Die kleine Meerjungfrau

Was ist das jetzt? Show? Schauspiel? Persönliche Erzählung? Drag? Performance? Mit „Die kleine Meerjungfrau“ haben Regisseur Bastian Kraft und sein Ensemble eine kluge, mitreißende, berührende Mischung aus allem auf die Bühne des Thalia Theaters gebracht. Szenenapplaus und stürmischer Beifall bei einer ganz normalen, vollbesetzten Vorstellung sprechen für sich. 

Auf dem Weg zur Selbstermächtigung (v. li: Die Drag-Queens Olympia Bukkakis und Leona London) – Foto: Kerstin Schomburg

Die Kritik

Schon der Beginn ist anders. Bei vollem Saallicht – noch suchen einige im Publikum ihre Plätze – kommen die sieben Schauspielenden auf die Bühne. In privater Kleidung und ungeschminkt plaudern sie miteinander, lachen, winken jemandem zu. Es ist, als wenn wir sie in ihren Garderoben vor der eigentlichen Vorstellung beobachteten. Tatsächlich verstärkt Peter Baurs Bühnenbild diesen Eindruck: In einer Reihe stehen sieben beleuchtete Schminkspiegel, darunter schwindelerregende Highheels, Perücken, Federboas, Rettungsringe und ein Dreizack, dem Machtzeichen für Neptun (Kostüme: Sophie Reble). Das Licht im Saal verlischt, und mit dem Märchen-Intro „Es war einmal“ beginnt jede und jeder Einzelne eine kurze Einführung in die eigene Geschichte. Jedes Gesicht wird dabei übergroß auf eine Leinwand projiziert (Video: Jonas Link), während dabei Augen und Lippen geschminkt, Perücken aufgesetzt und Kostüme angelegt werden.

Die Produktion „Die kleine Meerjungfrau“ mit dem Untertitel „A Fluid Fairy Fantasy“ ist eine Koproduktion des Thalia Theaters mit dem Schauspielhaus Zürich. Im Januar 2025 fand dort die Schweizer Premiere statt und entwickelte sich schnell zum absoluten Renner. Gleiches gilt offenbar auch für Hamburg. Ein Blick auf die Website des Thalia Theaters weist für die nächsten Vorstellungen bis inklusive Mai nur noch wenige Tickets aus. Julian Greis vom Thalia-Ensemble und Elias Arens waren bereits in Zürich dabei. Für die Hamburger Produktion  hat Kraft Moné Sharifi und Victoria Trauttmansdorff, beide ebenfalls vom Thalia Theater, besetzt und mit Olympia Bukkakis, Judy Ladivina und Leona London drei Drag-Queens aus Berlin und Hamburg engagiert. Gemeinsam haben sie eine Version entwickelt, die „das Flaggschiff Hochkultur“ in Richtung Kiez und Reeperbahn steuert. 

Über Kostüme, Schminke und Glitzer löst sich im Drag die Geschlechterrolle auf.

Andersens Märchen erzählt von einer Meerjungfrau („Wieso eigentlich Jungfrau? Ist doch sowieso egal.“), die einen Prinzen vor dem Ertrinken rettet, sich in ihn verliebt und deshalb zum Menschen werden möchte. Bei einer Hexe tauscht sie ihren Fischschwanz in Beine um, bezahlt dafür mit ihrer Stimme und muss dann trotzdem zusehen, wie der Prinz eine Andere heiratet. Sie, das Wesen zwischen Fisch und Mensch, hat sich für die Menschen und damit für eine Seite, dem Dasein als Frau, entschieden  – und ist gescheitert. Braucht man diese Trennung? Wohl nicht, meinen Kraft und Ensemble. Bei Fischen zum Beispiel schaut man anders als bei den Menschen ausschließlich auf ihr Äußeres, das Geschlecht ist egal. Ähnlich ist es im Drag. Über Kostüme, Schminke und Glitzer löst sich die Geschlechterrolle auf, Grenzen zwischen männlich und weiblich verschwimmen, werden übersprungen. Einfach ist der Weg nicht. Ergreifend sind die Schilderungen von persönlichen Erfahrungen der Drag-Queens („Als ich meiner Mutter gestand, ich sei schwul, antwortete sie mir: Ich hätte lieber gehört, du wärest tot“). Sie beschreiben die schwierige Suche nach der eigenen Identität, das oberflächliche Definiert-Sein für eine bestimmte Seite und die Sehnsucht, daraus auszubrechen. Das gilt nicht nur für Geschlechterrollen, das gilt auch für die Diskriminierung aufgrund von kultureller und nationaler Herkunft. Die iranisch stämmige Moné Sharifi fühlt sich Freunden und Familie im Iran verbunden, lebt aber in Deutschland. Muss sie sich ganz für eine Seite entscheiden? 

Muss man auf die andere Seite wechseln wie die Meerjungfrau? Braucht man Hilfe? Vielleicht. „I need a hero“ – Judy Ladivina performt den Song von Bonnie Tyler im sogenannten Lipsync, passt ihre Mundbewegungen also synchron an die Audiospur an. Aber trotzdem zeigt sich bei ihr keine Hilflosigkeit, sondern Wut. Genauso bei Victoria Trauttmansdorff, wenn sie (selbst!) Bronski Beats „Smalltown Boy“ singt. Denn eines wird klar an diesem schillernden, ironischen, poetischen, melancholischen, grandiosen Abend: wegducken oder sich anpassen ist keine Option. Diese Vorstellung ist eine Feier von Selbstermächtigung und Stolz. Großartig! 

Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/die-kleine-meerjungfrau/176

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Hadern mit Geschlechterrolle
  • Queerness und damit Ausschluss aus Familien und Gesellschaft
  • Transfeindliche Gewalt
  • Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, kultureller und nationaler Herkunft
  • Wege zur Selbstermächtigung
  • Finden der eigenen Identität
Formale SchwerpunKte

Mischung aus Show, Performance, Schauspiel, persönlichen Erzählungen, Drag

Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12
  • Empfohlen für den Biologie-, Theater-, Gesellschafts- und Politikunterricht 
Zum Inhalt

Grundlage ist Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“. Darin errettet eine Meerjungfrau, ein Wesen zwischen Mensch und Fisch, einen Prinzen nach einem Schiffsunglück vor dem Ertrinken. Sie verliebt sich in ihn, den Menschen, und will ihren Fischschwanz gegen Beine eintauschen, um wie er zu den Menschen zu gehören. Eine Hexe hilft ihr dabei, allerdings muss sie dafür mit ihrer Stimme bezahlen. Außerdem gilt: Falls der Prinz sie nicht liebt und heiratet, wird sie zu Schaum im Meer. Tatsächlich endet die Geschichte tragisch, denn der Prinz heiratet eine andere Frau und die Meerjungfrau stirbt. 

Krafts Produktion erzählt anhand des Märchens die persönlichen Geschichten von Drag-Queens und einer iranisch-stämmigen Schauspielerin.

Mögliche Vorbereitungen
  • Lektüre oder ausführliche Inhaltsangabe von Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau
  • Recherche zu Hans Christian Andersen (Leben)

Das digitale Programmheft des Thalia Theaters bietet eine Reihe von Informationen (u.a. ein Interview mit den drei Drag-Charakteren, ein Interview mit Regisseur Bastian Kraft, einen Beitrag der Schwarzen Feministin Alexis Pauline Gumbs) unter:

https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/die-kleine-meerjungfrau/176/programmheft?tab=150

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