Rückzug und vollständige Isolation, am besten unter der Erde. Grund ist die Angst vor der Außenwelt, vor dem Fremden. Was fühlt, was denkt jemand, der diesen radikalen Schritt vollzogen hat? Wie lebt er? Diesen Zustand beschreibt Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“, Max Simonischek bringt ihn beim Hamburger Theaterfestival eindrucksvoll auf die Bühne.

Die Kritik
Zu sehen ist kaum etwas. Schemenhaft ist auf der Bühne des St. Pauli Theaters nur eine düstere Bretterwand und ein Haufen aus schwarzem Sand zu erkennen (Bühne: Besim Morina, Harald B. Thor). Entfernt hört man ein Wummern, Herztönen nicht unähnlich. Dann schwillt es an, wird bedrohlicher und nimmt schließlich den ganzen Raum ein (Sound: Daniel Freitag). Langsam glimmt eine Glühbirne auf, die einzige Lichtquelle in dieser Finsternis. Sie beleuchtet notdürftig ein Wesen mit blutverschmierter Stirn, wirrem Haar, barfuß und dreckverschmiert. Der Anzug, ehemals wohl in der realen Welt getragen, ist zerrissen (Kostüm: Modedesign Basman), je zwei Finger beider Hände sind mit Tape zu Klauen zusammengebunden. Der Mensch, der dieses Wesen einst war, hat sich weitgehend in Richtung Tier entwickelt. Stolz verkündet es jetzt: „Ich habe den Bau eingerichtet, und er scheint wohl gelungen.“
Das aufrechte Gehen fällt ihm schwer. Er hinkt oder bewegt sich auf allen Vieren wie ein Tier.
Der Schauspieler und Regisseur Max Simonischek spielt dieses Menschentier. 2015 hat er Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“ als Monolog am Theater Neumarkt in Zürich inszeniert, zehn Jahre später wurde die Produktion am Wiener Akademietheater wiederaufgenommen und in diesem Jahr von Nikolaus Besch zum Hamburger Theaterfestival eingeladen. Eine gute Wahl, denn Simonischeks Spiel ist ein Ereignis. In gut einer Stunde führt er durch die Gedanken und Gefühle dieses Menschenwesens, das sich aus der Welt und in einen Bau unter der Erde zurückgezogen hat. Das aufrechte Gehen fällt ihm schwer, er hinkt oder bewegt sich wie ein Tier auf allen Vieren. Seine Sprache ist jedoch komplex und zeichnet ihn als denkenden Menschen aus. Einen Menschen, der paranoide Angst vor der Außenwelt hat. Simonischek, der eben noch ausführlich seinen „Burgplatz“ und die vielen Labyrinth-Gänge beschrieben hat, unterbricht sich plötzlich, horcht in die Stille hinein, glaubt ein Kratzen zu hören und verfällt in panischen Aktionismus. Er beruhigt sich allmählich und erzählt von dem Wunsch, doch noch einmal den Bau zu verlassen und nach draußen zu gehen. Allerdings gebe es dort in der Welt, niemandem, dem er vertrauen kann. „Gut, das erspart Schaden“, befindet er lakonisch.
„Der Bau“ ist wie alle Erzählungen Kafkas eine Parabel. Wer will, kann das Verhalten des Menschentiers auf die aktuelle gesellschaftliche Situation übertragen: die Angst vor dem Eindringen des Fremden, die zu Abschottung und Isolation und letztlich zu Paranoia führt. Aber das Schöne gerade an Kafkas Parabeln ist ja, dass sie nicht nur in eine Richtung deutbar sind, sondern viele Möglichkeiten offen lassen. Simonischek gelingt es, diese Mehrdeutigkeit zu zeigen. Sein intensives Spiel wurde am ersten Abend zu Recht mit nicht enden wollendem Beifall belohnt.