Der Tod der Mutter, Schuldgefühle, Wut – all das liefert den Grundton für „Windstärke 17“ von Caroline Wahl. Am Ernst Deutsch Theater hat Co-Intendantin Ayla Yeginer den Erfolgsroman für die Bühne adaptiert und mit einer umwerfenden Hauptdarstellerin inszeniert.

Die Kritik
Natürlich zieht der Name. Erfolgsautorin Caroline Wahl schaffte es vor drei Jahren mit ihrem Debüt „22 Bahnen“ auf die obersten Plätze der Bestsellerlisten, 2025 wurde der Roman verfilmt. Der Nachfolger „Windstärke 17“ von 2024 setzte nicht nur die in dem Erstling begonnene Familiengeschichte, sondern auch die Erfolgsstory der heute 31jährigen Autorin fort. Was war es da für ein glücklicher Zufall, dass Stefan Kroner, Dramaturg am Ernst Deutsch Theater, Wahl im ICE zufällig gegenüber saß, mit ihr ins Gespräch kam und sich am Ende die Rechte an einer Uraufführung für sein Theater sichern konnte. Gemeinsam mit Co-Intendantin Ayla Yeginer hat er eine knapp zweieinhalbstündige Bühnenfassung (inkl. Pause) geschrieben, die die Fans von Wahl, – aber wohl auch die der neuen Intendanz-, scharenweise ins Ernst Deutsch Theater treibt. Jedenfalls ist das Haus einen Tag nach der Premiere fast vollbesetzt. Kurz zur Einordnung: Das Ernst Deutsch Theater ist mit 743 Plätzen das größte deutsche Privattheater. Staatstheater wie die Berliner Schaubühne (428 Plätze) oder das Deutsche Theater (600 Plätze) sind mit deutlich weniger Zuschauern ausverkauft.
Eigentlich will sie zu Tilda fahren, setzt sich dann aber doch spontan in den Zug nach Binz auf Rügen.
Das Schwierige bei der Bühnenfassung von Wahls Roman ist, dass die Ich-Erzählerin Ida vielfach in inneren Monologen spricht. Es geht ja um ihre persönlichen Gefühle, nachdem sie ihre alkoholkranke Mutter mit einer Überdosis tot zu Hause aufgefunden hat. Ausgerechnet an diesem Wochenende hatte Ida mit einer Freundin in Prag ein paar wunderbare Tage verbracht und sich ausnahmsweise nicht um die Mutter gekümmert. Ida fühlt sich verantwortlich, gibt sich die Schuld am Tod der Mutter, empfindet Trauer und gleichzeitig einen riesigen „Wutklumpen“ auf sich, ihre in Hamburg lebende große Schwester Tilda und die Welt an sich. Eigentlich will sie zu Tilda fahren, setzt sich dann aber doch spontan in den Zug nach Binz auf Rügen, denn vom Meer verspricht sie sich Entspannung. Dort angekommen, wird sie von Marianne und Knut, den Besitzern der Kneipe „Die Robbe“, wie eine Tochter aufgenommen, und lernt mit dem DJ Leif einen Mann kennen, der ihre Gefühle ernst nimmt.
Aufbrausend und unkontrolliert wild geht es zu im Inneren von Ida.
Eine stählerne Welle, einer Halfpipe nicht unähnlich, dominiert die Mitte der Drehbühne, das mehrstöckige Gerüst dahinter dient als Kneipe oder Wohnung von Tilda (Ausstattung: Telse Hand). Im Hintergrund sorgen Video-Projektionen (Alexander Yeginer) für Sturmflut-Atmosphäre. Denn aufbrausend und unkontrolliert wild geht es zu im Inneren von Ida (Nayana Heuer). Sie ist das Zentrum dieses Abends, ihre Geschichte wird erzählt, die innere und die äußerlich sichtbare. Heuer stürzt sich in diese Figur, ist rotzig, unverschämt, verzweifelt, wütend und traurig. Ihre Sprache ist die junger Leute („das ist so kacke!“), ihre Erzählung auch für diejenigen nachvollziehbar, die keinen der beiden Romane kennen. Anfangs sehen wir sie mit Rollkoffer und abgeschnittenen Jeans über einer Radlerhose auf dem Weg zum Bahnhof. Die Gegenwart wird durch Erinnerungen unterbrochen, in denen bei der Nennung ihres Namens Tilda (Nina Carolin) mit Ida in einen Dialog und damit ins Spiel tritt. Ähnlich ist es bei Idas Aufenthalt in Binz. Neben der Darstellung ihres Inneren treten die Kneipenbesitzer Knut (warmherzig und pragmatisch: Murat Yeginer) und Marianne (mütterlich und sanft: Dagmar Bernhard) auf, später trifft sie auf Leif (lässig und zurückhaltend zärtlich: K), der sie zu verstehen beginnt. Beide haben zarte, vollkommen umkitschige Momente, die den Furor Idas und der Inszenierung für Momente abmildern. Mehrfache, für das Publikum sichtbare Rollenwechsel (von Carolin, K, Bernhard und Yeginer) lassen weitere Nebenfiguren auftreten oder über sie Werbesendungen einspielen. Wenig glücklich ist es allerdings, die Erklärung von „Metastasen“ auf dem gleichen Niveau anzusiedeln. Doch das sind Kleinigkeiten. Der Abend ist packend bis zum Schluss und wird zu Recht mit begeistertem Beifall gefeiert.
Weitere Informationen unter: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/windstaerke-17-440
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Auseinandersetzung mit dem Tod
- Schuldgefühle
- Selbsthass
- Suche nach Halt und Heilung
Formale SchwerpunKte
- Aufbrechen des Monologs durch Spielsequenzen
- Sichtbarer Rollenwechsel
- Illustration von Berichten durch Requisiten
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11
- Geeignet für Geeignet für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Ida, die Schriftstellerin werden will, aber für ein entsprechendes Studium in Leipzig abgelehnt worden ist, hat ihre alkoholkranke Mutter zu Hause tot aufgefunden. Normalerweise kümmert sie sich täglich um die Mutter, vor allem, nachdem ihre große Schwester Tilda mit ihrer Familie nach Hamburg gezogen ist. Aber an diesem Wochenende war sie mit einer Freundin in Prag gewesen – und ausgerechnet da hat sich die Mutter mit einer Überdosis das Leben genommen. Ida weiß vor Trauer, Schuldgefühlen und Wut nicht wohin mit sich. Sie will zu Tilda nach Hamburg fahren, entscheidet sich am Bahnhof aber spontan für eine Fahrt nach Binz auf Rügen. An der Ostsee verspricht sie sich runterzukommen und neue Kraft zu finden. Tatsächlich trifft sie dort auf Knut und Marianne, Besitzer der Kneipe „Die Robbe“, bei denen sie nicht nur als Kellnerin jobben, sondern auch wie eine Tochter wohnen kann. Sie beginnt ein strukturierteres Leben zu führen und lernt mit dem DJ Leif einen jungen Mann kennen, in den sie sich verliebt.
Mögliche Vorbereitungen
Caroline Wahl: Windstärke 17 (Lektüre oder genaue Inhaltsangabe)
Speziell für den Theaterunterricht
llustration von gesprochenen Texten durch Requisiten oder Darstellungen mit dem Körper
Die Spielleitung verteilt unten stehenden Auszug aus „Windstärke 17“ an den Kurs und teilt Vierergruppen ein.
Aufgabe
- Erstellt eine Szene, in der eine(r) den Erzähltext von Ida vorliest, die anderen ihn durch Gesten, Bewegungen und/oder Requisiten illustrieren.
- Überlegt, wie ihr Ida und die übrigen auf der Bühne verteilt.
- Überlegt, wie aus der Erzählung heraus der Dialog Tilda-Ida gespielt werden kann (Gibt es eine andere Ida? Von von tritt Tilda auf? Wie wird deutlich, dass es sich um sie handelt?). Der Dialog sollte frei gesprochen werden.
Präsentation und Feedback
Text
Mit meinem MacBook im Rucksack, meinen Lieblingsklamotten
in Mamas marineblauem Hartschalenkoffer, AirPods in den Oh-ren und der gefalteten Kündigung in der Bauchtasche trete ich aus dem Haus in der Fröhlichstraße 37, das nicht mehr mein Zuhause ist. Der Koffer rollt nicht richtig, der Griff ist nicht ausziehbar, und ich habe das Gefühl, einen Plastikklotz hinter mir herzu schleifen. Tragen ist zu schwer und meine Schulter noch verletzt von der Sache mit dem Schrank. Eigentlich würde ich am liebsten rennen und bereue, dass ich nicht meine große Schwimmtasche genommen habe, die ich immer benutze, wenn ich unterwegs bin. Aber ich musste mich entscheiden, und ich bereue sowieso stets jede Entscheidung, die ich treffe. Ich frage mich, von welchen Reisen der Koffer so abgewetzt ist. Mama hat ihn nie benutzt, seit ich da bin. Tilda war mit Mama und ihrem Vater mal mit dem Auto in Südfrankreich, da war sie zehn oder so. Aber davon wäre er ja nicht so beschädigt. Ich ziehe mein Smartphone aus der Bauchtasche.
Ich: Dieser marineblaue Koffer
Ich: Hat Mama den damals mit nach Frankreich genommen?
Tilda: ?
Ich schicke ihr ein Foto.
Tilda: nein
Tilda: bist du unterwegs?
Tilda: wann kommst du an?
Tilda: ida, du kommst aber?
Tilda mit ihren tausend Fragen macht mich so wütend.
Aus:https://info3-shop.de/wp-content/uploads/2024/06/Leseprobe_Windstaerke-17.pdf