Das Schiff

Gestohlene Diamanten, eine ermittelnde Kommissarin, ein zwielichtiger Kapitän und jede Menge Liebeswirrnisse – all das ist in „Das Schiff“, der aktuellen Produktion von Nesterval, zu erleben. Das immersive Theaterstück findet im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel statt, wie immer bei dieser Gruppe an einem ungewöhnlichen Ort. Diesmal ist es die MS Stubnitz.  

Der zwielichtige Kapitän (Chris Pfannebecker) auf der MS Stubnitz – Foto: Fabian Hammerl

Die Kritik

Die queere Theatergruppe Nesterval aus Wien hat sich in Hamburg dank der Einladungen zum Sommerfestival auf Kampnagel zu einem echten Publikumsmagneten entwickelt. Tickets zu ihren Vorstellungen sind schneller weg, als man „Nesterval“ sagen kann. Wer ganz viel Glück hat, ergattert noch eine Karte bei einer Verlosung oder nach geduldigem Warten an der Abendkasse. Grund dafür ist der immersive Ansatz des Ensembles. Das Publikum wird in Kleingruppen aufgeteilt, die jeweils mit einem/einer Performer:in mitgehen, dessen deren Perspektive bei der zu erzählenden Geschichte verfolgen und somit in das Geschehen eingebunden sind. Gerade Menschen, die sonst Theater langweilig finden, rennen Nesterval die Bude ein. Zumal die Geschichten meist gesellschaftliche Probleme beleuchten und man als Zuschauer:in durch das direkte Dabeisein tief in das Geschehen eintauchen und später mit denen, die andere Perspektiven verfolgt haben, darüber diskutieren kann. 

Nachdem die Wiener Gruppe im letztern Jahr in „Das alte Dorf“ Dumpfheit und Missbrauch im  vergangenen Jahrhundert thematisiert hat und dafür im Museumsdorf Volksdorf gastierte, präsentiert sie diesmal auf der MS Stubnitz im Hamburger Hafen eine Premiere. In „Das Schiff“ werden zwei gesellschaftliche Klassen miteinander konfrontiert: die VIPs von der MS Nesterval und die sehr pragmatische Crew der MS Stubnitz. Die VIPs müssten eigentlich dankbar und demütig sein, denn ihr Schiff war in Seenot geraten, und die Passagiere sind von der MS Stubnitz gerettet worden. Aber Dünkel haben sie weiterhin und vielleicht auch irgendwie Dreck am Stecken. Denn ein paar wertvolle Diamanten sind verschwunden, weshalb eine Kommissarin an Bord ermittelt. 

Es geht treppauf, treppab.

Die Zuschauer:innen, anfangs mit roten bzw blauen Halstüchern als Leichtmatrosen in zwei Großgruppen unterteilt, werden einzelnen Personen auf dem Schiff zugeordnet und müssen in Kleingruppen beispielsweise unauffällig das Deck putzen, um den Befragungen der Kommissarin zuzuhören. Es geht treppauf, treppab, aufs Deck, in den Schiffsbauch und wieder zurück. Ständig ist man in Bewegung, nur ab und zu gibt es kleine Pausen mit einem Schnaps (freiwillig) und kurzen Informationen zur Arbeit auf dem Schiff, aber nur wenig zur eigentlichen Handlung. Wer hier welche Interessen hat, bleibt unklar. Nach gut einer Stunde werden alle Gruppen an Deck zu einem gemeinsamen Sirtaki-Tanz gebeten, danach wird neu eingeteilt. Mit der Maschinistin Maxi geht es unter Deck. Dort begegnet sie einem arroganten Herrn von den VIPs, der sich erst vollkommen daneben benimmt, Maxi aber bei einer erneuten Begegnung seine Liebe gesteht. Dass er verheiratet und seine Frau hochschwanger ist, wird ihr bald darauf zugetragen. Ob sich ein Mann in dieser Lage in eine andere verlieben darf, wird zur brennenden Frage, die in der Gruppe diskutiert werden soll. Bitte? Viel interessanter wären doch die aufeinanderprallenden Klassenunterschiede. Aber das bleibt außen vor. 

Möglich, dass Nesterval hier an eine karikaturistisch gemeinte Auseinandersetzung mit dem „Traumschiff“ gedacht hat. Der Begriff wird ja ständig in den Raum geworfen, und am Ende beim Captain’s Dinner finden sich schließlich alle Liebespaare und tanzen zu dem alten Schlager „Wir wollen niemals auseinander gehen“. Aber für eine Karikatur reicht es nicht. Zu sehr bleibt das Geschehen genau auf diesem Fernseh-Niveau stehen. Es fehlt das Bissige, Scharfe, was hier notwendig gewesen wäre, und man fragt sich, worum es hier eigentlich gehen sollte. Mit Nestervals beeindruckenden Produktionen der vergangenen Jahre kann „Das Schiff“ nicht mithalten, dafür ist diese Produktion zu beliebig. 

Immerhin hat man nach diesem Abend die Stubnitz in all ihrem Charme kennengelernt.

Die Veranstaltung läuft noch bis zum 14.08. Restkarten gibt es noch an der Abendkasse. Weitere Informationen unter: https://kampnagel.de/produktionen/internationales-sommerfestival-2026-theater-nesterval

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