Oddos See – Eine irre Fahrt

Odysseus heißt jetzt Oddo, sein Schiff ist die „Heidi Kabel“ und den griechischen Chor ersetzt er mit ein paar Shantys. Nein, an Selbstbewusstsein fehlt es diesem Oddo weiß Gott nicht. Bei seinem Demokratieverständnis ist allerdings noch Luft nach oben. Zu Murat Yeginers „Oddos See – Eine irre Fahrt“, frei nach Motiven von Homer am Ohnsorg Theater.

Oddo mit dem dem Götterboten Hermes bei der verführerischen Kirke (v. li: Isabella Vértes-Schütter, Jannik Nowak, Rabea) – Foto: Oliver Fantitsch

Die Kritik

Der Mann mit der gelben Regenlatzhose weiß, wo er ist und wie man sich hier begrüßt. „Moin“, sagt Nenad Nikolić und stellt sich als Musikanten vor. Ein E-Akkordeon hat er ja dabei. Gleich darauf erscheint mit Jan Paul Werge (zuständig für Komposition und musikalische Leitung) der zweite Musiker und macht ebenfalls deutlich, dass er hier eine Rolle, nämlich die des Diversos, spielt. Gezeigt werden soll die Irrfahrt des griechischen Helden Odysseus, aber, so Werge/Diversos, „wir können uns keinen echten Sturm leisten.“  Das hier ist Theater, und Murat Yeginers Inszenierung versucht erst gar nicht, Illusionen zu schaffen. Statt dessen kommen die Karten auf den Tisch, selbstironisch präsentiert das Theater seine begrenzten Möglichkeiten. Doch dazu später.

„Oddos See – Eine irre Fahrt“ ist der zweite Teil einer, wenn man so will, Trilogie, die als Kooperation vom Ernst Deutsch Theater, Ohnsorg Theater und LICHTHOF noch während der Pandemie konzipiert worden ist. Homers „Odyssee“ schien das geeignete Thema, erlebt deren Held doch die unterschiedlichsten Abenteuer an verschiedenen Orten. Jede der drei Privatbühnen kann sowohl inhaltlich als auch formal eigene Schwerpunkte in einer eigenständigen Produktion setzen. Nur die Bühnenelemente finden sich in jedem der drei Häuser wieder und stellen somit eine Verbindung zwischen den Inszenierungen her, ein Konzept des aus Russland geflüchteten Bühnenbildners Mikhail Zaikonov. 

Ein St-Pauli-Hoodie für den blinden Teiresias im Totenreich des Hades.

Nach „Odyssee oder das Kalypsotief“ am Ernst Deutsch Theater jetzt also „Oddos See – Eine irre Fahrt“ am Ohnsorg. Murat Yeginer, ehemals Oberspielleiter an diesem Haus, hat nach Motiven von Homers Sage ein eigenes Stück verfasst und es mit sieben mitreißenden Schauspieler:innen in wechselnden Rollen- darunter die Noch-Intendantin des Ernst Deutsch Theaters Isabella Vértes-Schütter – und zwei Musikern inszeniert. Es muss ihm einen Heidenspaß gemacht haben, diese schließlich nur mündlich überlieferte Geschichte neu und nach seinem Gusto zu erzählen. Odysseus ist für ihn eigentlich ein vor Selbstbewusstsein strotzender Angeber, der sich jetzt Oddo nennt und nicht oft genug betonen kann, dass er der Held der Geschichte ist. Kühn hält Jannik Nowak (vor kurzem noch Pinneberg in „Kleiner Mann – was nun?“ im Ohnsorg-Studio) seinen gestreckten Körper gegen den Wind. Sein T-Shirt ist mit einem muskulösen Männeroberkörper bedruckt, sein Schiff wird für das Publikum sichtbar auf Rollen über die Bühne gezogen. Wäre der Begriff „augenzwinkernd“ nicht so abgedroschen, er ließe sich hier nicht nur für das Spiel mit den Mitteln des Theaters, sondern auch für die ausgesprochen witzigen Kostüme (Matea Scharmann) verwenden: ein Shirt vom Wacken Open Air für den Matrosen Windigos, ein St-Pauli-Hoodie für den blinden Teiresias im Totenreich des Hades (in beiden Rollen: Linda Stockfleth) oder die drei vergessenen Lockenwickler im Haar der verführerischen Kirke (Isabella Vértes-Schütter). 

Yeginer reißt verschiedene Themen an wie die Frage nach einer übergeordneten göttlichen Macht oder nach der Diversität.

Yeginers Odysseus hat sich von den über Video (Martin Baaß) zugeschalteten Göttern und deren Oberhaupt Zeus (Konstantin Graudus) gelöst, weil sie ihn seit dem Sieg über Troja nun schon jahrzehntelang herumirren lassen und er immer noch nicht nach Hause darf. Deshalb hat er sich selbst umgetauft und  Schiff – es heißt jetzt „Heidi Kabel“ – und  Mannschaft gleich mit.  Tonlossos, Kritikaros oder Diversos mögen als Namen albern klingen, charakterisieren sie aber ähnlich wie die Figuren bei Asterix. Singen kann dieser bunte Haufen auch. Oddo hat die Nase voll vom deklamierenden griechischen Chor. Wann immer seine Truppe damit beginnt, würgt er sie ab und lässt statt dessen Shantys singen.

Yeginer lässt Oddo und seine Mannschaft angelehnt an Homer zum Zyklopen, zum Riesen Polyphem (auf Stelzen über die Bühne staksend und eine Riege von Holzschafen hinter sich her ziehend: Rabea Lübbe) und zu Kirke fahren. Dabei reißt er verschiedene Themen an wie die Frage nach einer übergeordneten göttlichen Macht oder nach der Diversität (Oddo verliebt sich in den als Frau verkleideten Götterboten Hermes) ohne belehrend zu werden. 

Aber was wird mit Oddo, dem Angeber und Frauenheld, wenn ihn die Sirenen verführen wollen? Und wie geht es mit der Mannschaft weiter? Hermes (im Wechsel mit Rabea Lübbe: Cem Lukas Yeginer) ist bei seinem Flug zur Erde an einem, wie er findet, günstigen Ort vorbeigekommen. Oddo wird nach Eppendorf gebracht, das liegt nicht allzu weit weg vom LICHTHOf Theater in Bahrenfeld.  Dort kann dann ja seine Geschichte zu Ende erzählt werden. Premiere ist im Juni.

Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/oddos-see-eine-irre-fahrt/

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Selbstermächtigung gegenüber einer übergeordneten göttlichen Macht
  • Diversität 
  • Demokratieverständnis 
Formale SchwerpunKte
  • Offenlegen der Mittel des Theaters
  • Charakterisierung/Überzeichnung  der Figuren durch Kostüme
  • Verwendung von Plattdeutsch (für Oddo und seine Mannschaft) und Hochdeutsch (für Götter)
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • ab 15 Jahre, ab Klasse 9
  • empfohlen für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Nach dem Sieg über Troja befindet sich Odysseus noch immer auf der Heimreise nach Ithaka. Sieben Jahre hat er schon auf Ogygia bei Calypso verbracht, jetzt irrt er weiter über die Meere. Das hat ihn wütend auf die Götter gemacht, denn er will endlich nach Hause. Da die ihm aber nicht weiterhelfen, sagt er sich von ihnen los und macht sich selbst zum Gott oder wenigstens zum Helden. Er nennt sich jetzt Oddo und führt seine Mannschaft wie ein Herrscher, was diese aber nicht ohne weiteres akzeptieren kann. Schließlich sind die Griechen das Volk, das die Demokratie erfunden hat und Oddo muss daran ab und zu erinnert werden. Oddos Reise führt ihn auf verschiedene Inseln zu den abenteuerlichsten Figuren: dem Zyklopen, dem Riesen Polyphem oder der schönen Kirke.  Und dann lauern da auch noch die verführerischen Sirenen, die ihn vom Weg abbringen wollen. Im Verbund mit dem von Zeus gesandten Götterboten Hermes entscheidet sich die Mannschaft dafür, Oddo erstmal nach Eppendorf zu bringen. Dort soll dann entschieden werden, wie es mit ihm weitergeht.

Mögliche Vorbereitungen
  • Recherche zum Inhalt von Homers „Odyssee“
  • Recherche zum „Trojanischen Pferd“.
Speziell für den Theaterunterricht

Die Spielleitung verteilt die Inhaltsangabe zu den 5. bis 8. Gesängen (s.u.). und klärt vorher, dass Odysseus Troja mit einer List (Trojanisches Pferd) besiegt hat und dadurch zum Helden geworden ist. Der Kurs wird in Vierer- oder Fünfergruppen eingeteilt.

Aufgabe: 

Stellt mindestens vier Aspekte/Szenen aus dem unten stehenden Abschnitt möglichst übertrieben dar. Dafür könnt ihr Kostüme, Requisiten, Gestik und/oder Körperhaltung nutzen. Beim Präsentieren der Szenen darf der Text von einer Spielerin/einem Spieler vorgelesen werden.

Text

Hermes bewegt Kalypso, Odysseus ziehen zu lassen. Dieser verlässt Ogygia auf einem selbstgebauten Floß. Doch am 18. Tag, als (…) eine Nachbarinsel schon in Sichtweite ist, erregt Odysseus’ Widersacher, der Meeresgott Poseidon, einen Sturm, der das Floß zum Kentern bringt. Mit Unterstützung der Nymphe Ino Leukothea kann sich Odysseus mit letzter Kraft schwimmend an die Küste Scherias retten. Er begegnet mit Hilfe Athenes am Strand der Königstochter Nausikaa, die ihm den Weg zum Palast ihrer Eltern weist. Diese nehmen Odysseus gastfreundlich auf.

Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Odyssee

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