Nach mir die Sintflut – das ist schnell mal dahin gesagt. Darüber nachdenken schon komplizierter. Das Choreografie-Trio [La] Horde & Ballet National de Marseille hat sich dennoch daran gewagt, voller Wucht, Wut und letztlich Freude. Zu erleben ist die Hamburger Deutschlandpremiere von „Après moi, le déluge“ (Nach mir die Sintflut) beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel.

Die Kritik
Am Anfang steht schon das Ende. Die Tänzer:innen verbeugen sich atemlos vor dem begeisterten Publikum, allerdings mit dem Rücken zu den tatsächlichen Zuschauer:innen der restlos ausverkauften k6. Denn die Jubelnden sind als Video auf den Bühnenhintergrund projiziert, und nach und nach läuft der Film rückwärts, bis der Saal und auch die Bühne leer und dunkel erscheint. Ein paar dumpfe Schläge untermalen die Untergangsstimmung, doch unterkriegen lassen gilt nicht. Mit ausgebreiteten, in die Luft gereckten Armen springen, drehen und wirbeln die zwölf Tänzer:innen des Ballet National de Marseille, choreografiert von [La] Horde, über den Bühnenboden, sprühen vor purer Lebensfreude, zeigen auf diese Weise der Apokalypse den Mittelfinger.
Mit “Après moi, le déluge“, zeigen [La] Horde & Ballet National de Marseille ihre mittlerweile sechste Arbeit beim Sommerfestival. Julien Peissel von[La] Horde hat mit einem beweglichen Bretterboden das bisher größte Bühnenbild für die Produktion der Truppe geschaffen. Eine von den Performer:innen geführte Kamera projiziert einzelne Gesichter oder Bewegungen auf den Hintergrund. Übergroß spiegeln sich hier Wut, Verzweiflung, Trotz, gepaart mit einem bedingungslosen Willen zum Leben.
Dann verengt sich das Licht, die Gruppe drängt sich zu einem Pulk zusammen. Die Seiten der Bühne werden abgebaut, der Rest wird hochgezogen und schwebt nun drohend über einem mit Wasser gefüllten Krater in der Bühnenmitte. Nebelschwaden wabern, Figuren mit entstellenden Masken baden im Krater, nagen wie Menschenfresser an einer leblosen Frau und werfen sie bald darauf wie eine Puppe hin- und her. Die Musik (Pierre Aviat) hämmert und dröhnt, wechselt ins Sphärische, unterbrochen von schrillen, metallischen Klängen. Zwei barfüßige Tänzer:innen in weißen Kleidern und langem Wallehaar (Kostüme: Salomé Poloudenny) nähern sich auf Zehenspitzen und machen dem Spiel der Monstren ein Ende. Tatsächlich erholt sich das Opfer und beginnt mit atemberaubenden Sprüngen seine Lebenskraft zu beweisen. Dieser Teil, in dem die Monstren die Herrschaft übernehmen und Leben vernichten, gerät mit kaum neuen Bewegungen etwas zu lang in der sonst überwältigenden 65minütigen Performance. Doch dann entfachen [La] Horde und die Tänzer:innen einen wahren Wirbelsturm. Bis an die Grenze der Verausgabung toben, springen, prügeln und tanzen sie. Alles gut also? Nicht ganz. Das letzte Bild zeigt deformierte Gestalten mit Elefantenarmen und Echsenschwänzen – aber sie bewegen sich mit Leichtigkeit. Immerhin.
Vorstellungen noch bis bis Samstag, 15. 08. 2026
Weitere Informationen unter: https://kampnagel.de/produktionen/la-horde-ballet-national-de-marseille-apres-moi-le-deluge