Der Schneesturm

Draußen locken sommerliche Temperaturen, auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters aber tobt „Der Schneesturm“. Theaterkünstler Kirill Serebrennikov nimmt den Titel von Vladimir Sorokins Roman ernst und entfesselt zur Eröffnung des 18. Hamburger Theaterfestivals eine beeindruckende Bilderflut mit sehr viel Schnee. 

Im Schneemobil auf dem Weg nach Langweiler – Foto: Vahid Amanpour

Die Kritik

Dr. Garin hat es eilig. In einem abgelegen Dorf mit dem vielsagenden Namen Langweiler ist eine Epidemie ist ausgebrochen, und er hat die Aufgabe, die Bevölkerung möglichst schnell zu impfen. Das entsprechende Vakzine liegt gut verstaut in seiner Aktentasche. Weil aber nach Langweiler weder Busse noch Bahnen fahren und außerdem ein Schneesturm heraufzieht, ist er auf den Kutscher Perkhusha und sein Schneemobil angewiesen. Der Weg wird zum Ziel. Garin wird zwar nie in Langweiler ankommen, findet aber über surreal erscheinende Begegnungen und Drogen letztlich zu sich selbst.

Kirill Serebrennikov ist seit der Intendanz von Joachim Lux am Thalia Theater dem Publikum für seine überbordenden Inszenierungen mit Musik, Tanz und Spiel bestens bekannt. Beispiele dafür sind Produktionen wie „Der schwarze Mönch“ oder „Barocco“. Am Düsseldorfer Schauspielhaus hat er in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und der KIRILL & FRIENDS Company Vladimir Sorokins Roman „Der Schneesturm“ für die Bühne bearbeitet, Regie geführt und zusammen mit Vlad Ogay Bühnenbild und Kostüme entwickelt. Zur Eröffnung des 18. Hamburger Theaterfestivals hat Intendant Nikolaus Besch die Produktion ans Thalia Theater eingeladen. Dort ist zwar die Bühne deutlich kleiner als auf der Salzburger Pernerinsel, dennoch wird die Wucht dieses Schneesturms deutlich spürbar. Denn der spielt an dem dreistündigen Abend (inkl. Pause) die zentrale Rolle. 

Die gesamte Bühne scheint in Flammen zu stehen.

Geduckt, wie um sich vor Windböen zu schützen, schleicht Felix Knopp als Dr. Garin mit Fellmütze, Stiefeln und dickem Mantel vom Zuschauerraum auf die Bühne. Dort fällt bereits hinter einem Gazevorhang jede Menge Schnee. Allerdings scheint der Kutscher Perkhusha davon eher unbeeindruckt. Filipp Avdeev pennt gemütlich unter seinem Mantel, lässt sich aber unter viel Gebrabbel zur Fahrt nach Langweiler überreden. Das Skurrile sind die winzig kleinen Pferde, die er dafür anspannt. Serebrennikov hat als Schneemobil in die Mitte der Bühne ein drehbares Podest mit zwei gepolsterten Sitzen gebaut und viele kleine Plastikpferdchen darunter gehängt. Garin und Perkhusha setzen sich runde durchsichtige Astronautenhelme auf und los geht die Fahrt. Auf zwei runde Leinwände über der Bühne werden ihre Gesichter projiziert, darüber zeigt ein Video die Fahrt mit Spielzeugfiguren, außerdem werden hier die Titel der insgesamt zwölf Stationen der Reise eingeblendet. Auf einem parallel zur Rampe aufgestellten Steg wird ein schlohweißer Teppich ausgerollt, auf und unter dem ebenfalls weiß gekleidete Mitglieder des Ensembles die Fahrt mit Tanz, Gesang, Spiel, Live-Musik (Malika Maminova)  und einer Live-Kamera (Frol Podlesnyi) begleiten. Avdeev ist als Perkhusha der gleichmütige, etwas phlegmatische, doch durchaus zu Späßen aufgelegte Part in diesem ungleichen Paar. Knopps Garin mahnt halbherzig zur Eile an, denn er merkt, wie er durch die eigenartigen Begegnungen und einen Drogenrausch diese Reise vor allem zu seiner Selbsterkenntnis macht. An einigen Stellen wirken die Dialoge zwischen den beiden Partnern redundant, das Geschehen tritt auf der Stelle. Sicher hätten hier ein paar Kürzungen gut getan. Dann aber nimmt die Handlung wieder Fahrt auf und zeigt gerade in der fünften Szene „Die Hinrichtung“ eine überwältigende Vision, in der Garin in einem Topf mit siedendem Öl zu finden glaubt. Die gesamte Bühne scheint in Flammen zu stehen, disharmonischer Chorgesang von Figuren in Schutzanzügen verstärken das Bild eines Höllenfeuers, das Garin zwingt, sich mit vergangenen Fehlern oder besser: seiner Schuld auseinanderzusetzen. Es ist der erste Weg zur Selbstfindung. 

Ein Kommentar

  1. Die Dialoge z.T. schwer verständlich gemurmelt bzw. gleich auf Russisch, die engl. (!?) am Bühnenrand eingeblendeten Texte kaum lesbar, der Kutscher unerträglich – insgesamt ein primitiver, pseudo-intellektueller Klamauk. Nach der Pause blieb sehr viel Publikum dem zweiten Teil fernnund genoß stattdessen die laue Sommernacht im Cafè. Auch nach der Aufführung keine einzige Stimme, die etwas Gutes zum Stück zu sagen hatte. Einzig das Bühnenbild wurde als interessant beschrieben.

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