Ein KI-Kind! Ganz nach Wunsch programmiert! Völlig stressfrei, macht keine Umstände und wird dazu noch direkt ins Haus geliefert! So ein Kind ist Konrad. Leider kommt er bei der falschen Adresse an. Aber wieso eigentlich leider? Zu Ann-Cathrin Sudhoffs unbedingt sehenswerter Inszenierung von Christine Nöstlingers „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“ am Hamburger Sprechwerk.

Die Kritik
Berti Barlotti (Seraphine Rastl) ist eine ziemlich unkonventionelle Person. Sie ist nicht mehr zwanzig, aber egal. Altersgerechte Aufmachung interessiert sie nicht. Bunte Hosen, noch buntere Schuhe, dazu ein wallendes Kleid, blau geschminkte Augen und knallrote Wangen – das ist ihr tägliches Outfit, das sie mehr oder weniger kritisch im Spiegel überprüft und dabei mit sich selbst redet. Aufräumen gehört nicht zu ihren Königsdisziplinen, deshalb ist der kleine Küchentisch vollgestellt (Bühne: Sonja Zander). Hinzu kommen Dinge, die sie sich im Internet bestellt, ob sie diese nun braucht oder nicht. Mit dem riesigen blauen Fass, das der Paketbote fluchend die 120 Stufen zu ihrer Wohnung hochgeastet hat, hat sie allerdings nicht gerechnet. Und schon gar nicht mit dessen Inhalt. Denn kaum hat sie den Deckel abgehoben, erscheint eine Hand und wenig später das ganze Kind. „Guten Tag, Mutter“, sagt es und stellt sich als Konrad vor.
1975 veröffentlichte Christine Nöstlinger ihr Kinderbuch „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“. Wer jetzt Ann-Cathrin Sudhoffs Bühnenfassung und Inszenierung am Hamburger Sprechwerk erlebt, glaubt kaum, dass der Klassiker bereits fünfzig Jahre alt ist. Sudhoff hat den Text nur behutsam aktualisiert (Konrad ist KI generiert, er trägt einen eingebauten Chip, das zu erlernenden Slang-Vokabular gehört zum Umgangston auf Schulhöfen), die Themen sind jedoch nach wie vor aktuell: Warum kann eine alleinstehende Frau nicht Mutter eines Kindes sein? Was ist daran merkwürdig, wenn Mädchen Jungen beschützen wollen? Und wie wichtig sind ein festgelegtes Regelwerk (keine Süßigkeiten nach dem Abendessen, spielen nur in davor vorgesehenen Orten) oder gesellschaftlich anerkannte Tugenden wie Fleiß, Gehorsam, Ordnungsliebe?
„Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen“
Temporeich und mit einem geschickt aufgebauten Spannungsbogen erzählt Sudhoff mit ihrem bestens aufgelegten Ensemble die Geschichte von Konrad. Johan Richter spielt ihn zunächst als einen auf „Kind“ programmierten Roboter: gezirkelte Bewegungen, maskenhaftes, ins Gesicht getackertes Grinsen, runde Augen und akkurate, auch die Endsilben berücksichtigende Sprechweise. Brav spult er ab, was ihm in der Fabrik und in den dortigen „Schuldgefühlsstunde“ eingetrichtert worden ist. „Sollte man“ und „sollte man nicht“ gehören zu seinem Standardvokabular. Damit ist er zwar das totale Gegenteil zu der lebensfrohen, jedwede Regel ignorierenden Berti, aber sie hat keine Probleme damit, diesem merkwürdigen Kind die – von der Fabrik im Begleitschreiben geforderte – Zuneigung zuteil werden zu lassen. Der biedere, auf Formen bedachte Apotheker Egon (Frank Roder) dagegen, findet so ein angepasstes Kerlchen natürlich perfekt und beansprucht gleich die Vaterschaft für sich. Klar, dass es zum Streit zwischen Berti und Egon über Erziehungsfragen kommt (dazu Konrad: „Eltern sollten sich eigentlich gut vertragen. Das ist besser für die Kinder.“). Irgendwann wird jedoch klar, dass Konrad an die falsche Adresse geliefert worden ist und an seine rechtmäßige Besitzerin überstellt werden soll. Aber Berti und Egon wollen Konrad behalten, ebenso die erfrischend unkonventionelle Nachbarstochter Kitty (Charlotte Durbass). „Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen“, sagen sie sich und erziehen Konrad um: Aus dem angepassten KI-Kind wird ein rebellischer Junge mit Gefühlen, der auch bemerkenswert gut fluchen kann.
Die 75minütige Vorstellung ist ideal für Kinder ab 10 Jahre und gibt jede Menge Anlass zu Nachgesprächen. Wer kann, sollte sie sich unbedingt ansehen.
Weitere Informationen unter: https://sprechwerk.hamburg/produktionen/konrad-oder-das-kind-aus-der-konservenbuchse
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Hinterfragen von festgelegten Rollenbildern (alleinstehende Frauen als Mütter, Mädchen können auch Jungs beschützen)
- Hinterfragen von gesellschaftlich anerkannten Konventionen und Tugenden
- Hinterfragen von programmierten Wunschwesen
Formale SchwerpunKte
- Realistisches Spiel
- Roboterhafte Bewegungen und Sprechweise
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 10 Jahre, ab Klasse 5/6
- Empfohlen für den Deutsch- , Theater- und Ethikunterricht
Zum Inhalt
Eines Tages bekommt die unkonventionelle und allein lebende Berti Bartolotti ein blaues Fass geliefert, das sie eigentlich nicht bestellt hat. Trotzdem nimmt sie es an und öffnet es. Zu ihrer Überraschung klettert ein siebenjähriger Junge heraus, der sich als Instant-Kind mit Namen Konrad vorstellt. Konrad ist programmiert, brav, pflichtbewusst, fleißig und ordnungsliebend. Damit entspricht er ganz den Idealvorstellungen von Bertis Freund, dem Apotheker Egon, der sich zu Konrads Vater erklärt und bei der Erziehung des Jungen Mitsprache beansprucht. Konrad fällt in der Schule durch seine übermäßige Intelligenz auf und wird deshalb geärgert, aber die Nachbarstochter Kitty hilft ihm, sich zu wehren. Dafür muss Konrad lernen, zu schimpfen und auch mal zu schubsen, also genau das Gegenteil von dem zu tun, wofür er programmiert worden ist. Als die Fabrik bemerkt, dass sie ihn falsch ausgeliefert haben, will sie ihn zurückholen. Aber natürlich will man nur das ursprüngliche Instant-Kind und keines, das rebellisch ist und fluchen kann.
Mögliche Vorbereitungen
Christine Nöstlinger: Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse (kurzer inhaltlicher Überblick)
Speziell für den Theaterunterricht
Roboter
Die Gruppe liegt verteilt auf dem Boden. Die Spielleitung gibt folgende Anweisung:
Zu jedem Klopfen/Klatschen (am besten mit Klanghölzern) macht ihr eine Bewegung (=Toc), um aufzustehen, so dass das Aufstehen aus einzelnen, abgehackten Bewegungen entsteht.
Wenn alle stehen:
Bewegt zum Klopfen/Klatschen den Kopf nach links; nach dem nächsten Klatschen/Klopfen wieder nach vorne, dann nach rechts, dann wieder nach vorne.
Dann: Gehen in Tocs, d.h. zu jedem Klopfen/ Klatschen einen Schritt machen.
Variationen: Mit Hilfe des vorgegebenen Rhythmus über das Klatschen/Klopfen können auch Grimassen geschnitten und andere Bewegungen ausgeführt werden. Wichtig ist, dass jede Bewegung, jede Mimik isoliert ist.
Ann-Cathrin Sudhoff hat für ihre Inszenierung ein paar besondere Übungen bereitgestellt:
Was ist in der Dose?
Als es klingelt und der Postbote die riesige Konservendose liefert, ist Berti Bartolotti ziemlich überrascht. Sie fragt sich, was sie da wohl bestellt hat – sie liebt es nämlich, allerlei Dinge zu bestellen.
Oft hat sie schon ganz vergessen, was sie überhaupt bestellt hat, wenn das Paket schließlich ankommt. Da auf der Dose kein Etikett ist, rätselt Frau Bartolotti, was es wohl sein könnte.
Euch fällt bestimmt auch einiges ein, was in so einer Dose sein könnte.
Übungsanleitung für Lehrer*innen:
Alle Schüler:innen stellen sich in einem Kreis auf. Eine Person
beginnt das Spiel, nennt einen Gegenstand, der in Dosen verpackt ist (z. B. Erbsen), geht dabei auf eine andere Person im Kreis zu und nimmt ihren Platz ein. Die angesprochene Person nennt nun einen andern Gegenstand, der ebenfalls in Dosen verpackt sein kann, geht wiederum auf eine andre Person im Kreis zu und nimmt deren Platz ein. So geht das Spiel reihum weiter. Nach Möglichkeit sollte kein Gegenstand doppelt genannt werden.
Stell dir vor: Konrad kommt in einer riesigen Dose
an!
Er ist so groß und schwer wie Du! Der Paketbote muss sich richtig anstrengen, um die Kiste zu Frau Bartolotti zu bringen. Aber auf der Bühne muss ein Schauspieler keine echte schwere Kiste tragen – er tut nur so, als ob. Das könnt ihr auch mal ausprobieren!
Und so geht’s:
Im Raum stehen verschiedene schwere Dinge – zum Beispiel eine Wasserflasche, ein voller Schulranzen oder ein Bücherkoffer.
Geht herum, probiert aus, wie schwer die Sachen sind und wie ihr sie am besten tragen könnt.
Achtet darauf:
• Wie hebt ihr die Gegenstände am besten hoch?
• Wie schnell könnt ihr damit gehen?
Wenn ihr genug geübt habt, macht ihr in der Mitte des Raumes eine Gasse. Jetzt trägt jede:r nacheinander einen unsichtbaren Gegenstand durch die Gasse. Die anderen raten:
• Was trägt die Person wohl?
• Ist es leicht oder schwer?