Der zerbrochne Krug

Sexuelle Übergriffe, Erpressung, Vertuschung – „Der zerbrochne Krug“ liefert genügend Themen, die bis heute relevant sind. Nicht von ungefähr ist Kleists Lustspiel in sechs Bundesländern Abiturthema und deshalb auch in den Spielplänen zahlreicher Bühnen zu finden. Lilja Rupprechts Inszenierung am Hamburger Thalia Theater will unbedingt den Bezug zu aktuellen Diskussionen herstellen, verirrt sich aber oft in platter Symbolik.

Dorfrichter Adam (im Video: Jannik Hinsch) versucht Eve (Nellie Fischer-Benson) einzuschüchtern. – Foto: Katrin Ribbe

Die Kritik

Düster und neblig ist es auf der Bühne. Mit dem Rücken zum Publikum steht breitbeinig und selbstbewusst Eve (Nellie Fischer-Benson) und beobachtet, wie ein stolpernder, hinkender Mann davonrennt, hinfällt, lacht. Zu hören sind nur einzelne Trommelschläge, ein paar klagende Töne (Livemusik: Fabian Ristau) und keuchende Atemzüge. Mit dieser Anfangsszene macht Lilja Rupprecht in ihrer ersten Inszenierung am Thalia Theater klar, dass Eve in Kleists Drama nicht das Opfer, sondern eine starke Frau ist. Wer wegrennt wie der Richter Adam (Jannik Hinsch) ist der Unterlegene. So weit, so beeindruckend. Es geht der Regisseurin offenbar darum, die aktuelle Diskussion um sexuelle Gewalt aufzugreifen und den Spieß im Sinne der Frauen umzudrehen. Die Scham muss die Seiten wechseln, hatte Gisèle Pélicot gefordert, als sie im Prozess gegen ihren Mann öffentlich aussagte. 

Erstaunlich, wie „Der zerbrochne Krug“, ein Stück vom Beginn des 19. Jahrhunderts, bis heute relevante Themen aufgreift: Es geht um sexuelle Übergriffe, Verleumdung, Vertuschung, Macht und das Klammern an Positionen. Ausgangspunkt ist der zerbrochene Lieblingskrug von Frau Marthe Rull (hart und uneinsichtig: Irene Kugler). Damit erscheint sie vor dem Dorfrichter Adam und nimmt ihre Tochter Eve gleich mit. Denn die hat womöglich ihre Unschuld verloren, als derjenige, der den Krug zerstört hat, bei ihr im Zimmer war. Verdächtigt wird Eves sich heftig wehrender Verlobter Ruprecht (Sinan Güleç spielt ihn mit mühsam gezähmter Wut). Adam ist allzu schnell bereit, ihn zu verurteilen, damit die Sache nicht weiter untersucht und er als der Schuldige enttarnt wird. Seine Blessuren an Gesicht und Beinen sowie seine verlorene Perücke könnten ihn überführen, aber die Dorfbewohner übersehen das geflissentlich. Jannik Hinsch ist äußerlich das Gegenbild zu Kleists Adam: Mit seinen langen Haare ist er weder kahlköpfig, noch hat er einen Klumpfuß. Außerdem ist er jung und durchaus jemand, in den man sich verlieben könnte. Sein Adam ist ein Machtpolitiker, der glaubt, sich alles erlauben zu können. In dem Prozess, beobachtet vom Utrechter Gerichtsrat Walter (mit kurzen blonden Haaren und Trenchcoat wie eine „Tatort“-Kommissarin: Rosa Thormeyer), wird es jedoch eng für ihn. Vor allem dann, als Frau Brigitte (Bernd Grawert) ihre Beobachtungen  – eigenartigerweise in einer Art Voodoo-Tanz – preisgibt und schließlich Eve erklärt, dass es Adam war, der bei ihr gewesen ist. Für Schreiber Licht (bei Thomas Niehaus ein aufmerksamer Spitzel, der nur auf seine Chance wartet) ist das der Moment, Adams Robe und damit still dessen Amt zu übernehmen. 

In Adams Bett finden merkwürdigerweise große Teile der Gerichtsverhandlung statt.

„Er ist’s. Er ist’s“, wiederholt Fischer-Benson so lange, bis nach und nach alle anderen die Bühne verlassen haben. Erst schief, dann immer aggressiver werdend, singt, nein brüllt sie „You don’t own me“, Lesley Gores Song aus den 60er Jahren in Richtung des übergroß projizierten Konterfeis von Richter Adam. Damit greift sie das Bild der starken, selbstbestimmten Frau der Anfangsszene auf. Rupprecht hätte es bei diesen Andeutungen belassen können. Aber es genügt ihr nicht. Ihre plakativen Einfälle zur Symbolik banalisieren das Spiel des in allen Rollen großartigen Ensembles. Eve geistert teilweise mit zugeklebtem Mund (sie ist ja zum Schweigen verdammt) über die Bühne, in einem paradiesisch anmutenden Garten isst – Achtung: Sündenfall! – erst Ruprecht, der Eve ungerechterweise als „Metze“ beschuldigt, dann Eve einen Apfel. Damit auch alle mitbekommen, dass es hier um etwas Teuflisches geht, singt Bernd Grawert „Sympathy for the Devil“, und eine Figur mit dunkelroter Teufelsmaske bedient im Kiosk. Der befindet sich auf einem verschiebbaren Podest an der Seite eines kirchenartigen Gebäudes, in dessen Innenraum Videokameras Adam oder andere Figuren filmen und an die Außenwände projizieren können. Auf der Rückwand finden sich rotierende  Waschmaschinen (Adam muss ja seine verschmutzten Klamotten reinigen), darunter Adams Bett, in dem merkwürdigerweise große Teile der Gerichtsverhandlung stattfinden (Bühne: Christina Schmitt). Der Prozess läuft auch weiter, wenn sich die Beteiligten an der Kioskwand, im Turm oder im Garten aufhalten. Zwingend erschließen sich Bühne und die Stellung der Figuren nicht, gelungen sind dagegen Projektionen der Livekamera (Video: Moritz Grewenig, Livekamera: Sibel Bicer), die Dorftrichter Adam mit Gerichtsrat Walter in einer Bar zeigen und damit den Verdacht von Kungelei nähren.

Es bleibt der Eindruck eines gut gemeinten, aber (über)ambitionierten Abends. Abiturklassen dürfte er genügend Diskussionsstoff liefern. 

Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/der-zerbrochne-krug/172

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Sexuelle Übergriffe
  • Falsche Beschuldigungen
  • Klammern an der Macht
  • Vertuschung 
  • Weibliche Selbstermächtigung
Formale SchwerpunKte
  • Livekameras und Videoprojektionen
  • Songs zur Verdeutlichung der Aussage
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11
  • Empfohlen für den Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Frau Marthe Rull erscheint mit einem zerbrochenen Krug vor Gericht. Um den Krug geht es ihr allerdings weniger als um die womöglich verlorene Ehre ihrer Tochter Eve. Denn derjenige, der den Krug zertrümmert hat, war nachts bei der Tochter im Zimmer. Frau Marthe beschuldigt Eves Verlobten Ruprecht, der sich aber heftig dagegen wehrt und statt dessen Eve als Metze (Hure) bezeichnet. Dorfrichter Adam ist nur allzu bereit, Ruprecht schnell zu verurteilen, denn er selbst war nachts bei Eve. Vordergründig ging es um ein Schreiben, dass Ruprecht vom Militärdienst befreien sollte. Tatsächlich aber wurde Adam übergriffig und verschwand erst fluchtartig aus dem Fenster, als er draußen jemanden hörte. Dabei war der Krug zu Bruch gegangen, Adam selbst wurde verletzt und verlor seine Perücke. Das alles darf natürlich nicht ans Licht kommen, weshalb Adam den Prozess schnell beenden will. Aber der aus Utrecht angereiste Gerichtsrat Walter beharrt auf die Einhaltung der Regeln, so dass Adam schließlich überführt wird.

Mögliche Vorbereitungen
  • Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug (Lektüre)
  • Recherche zu: Heinrich von Kleist: Leben und Werk
  • Das digitale Programmheft bietet umfangreiches Material (u.a. Überlegungen zum Pélicot Prozess, Interviews mit der Aktivistin Lilian Schwerdtner und Luisa Neubauer, Auszüge aus Kleist „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ und „Über das Marionettentheater“, Interview mit Jens Bisky über Kleist) unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/der-zerbrochne-krug/172/programmheft
Speziell für den Theaterunterricht
Aktualisierung einer Szene über die Sprache
  • Die Spielleitung wählt eine Szene aus Kleists Original aus und verteilt sie an den Kurs. Entsprechend der Rollen werden Kleingruppen eingeteilt mit der Aufgabe:
  • Lest euch den Text genau durch und einigt euch, wer welche Rolle übernimmt.
  • Lest diese Rolle mehrmals und versucht sie dann aus dem Gedächtnis in eurer Sprache wiederzugeben. 
  • Probt die Szene mit eurem neuen Text. (Zeit: 20 Min max)
  • Präsentation und Feedback

Szenen zu Heinrich von Kleist: Der zerbrochen Krug unter: https://projekt-gutenberg.org/authors/heinrich-von-kleist/books/heinrich-von-kleist-der-zerbrochne-krug/chapter/2/

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