Trapicana

Kuba – allein der Name erweckt zur Zeit ganz unterschiedliche Assoziationen: Salsa-Tänze, Musik, Strände auf der einen, Mangel an Strom, Nahrung und medizinischer Versorgung auf der anderen Seite. Wie beides sich zu einem berührenden, packenden Bild verdichtet, kann man jetzt beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel erleben. Dort feiert „Trapicana“, eine interkontinentale Produktion von Joana Tischkau, Jeremy Nedd, Sophie Yukiko und die kubanische Malpaiso Dance Company, eine begeistert aufgenommene Weltpremiere.  

Strahlen und tanzen für die Touristen (Tänzerin der Malpaiso Dance Company) – Foto: Lennart Brede

Die Kritik

Es ist stockdunkel in der k2. Selbst die Schilder für den Ausgang sind kaum zu erkennen. Ein leises Geräusch – ein Plätschern? – kommt näher, eine Gestalt in fahlem Licht schleift etwas hinter sich her, ein Schlauchboot vielleicht. Runde um Runde zieht sie über die Bühne, erweckt den Eindruck von Flucht und Hoffnungslosigkeit. Doch dann gehen plötzlich die Scheinwerfer an, acht weitere Tänzer:innen stürmen auf die Bühne, heben das vermeintliche Schlauchboot, das nun wie ein Torbogen aussieht und die Schrift „Trapicana“ trägt, und beginnen mitreißend zu tanzen. Mit Glitzer im Haar, grünen Kostümen (Lenna Stam) und einem ins Gesicht getackertem Lächeln liefern sie eine perfekte Show. Ja, genauso muss es im legendären Tropicana bis vor kurzem abgegangen sein. Das 1939 eröffnete Freiluft-Revuetheater mit Nachtclub, auch gerne als „Paradies unter Sternen“ betitelt, ist weltbekannt und gilt als eines der teuersten Ausflugsziele Havannas, vornehmlich besucht von den Reichen und Schönen dieser Welt, also ausländischen Tourist:innen.

Touristen fielen bislang immer auf diese Seite Kubas rein.

Zusammen mit dem New Yorker Choreografen und Performer Jeremy Nedd, der deutsch-amerikanischen Künstlerin Sophie Yukiko und der kubanischen Malpaiso Dance Company hat die deutsche Choreografin Joanna Tischkau das interkontinentale „Trapicana“ auf die Beine gestellt. In Kooperation mit Tanz im August hat die Produktion Weltpremiere beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel und sie zählt schon jetzt zu den Highlights des Festivals. Tischkau hatte nach einem Besuch in Havanna auf Einladung des Goethe-Instituts das „Tropicana“ besucht und war fasziniert von der opulenten Wasser-und Lichtshow, die in krassem Gegensatz zu dem herrschenden Mangel an Strom und Wasser steht. Touristen fielen bislang immer auf diese Seite Kubas herein (zur Zeit kommen ja keine mehr), sind also in die Falle gegangen.„Trap“ ist dafür das englische Wort. „Trapicana“ bot sich als Titel an, zumal Trap auch als Subgenre des Hip-Hop anklingt in dieser 75minütigen, keine Sekunde langweiligen Produktion. Denn es bleibt nicht bei der jedes Klischee aufgreifenden Show. Die Tänzer:innen verlieren ihr Lächeln, gruppieren sich zu Pulks und Reihen, fixieren ein Ziel irgendwo in der Ferne. Das aufblasbare  (aufgeblasene?) „Trapicana“-Portal fällt, wird wieder zu einer Art Schlauchboot. Die Gruppe kauert am Boden wie Gestrandete, sie wirkt beinahe privat in ihren Gesten und Bewegungen. Regen fällt und lässt im vorderen Teil der Bühne riesige Pfützen entstehen. Trostlosigkeit macht sich breit oder besser: könnte sich breit machen. Denn jetzt gehen nacheinander einzelne Tänzer:innen an die Rampe und beginnen zu tanzen. Leidenschaftlich und angefeuert mit Rufen und Klatschen der Gruppe. Ein Zeichen des Widerstands gegen jede Form der Unterdrückung – und ein großartiger, unbedingt sehenswerter Abend.  

Vorstellungen noch bis zum 08. August.

Weitere Informationen unter: https://kampnagel.de/produktionen/joana-tischkau-jeremy-nedd-sophie-yukiko-malpaso-dance-company-trapicana

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