia Theaters bietet zusätzliche Texte und Interviews zum Stück unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/der-menschenfeind/347/programmheft?tab=266

Speziell für den Theaterunterricht
Unterschiedliche Arten der Körperhaltung
Raumlauf mit Begrüßung. 

Je nach Ansage der Spielleitung erfolgt die Begrüßung in den Levels 1-7:  ökonomisch, neutral (3), relaxed (2), unentschieden (5), neugierig (4), begeistert (6), schlapp (1), überspannt (7).

Körperhaltung und Sprachgestus

Die Spielleitung liest Sätze aus Karten (s.u.) vor, die Gruppe spricht sie entsprechend nach: 

  • Es regnet.  (neutral, Körperspannung 3)
  • Du siehst toll aus.  (verliebt, Körperspannung 4
  • Mir ist nicht kalt. (traurig, Körperspannung 2)
  • Aber das macht doch nichts. (fröhlich, Körperspannung 5)
  • Das geht überhaupt nicht! (wütend, Körperspannung 6)
  • Ich kann das nicht. (angespannt, Körperspannung 7)
  • Alles Mist hier! (schlapp, Körperspannung 1)

Die Karten werden im Raum ausgelegt. Die Gruppe geht durch den Raum und ordnet sich auf Impuls der Spielleitung verschiedenen Karten zu . Der Reihe nach spricht die jeweilige Gruppe im Chor den Satz auf der Karte in der entsprechenden Körper – und Sprechhaltung. Mehrfache Wiederholung.

Erkundung von unterschiedlichen Körperhaltungen und Sprachgestaltungen.

Aufteilung des Kurses in Paare.

Jedes Paar wählt aus  Kartenangebot mindestens drei Sätze und führt damit einen Dialog. Dafür dürft/müsst ihr die Sprech- und Körperhaltung variieren.

Erstellt dazu vier unterschiedliche Szenenmuster:

  • Stellt euch neutral einander gegenüber.
  • Geht beiläufig aneinander vorbei.
  • Stellt euch mit dem Rücken zueinander
  • Kriecht beim Sprechen wie Raubtiere aufeinander zu, umkreist euch. 

Präsentation und Feedback

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